Karate als Selbstverteidigung?

Ich denke momentan viel über die Möglichkeit nach, ob Karate tatsächlich als Selbstverteidigung zu gebrauchen ist. Die zugänglichen Informationen sind äußerst unbefriedigend!

Für Input lese ich in Foren, in SV Büchern und besuche Seminare. Nebenbei trainiere ich selbst noch viel. Was ich herausgefunden habe, ist mehr als unbefriedigend und dennoch komme ich zu einer „überraschenden“ Lösung.

Am Anfang meiner Recherche habe ich mich auf Foren konzentriert. Foren wie man sie eben kennt. Viele Beschimpfungen, teils wenig Inhalt und keine konstruktive Diskussionen. Nur Einzelmeinungen und nicht mal der Ansatz eines Versuchs Meinungen zusammenzubringen. Foren kommen so meist zu dem Schluss, Karate ist als Selbstverteidigung nicht geeignet. Man solle sich doch besser ein richtiges SV System (Krav Maga, Wing Chun, Jiu Jitsu?) suchen, wenn man Wert auf Selbstverteidigung legt.

Äußerst unbefriedigend!

SV Bücher sind hier ebenfalls nicht sonderlich ergiebig. Entweder zeigen sie nur die absoluten Standards oder schwierige, tiefgreifende Kombinationen. Dies soll nicht heißen, dass die Bücher nutzlos sind, aber auf meine Frage „Karate als Selbstverteidigung“ geben sie keine Antwort.

Immer noch unbefriedigend.

Die guten, alten SV Seminare. Ich habe gute, weniger gute und echt schlechte Seminare besucht. Wenn das Thema Karate als SV ist, bekommt man meistens schwierige situationsbezogene Bunkai-Anwendungen und modifizierte Kata-Sequenzen. Wenn das Thema nur SV ist, dann kommt wieder der ganze Standardkram. Fuß treten, Augen kratzen, von unten auf die Nase hauen,  in die Genitalien schlagen. Das Schlimme ist, ich rede hier nicht nur von Anfängerseminaren, sondern auch für vermeintlich Fortgeschrittene. Ich möchte hier nicht sagen, dies sei nicht effektiv, trotzdem kann es nicht alles sein.

Was mich auch sehr stört, Karateka können sich meist nur gegen Karateangriffe wehren. Das ist natürlich nicht die Schuld des Karateka, sondern die des falschen Trainings. Meinen Trainingspartner und mir ist dieses Phänomen vor nicht allzu langer Zeit aufgefallen. Er meinte zu mir, ich solle ihn angreifen, wie jemand von der Straße. Anstatt anzugreifen, musste ich erst mal überlegen, wie so ein Angriff aussehen soll. Ich wusste es einfach nicht. Dieser Umstand behindert natürlich ein realitätsnahes Training.

Ich könnte noch viel mehr zu Thema sagen aber im Grunde reicht es aus. Karate ist als Selbstverteidigung nicht geeignet! So könnte die direkte Schlussfolgerung aussehen.

Die Überraschung: Karate als Selbstverteidigung

Das oben beschriebene ist die derzeitige Realität was Karate als SV angeht. Nicht zu 100% aber sicherlich zu 99%. Aber was Realität ist, muss nicht wahr und/oder in Stein gemeißelt sein. Denn Karate ist absolut als SV System einsetzbar und bringt noch einen ganz entscheidenden Nebennutzen mit sich.

Ich habe mich gefragt, wieso sind Krav Maga und Wing Chun augenscheinlich so effektiv in der SV. Liegt es an den Techniken? Liegt es an den Menschen? Liegt es an den Trefferzonen?

Nein, Nein, Jain!

ES LIEGT AN DER TRAININGSORGANISATION!

Jetzt kannst Du dir noch einmal die Frage stellen. Ist Karate als Selbstverteidigung geeignet?

Ja und nein sind zu allgemeine Antworten. Die Antwort müsste lauten, mit der derzeitigen landläufigen Trainingsorganisation ist Karate als Selbstverteidigung nicht zu gebrauchen. Wenn wir Karate als SV nutzen möchten, müssen wir etwas am Training ändern.

Aber es wäre fataler Quatsch zu behaupten, Karate sei nur etwas für Ästheten und für den Kampf nutzlos. Karate ist Karate! Was wir daraus machen, liegt ganz bei uns. Entweder wir kastrieren es oder wir entfalten sein ganzen Spektrum.

Kommen wir zum kleinen Nebennutzen des Karate. Wenn ich es kurz beschreiben müsste, würde ich es den positiven Mindset von Karate nennen.

Karate richtig trainiert, bildet gute und respektvolle Menschen aus. Da Karate noch viel mehr ist als nur Kampf, kann ein guter Trainer den Fokus auch einmal ändern. Kann somit die Situation entspannen und die Trainierenden erden.

Reine SV Systeme kümmern sich nur um kämpferische Aspekte. Ich glaube daran, dass das was man tut, man auch wird. Bist Du also nur am kämpfen, wirst Du ein Kämpfer. Auch glaube ich daran, dass das was man gut kann, auch tun möchte. Somit will der Kämpfer kämpfen. Dies ist nicht das Ziel von Selbstverteidigung. 

Aufgrund der Vielschichtigkeit von Karate wird der Karateka nicht nur zum Kämpfer ausgebildet.

Fazit

Karate ist zur SV mehr als geeignet. Auch bringt das richtige Training von Karate ein positives Mindset mit sich. Damit kann das Training von Karate dafür sorgen, dass Du ein guter Mensch mit der Möglichkeit zur Selbstverteidigung wirst.

Jedoch musst Du dein Training dementsprechend anpassen. Durch reines Kata laufen, wird kein SV-Experte aus Dir.

By | 2017-11-12T15:10:32+00:00 April 11th, 2018|2 Comments

2 Comments

  1. Karateka 22. Februar 2016 at 00:30 - Reply

    Ich denke mir, dass Karate früher mal SV orientierter gewesen sein muss, zu der Zeit, als es auch primär als SV benutzt wurde, als man es nur auf Okinawa kannte.

    Das „Koryu Uchinadi“ von Parick McCarthy (https://www.youtube.com/watch?v=YjPSDHFqmGE) oder das Karate von Ian Abernethy (https://www.youtube.com/channel/UCSj2QtVA86RVWDXXSnP0PkA) sieht wie effektives Karate aus.
    Beides kann man auch in Deutschland trainieren. Vielleicht gehe ich mal auf einen Lehrgang von Abernethy.

    Allerdings gab es wahrscheinlich nie wirklich das *Goldene Zeitalter*, als man alle Kata(s) noch *richtig* gemacht hat und so. Wenn sich Karate heute innerhalb von 50 Jahren ändern kann, obwohl es heute Bilder, Videos, Bücher und standardisierte Prüfungsordnungen gibt, dann hat es sich wahrscheinlich schon immer verändert und mit anderen Kampfkünsten vermischt.

    Thema „kompliziertes Bunkai“: Wahrscheinlich muss man da die grundlegenden Prinzien lernen und dann auf verschiedene Situationen anwenden. Irgendwie System reinbringen. Mein Trainer macht leider nicht so viel Bunkai und auf Lehrgängen ist keine Zeit auf Systematik einzugehen. Da ist dann das Thema eher „Jion von vorne bis hinten“.

    • Basty 26. Februar 2016 at 22:52 - Reply

      Danke für deine Kommentar.
      Die Videos von Abernethy schaue ich mir immer gerne an. McCarthy war für mich neu, sieht aber auch sehr interessant aus.

      Das einzig Konstante ist die Veränderung. Das eine Karate kann es so gar nicht gegeben haben oder geben. Dieses Karate wäre für mich auch garnicht erstrebenswert. Ich möchte wenn überhaupt mein Karate.

      Wegen SV Anteil im Karate ist auch immer so eine Sache. Für mich ist dieser absolut wichtig und notwendig. Wiederrum für andere ist er es nicht. Jedoch sollten die Menschen aufhören sich selbst zu belügen. Weil der Umstand ist so simpel. Trainiere ich SV, dann kann ich irgendwann SV. Wenn nicht, dann nicht.

      /Rei

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