Des Turnvaters böser Geist 2.0

Ralf Pfeifer spricht genau das an, was ich mir jedes Mal im Training denke. Muss es immer dieser blöde Hampelmann sein?

Ich gehe ins Training, das dauert zwischen 60 und 90 Minuten und davon bin ich 10 bis 15 Minuten mit sportlichen Aufwärmübungen beschäftigt. Manchmal gegen Ende noch eine Krafteinheit von 10 Minuten. So habe ich vielleicht effektiv 40 Minuten Karate gemacht. Geht es nicht auch anders?

Zunächst einmal zum Originalartikel geht es hier entlang.

Ralf Pfeifer auf Hoploblog: Des Turnvaters böser Geist

Auf folgendes möchte ich genauer eingehen:

Seit Jahren rechne ich den Kampfsportlern und Trainern vor, dass die Teilnehmer nur ein begrenztes Zeit-Budget für ein Training haben. Wenn es gut läuft, kommen die Teilnehmer über mehrere Jahre zu drei Trainingseinheiten je Woche à 90 Minuten.

Wenn davon jedoch die ersten 12-15 Minuten für Turnübungen ohne Kampfwert verloren gehen, fehlt die Zeit beim Training der Ziele, die ich eigentlich erreichen möchte! Insbesondere wenn es ein konkretes Versprechen an die Teilnehmer gibt, wie „an Wettkämpfen teilnehmen“ oder „Selbstverteidigung erlernen“, bedeutet sinnfreies Warmturnen einen echten Verlust, durch den 1/6 der Trainingszeit entwertet wird.

Aber zunächst…

Warum ist Aufwärmen wichtig?

Der Sinn des Aufwärmens besteht darin, den Körper physisch und psychisch auf die anstehende Belastung vorzubereiten.  Während der Aufwärmphase steigt die körperliche Leistungsfähigkeit, man kommt sozusagen auf Betriebstemperatur. Dabei erhöht sich die Körpertemperatur, die Sauerstoffaufnahme steigt und die Muskeln werden besser durchblutet. Gelenkknorpel werden durch die lockere Bewegung besser mit Nährstoffen versorgt.

Neben der körperlichen Leistungsfähigkeit soll das Aufwärmen auch die Verletzungsgefahr senken. Sehnen, Bänder, Muskeln und Gelenke werden durch eine leichte Aktivität vor dem eigentlichen Sportpensum bestens präpariert, die Gefahr von Muskelschmerzen und Sportverletzungen wie Zerrungen und Faserrissen wird reduziert.

Vergiss diese zwei Absätze bitte nicht.

Jetzt wieder zurück zum Artikel von Ralf Pfeifer.

Des Turnvaters böser Geist

Wir Deutschen sind eine Nation von Turnern. Ich lass dieses Satz jetzt einfach mal so stehen. Wir lieben es zu springen, zu rennen, unsere Arme zu kreisen, Hampelmänner zu machen. Ich mache es auch immer noch gerne. Aber alles zur rechten Zeit, am rechten Ort und zum rechten Zweck.

Was Ralf Pfeifer in seinem Artikel anspricht, verstehe ich insoweit als eine Standardisierung des Aufwärmtrainings. Es sieht irgendwie immer gleich aus und es dauert immer gleich lang. Daran ist zunächst nichts verwerflich. Wenn wir uns so aufwärmen, sind wir warm.

Jetzt kommen wir zur eigentlichen Kritik. Was zunächst vielleicht nicht verwerflich ist, ist natürlich verwerflich. Schau Dir das Zitat oben noch einmal an. Wir entwerten 1/6 der Trainingszeit durch sinnfreies Warmturnen.

Die Sinnfreiheit entsteht natürlich nicht durch eine Abwertung des Aufwärmtrainings, sondern durch die Zielverfehlung von Aufwärmen (Turnen) und Kampfkunst.

Aufwärmen mal anders

Hier der Vorschlag von Ralf Pfeifer:

Suchen Sie Übungen, die insbesondere folgende Kriterien erfüllen:

  1. Möglichst hoher Wert für die Kampfsituation, also häufig verwendete Kampftechniken
  2. Zweikampfcharakter erhalten, aber durch Regeln bremsen
  3. Starke Dehnung vermeiden
  4. Große Kräfte vermeiden

Als ich den Artikel das erste Mal gelesen hatte, habe ich mich gefragt, wo der Aufwärmcharakter bleibt. Hält Ralf Pfeifer aufwärmen für schlecht? Natürlich nicht. In seinen Kriterien ist der eigentliche Sinn von Aufwärmübungen schon enthalten. Dadurch das starke Dehnung und große Kraft vermieden werden, ist die Intensität der Übungen gering genug um als Aufwärmübung zu fungieren.

Die ersten beiden Kriterien sind kampfbezogen. Ich finde es schade, dass sie nicht allgemeiner gehalten wurden. Es kommt hierbei nämlich auf das Ziel des Trainers und der Trainierenden an. Je nach Ziel variieren die Ansprüche. Pfeifers Kriterien beziehen sich nur auf den Zweikampf. Auch andere Zielsetzungen wären denkbar.

Trotzdem empfinde ich den Gedankengang von Ralf Pfeifer durchaus berechtigt. Wieso soll ein Aufwärmtraining nur dem Aufwärmen dienen. Durch kampfkunstspezifische Übungen können wir sogar bereits während des Warm Up unsere Kampfkunst verbessern. Durch die hohen und lockeren Wiederholungszahlen vielleicht sogar ein paar Automatismen entwickeln.

Also den Hampelmann kann ich auch schon mit geschlossenen Augen 😉

/Respekt

By |2017-11-12T15:17:20+00:00April 25th, 2018|1 Comment

One Comment

  1. […] Oh, hierzu möchte ich gerne auch auf einen meiner Artikel verweisen: Des Turnvaters böser Geist 2.0 […]

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