Power to the people – Power to the Tsuki

2018-12-27T17:10:09+00:00

Die Überschrift lässt (richtig!) vermuten, dass ich ein Fan von Pavel Tsatsouline bin, und kann im Bereich des Krafttrainings sein gleichnamiges Buch nur dringend empfehlen!

Sicher ist, dass ich mir mit diesem Artikel nicht nur einiges vorgenommen habe, sondern damit sicher auch ein paar Kontroversen hervorrufen werde. Gut so! Wenn es mir gelingt, den ein oder anderen damit zum Nachdenken zu bringen, prima!

ERSTMAL EINEN EINSTIEG FINDEN

Das Thema ist ein sehr (SEEEEHHHRR!) komplexes, da es nicht nur schier unendliche Faktoren in der Entwicklung von Kraft gibt, sondern auch in der Umsetzung viele mehr oder weniger sinnvolle Varianten. Einige davon führen zum Ziel, einige sind effektiv, aber nur wenige sind tatsächlich das, was wir im Karate anstreben sollten.

Befassen wir uns zuerst mit den allgemeinen Grundlagen, mit den Voraussetzungen für die Entstehung einer Kraftvollen Technik und ihrer Kraftübertragung. Natürlich habe ich es mir dabei einfach gemacht, und konzentriere mich dabei auf eine einzelne Technik, dem geraden Fauststoß oder auch Tsuki. Selbstverständlich kann aber der größte Teil meiner Ausführung ebenfalls auf alle anderen Techniken umgesetzt werden. Der Fauststoß ist von daher sehr interessant, weil er nicht unbedingt Karate spezifisch ist, und auch andere Kampfstile einen geraden Schlag verwenden. Hier fällt vor allem das klassische Boxen auf, und gerade aus diesem Bereich sind hervorragende Untersuchungen zu diesem Thema angestrebt worden.

Also, wo kommt die Kraft nun her? Sehen wir uns zuerst die grundlegenden physikalischen Fakten an, bevor wir weiter in die Details gehen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und in keiner bestimmten Reihenfolge fallen mir sofort folgende, entscheidende Faktoren ein:

  • Geschwindigkeit
  • Masse
  • Kraft (allgemein)
  • Timing
  • Technik
  • Balance

Es gibt sicher noch einige mehr, aber dies sind die Überbegriffe für viele kleine Unterpunkte, die wir für unsere detaillierte Ausführung benötigen.

#1 GESCHWINDIGKEIT

Ich habe bewusst diesen Begriff gewählt, denn er schließt nicht nur das Tempo einer Technik ein (und ist somit der maßgebende Faktor für die Entwicklung von Kraft), sondern auch Faktoren wie Beschleunigung und Explosivität. Es ist also nicht nur wichtig wie schnell eine Technik ist, sondern wie stark sie beschleunigt wird. Im Klartext bedeutet das, dass wir unsere Techniken direkt von Anfang an zu stark wie möglich beschleunigen müssen (Explosivität) um am Ende eine maximale Wirkung erzielen zu können.

#2 MASSE

Natürlich geht es bei Masse in unserem Fall um das eigene Körpergewicht, das bei einer Technik zum Einsatz kommt.  Dabei ist es allerdings nicht wirklich so entscheidend, wie schwer man ist, sondern wieviel der eigenen Masse man in eine Technik transportieren kann. Hier kommt dann eben die richtige Technik und das Timing (siehe Punkt 5 und 4) in´s Spiel, aber das später.

Aufgrund dieser beiden wichtigsten Faktoren, ist wohl die (vereinfachte) Formel Kraft = Masse X Beschleunigung auch in den meisten Karate Dojo dieser Welt bekannt. Eine gute Erklärung für den Bereich des Karate hat Jesse Enkamp hier.

Auch wenn dies die beiden physikalischen – mathematischen Grundlagen sind, finde ich die folgenden Faktoren ebenfalls wichtig.

#3 KRAFT (ALLGEMEIN)

Kraft lässt sich mit der oben genannten Formel ausrechnen, aber die Kraft von der wir hier sprechen, ist das, was man vielleicht mit „Stärke“ umschreiben könnte. Die Fähigkeit also, schweres Gewicht zu bewegen. Es dürfte unumstritten sein, dass ein stärkerer Mensch auch stärker zuschlagen kann, vorausgesetzt, er ist in der Lage, diese Stärke eben auch in die entsprechende Bewegung umzusetzen (Technik).

#4 TIMING

Timing, also der richtige Moment, ist in den Kampfkünsten und Kampfsportarten von entscheidender Wichtigkeit. Der richtige (bzw. der falsche) Moment kann in einem Wimpernschlag über Sieg und Niederlage entscheiden. Im Fall von Kraftentwicklung und Übertragung erhält Timing aber noch eine zusätzliche Bedeutung. Zum einen geht es darum, den Gegner im richtigen Moment zu treffen, z.B. in einer Vorwärtsbewegung, und somit die auftreffende Kraft nochmal zu maximieren. Zum anderen geht es aber auch darum, die richtigen Elemente von Spannung und Entspannung zu beherrschen, und diese effektiv einzusetzen.

#5 TECHNIK

Man sagt, dass die Entwicklung der Technik den Menschen an die Spitze der Nahrungskette katapultiert hat. In den Bereich der Technik fallen im Karate viele Dinge: Die richtige Ausführung der Technik (in unserem Fall der Tsuki) unter Auswahl der richtigen „Waffe“ (die Knöchel von Zeige- und Mittelfinger z.B.), mit der richtigen Körpermechanik (Koshi, Kime, Gamaku und Chinkuchi), in einer sinnvollen Stellung (wie z.B. Zenkutsu Dachi). All diesen „kleinen“ Details beeinflussen die zuerst genannten Faktoren von Masse und Kraft erheblich!! Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass unsere Lehrer auf der Perfektionierung der Technik so herum reiten.

#6 BALANCE

Wenn es etwas gibt, das ich aus meinem Training in verschiedenen Kampfkünsten gelernt habe, dann ist es die Wichtigkeit von Balance! Warum sich dieser Punkt auf meiner Liste wieder findet, ist einfach zu erklären. Da ich im zweiten Teil des Artikels aufzeigen möchte, wie Masse und Beschleunigung beeinflusst werden kann, werden wir dort auch Dinge wie „Schwung“ und „Anlauf“ wiederfinden. Beide Faktoren können die Kraftübertragung zwar maßgeblich verbessern, sind in einer Kampfanwendung aber oftmals vollkommen unbrauchbar, weil sie den sofortigen Verlust des Gleichgewichts nach sich ziehen. Ergo ist eine gute Balance bei der Ausführung einer starken Technik von absoluter Priorität.

Zugegeben, dass war bis jetzt nicht so schrecklich spannend, da er sich mit den nüchternen Fakten und teilweise hinlänglich bekannten Grundlagen der Kraft beschäftigt hat.

Jetzt wird es aber spannender!

Reden wir über die Karate spezifischen Elemente sowie um „Dos and Don´ts“ bei der Ausführung.

„DOS AND DON´TS“ BEI TECHNIKEN

Fangen wir einfach mit den Dingen an, die zwar sicherlich die Kraft einer Technik steigern, aber in einem Kampf oftmals nicht von Erfolg gekrönt sind. Die typischen Anfängerfehler sind wohl Ausholbewegungen und übertriebenes „schwungholen“ vor einer Technik. Dies kann sich in den unterschiedlichsten Bewegungen darstellen, und führt in der Regel dazu, dass der Gegner den Angriff bereits im Ansatz erkennt, oder man am Ende der Technik nicht mehr stabil steht (siehe „Balance“ im ersten Teil des Artikels). Dabei sind Schwung und Ausholen zwei wichtige und entscheidende Bestandteile einer kraftvollen Technik! Aber es kommt darauf an, diese so klein wie möglich zu halten, oder sie zu „kaschieren“, mit ihnen im Verborgenen zu arbeiten, so zu sagen.

In den Bereich von Schwung und Ausholbewegung gehört natürlich auch der „Anlauf“. Immer wieder sehe ich Kämpfer, die mehrere Schritte machen, um ihre Technik bereits im Vorfeld zu beschleunigen. Ja, auch diese Methode bringt mehr Kraft in die Technik, allerdings wird auch sie schon lange vor der Ausführung der Technik vom Gegner erkannt werden, da sie SEHR offensichtlich ist! Dabei rede ich nicht von einem Ausfallschritt oder einem notwendigen verkürzen der Distanz, sondern von mehreren, unnötigen Schritten.

Wie kann ich also Ausholen, Schwung holen, Anlauf nehmen ohne die oben genannten negativen Nebenwirkungen? Zum einen in dem ich diese Bewegungen klein halte, zum anderen, in dem ich meine „Schwung Masse“ geschickt einsetze.

Für einen Tsuki kann das bedeuten, dass ich einen ansatzlosen und direkten Schritt in den Gegner hinein mache. Beachte die unterstrichenen Worte EINEN, ANSATZLOSEN und DIREKTEN! Dabei sollte das Körpergewicht nicht zu sehr nach vorne geworfen werden, sondern nach unten vorne! Viele blockieren ihre Vorwärstenergie durch einen harten, schnellen Schritt mit dem vorderen Bein, und stoppen dabei die Kraft, die nach vorne gerichtet werden soll. Der berühmte Boxer und Weltmeister Jack Dempsey war für seinen „falling step“ oder auch „dropping punch“ bekannt. Dieses Konzept findet sich auch im Karate wieder, und wird dort besonders in den Stilrichtungen in Okinawa erfolgreich eingesetzt (zum Thema falling step siehe auch folgendes VIDEO).

Wir Karateka können sehr viel von den Boxern lernen, daher ist auch der zweite Tipp stark vom Boxen beeinflusst. Boxer rotieren stark mit ihrem Oberkörper, drehen  gerne die Hüfte beim Schlagen mit ein, oder drehen auf dem hinteren Bein, um zusätzliche Schlagkraft zu generieren. Dabei bewegt sich gerade bei einer Schlagkombination die eine Schulter (und Hüfte!) zum Ziel hin, wobei die andere Seite vom Gegner abgewandt wird. Durch diesen Vorgang entsteht wieder eine Rotation, und gleichzeitig eine verdeckte Ausholbewegung der hinteren Schulter / Hüfte. Diese wird aber nicht übertrieben ausgeführt um sowohl eine Deckung aufrecht zu halten, als auch das eigene Vorhaben zu vertuschen.

Manche Karateka, besonders aus dem Vollkontakt Bereich, haben sich diese beiden Methoden zu Eigen gemacht, und so ihre Schlag- und Trittkraft erheblich gesteigert. Für den Ring oder den Wettkampfbereich sind diese Methoden extrem effektiv! Warum im Karate diese Methoden eigentlich nicht verwendet werden, welcher Methoden stattdessen zum Einsatz kommen, und wie man diese ebenso erfolgreich einsetzen kann, zeige ich dir gleich.

Hier schon einmal ein kleiner Vorgeschmack. 😉

„KARATE RELEVANTE“ KRAFTENTWICKLUNG

Bisher haben wir uns ein paar grundlegende Bewegungsabläufe angesehen, und dabei auch viel aus dem Bereich des Boxens entliehen. Jetzt soll es, wie bereits versprochen, aber um die „Karate relevante“ Kraftentwicklung gehen.

Ein entscheidender Unterschied zwischen dem Boxen und dem Karate ist, dass man im Karate keine dicken Handschuhe trägt, die im Boxen quasi „durchschlagen“ werden müssen, um die entsprechende Wirkung auf den Gegner zu übertragen. Hinzu kommt, dass wir von Karate (auch wenn es für die meisten heute auch vorwiegend als Sport gilt) nicht als Sportart mit den entsprechenden Regelwerken sprechen, sondern als Methode der Selbstverteidigung.

Diese beiden Faktoren tragen dazu bei, dass Boxer und Karate Ka unterschiedliche Ansätze haben, wenn es um Ausführung und Umsetzung ihres Fauststoßes geht. Insgesamt kann vielleicht gesagt werden, dass die Kraftgenerierung im Karate einen kleineren Radius einnimmt, als dies beim Boxen der Fall ist. Der Punch (gerader Schlag mit der hinteren Hand) sieht zwar für das ungeschulte Auge dem Gyaku Tsuki sehr ähnlich, in der Ausführung sollte er jedoch entscheidende Unterschiede aufweisen. Wo der Boxer einen großen Teil seiner Kraft aus dem Schultergürtel bezieht (Rotation der Schultern sowie langes nach vorne strecken des Schlagarmes über die Parallele hinaus) scheint der Karate Ka sparsamer in seiner Bewegung zu sein. Er lässt die Schulter weitestgehend aus der Bewegung heraus, zieht sie nicht wie der Boxer hoch, sondern senkt sie sogar eher, und konzentriert dabei auf die Kraftgewinnung aus den Beinen und der Rotation der Hüfte (Koshi).

Beim Einsatz der Hüfte gibt es auch verschiedene Möglichkeiten. Beide Versionen setzen voraus, dass die Hüfte während der Technik zum Ziel (Gegner) gerichtet sind, wobei sie bei der einen Variante am Ende der Technik dort „arretiert“ wird, in der zweiten Version (sog. „Doppelpeitsche“, siehe Video) wieder in ihre vorherige / neutrale Position zurück pendelt bzw. fällt.

Dabei wird die Hüfte sowohl axial gedreht, als auch von einer neutralen Position posterior (siehe Skizze) und wieder zurück in die neutrale Position gedreht, je nachdem welches der beiden oben genannten Prinzipien angewandt werden. Mit dieser Methode wird Rotation, Ausholbewegung und Kraftübertragung auf kleinstem Raum ausgeführt, ohne dabei auf übertrieben große Aktionen auszuweichen.

Diese Hüftbewegung macht die eigentliche Technik des Karate aus Okinawa aus, und wird oft mit Begriffen wie Gamaku beschrieben (hier ein guter Artikel zur Begriffserklärung).

Die Beherrschung der Hüfte ist allerdings für die meisten Karate Ka eine echte Herausforderung, und wird leider nicht in allen Dojos so gepflegt bzw. erklärt. Um eine gewisse Meisterschaft darin zu erlangen muß man diese Bewegungen intensiv üben, und wird sie nicht „über Nacht“ umsetzen können, wenn man mit der Übung beginnt. Probiert es einfach aus, setzt es um und unterstützt damit die Kraftübertragung in euren Techniken. Nicht nur beim Tsuki 😉

Hier nun auch das versprochene Video.

/Ganbatte

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