Karate ausüben oder Karate verstehen

Nein, ich verstehe Karate natürlich nicht. Ich stehe noch vollkommen am Anfang! Doch manchmal habe ich das Gefühl junge und erfahrene Karateka versuchen nicht einmal Karate zu verstehen. Lass mich Dir etwas aus meinem Traineralltag erzählen.

In die Form gepresst, bis wir passen!

Zenkutsu Dachi, Kokutsu Dachi, Kiba Dachi. Absolute Basisstellungen! Die meisten Karateka lernen diese Stellungen in den ersten Unterrichtsstunden. Anschließend werden diese Stellungen eingeschliffen und bis ins unendliche routiniert.

Manchmal habe ich sogar das Gefühl, wenn ich spazieren gehe, bewege ich mich im Zenkutsu fort.

Wir werden so stark in diese Form gepresst, dass das anfängliche Unbehagen verschwindet und die Stellung irgendwann Teil unseres „natürlichen“ Bewegungsapparates wird. Manche werden sagen, anfängliches Unbehagen ist vollkommen normal, weil sich ein Körper zunächst an die neue Belastung gewöhnen muss. Dem stimme ich nur eingeschränkt zu!

Eine Stunde der Verwirrung

Der kleine Großkotz Basty steht vor einer Gruppe erfahrener Karateka. Mit seinen 6 Jahren Erfahrung hatten vermutlich alle in diesem Raum mehr Erfahrung als er.

Das ist echt immer wieder ein blödes Gefühl, kann ich dir sagen.

Ich hatte mir als Thema der Stunde die natürliche Kampfbewegung überlegt. Als Grundlage dienten natürlich die routinierten Stellungen, wie oben erwähnt.

Meinen Trainingsaufbau habe ich exemplarisch am Zekuntsu Dachi aufgebaut.

Übung 1: Zenkutsu links vor. 3 – 4 Bahnen laufen in einem sauberen Zenkutsu.

Frage an die Gruppe: Was habt ihr gerade getan?

Antwort der Gruppe: Wir sind Zenkustu Dachi vorwärts und rückwärts gelaufen.

Übung 2: Oi Zuki und Age Uke im Zenkutsu Dachi. 3 – 4 Bahnen laufen.

Frage an die Gruppe: Was habt ihr gerade getan und was ist bei eurem Zenkutsu Dachi passiert?

Antwort der Gruppe: „Die Gruppe schien sichtlich verwirrt“ Wir haben vorwärts geschlagen und rückwärts abgewehrt. Der Zenkutsu ist rückwärts schwieriger weil man das Gewicht auf dem vorderen Fuß lassen muss. Die Stabilität geht bei den Techniken ein bisschen verloren weil es dynamischer wird. Der Hüfteinsatz muss stimmen.

Übung 3: Zenkutsu Dachi laufen. 5 – 6 Bahnen. Hohe Stellung und tiefe Stellung.

Frage an die Gruppe: Was passiert mit eurem Körper, wenn ihr Zekutsu lauft? Wie bewegt ihr euch?

Antwort der Gruppe: „Langsam etwas angepisst“ Wir machen einen Schritt vorwärts. Das Knie muss über den Fuß, das beugt Verletzungen vor. Das hintere Bein ist gestreckt. Wir verlagern das Gewicht in einer stabilen Stellung nach vorne.

Jackpot!!! Die Form beginnt zu bröseln.

Übung 4: Ankündigung, dass wir mit den Stellungen fertig sind. Wir gehen jetzt zum SV Teil über. Trainingspartner A schubst B leicht von hinten, damit A das Gleichgewicht verliert und dies abfangen muss.

Frage an die Gruppe: Was ist passiert?

Antwort der Gruppe: Wir wurden von hinten geschubst und wir mussten den Sturz abfangen. Man muss auf seinen Nacken aufpassen, wenn man von hinten geschubst wird. Wenn wir nach vorne fallen, müssen wir uns mit den Händen am Boden abschlagen. Wir verlagern das Gewicht in einer stabilen Stellung nach vorne. Das sieht aus wie Zenkutsu Dachi.

Ins Schwarze! Das sieht nicht nur aus wie Zenkutsu, sondern das ist Zenkutsu! Der Übergang von der Form zur freien und natürlichen Bewegung ist eingeleitet. Der Verstand der Trainierenden bereitet sich auf ein Umdenken vor. Zenkutsu Dachi wird als Form gelehrt, doch irgendwie ist es auch eine natürliche Körperbewegung. Kann man dieses Wissen nutzen?

Von der Form zur freien Bewegung

Ich muss gestehen, dieses Training hat so nie stattgefunden. Es entspringt meiner Erfahrung als Trainer über viele Kurse, mit noch mehr Menschen. Ein tatsächliches Umdenken von der Form zur freien Bewegung benötigt unheimlich viel Zeit und Energie. Die Wenigsten wollen ihre Form tatsächlich fallen lassen.

Doch was passiert mit denen, die von der Form zur Bewegung gelangen?

Grundsätzlich kann gesagt werden, das die Steifheit aus der Bewegung allmählich verschwindet und die Bewegung  unbekümmerter wird. Auch bekommt das Karate eine völlig neue geistige Qualität. Durch das lösen von der Form muss man über Bewegungen völlig neu nachdenken.

Die Frage lautet demnach nicht mehr, wie muss ich etwas machen? Sie lautet nun, wieso mache ich es genau so?

Bleiben wir beim Zenkutsu Dachi.

In dieser Form wird Zenkutsu oft gelehrt. 

Stelle dich links vor. Tiefer. Noch tiefer, Du hast lange Beine! Stehe schulterbreit. Achte darauf, dass dein Knie über deinem Fuß ist. Spanne hierzu die Oberschenkelmuskulatur an, damit dein Knie nicht einfällt. Dein hinteres Bein ist gestreckt. Lasse deinen Oberkörper dabei immer aufrecht. Die Hüfte ist zunächst abgedreht.

Wenn Du dich jetzt auch vorne bewegst, setze zuerst deinen hinteren Fuß neben den Vorderen. Dein Po soll nicht nach hinten ausbrechen. Bleibe weiterhin aufrecht. Jetzt setze den rechten Fuß in einer Halbkreisbewegung nach vorne. Korrigiere Deine Position. Sie sollte identisch, wie zuvor aussehen.

Dies wird bis zum Erbrechen geübt. Die Wenigstens hinterfragen, wieso eigentlich der ganze Mist?!

Wenn die Form bricht.

Ja, was passiert, wenn die Form bricht? Dann gibt es im Karate keine Stellung mehr, die Zenkutsu Dachi heißt! Es gibt nur noch die freie Bewegung mit den verinnerlichten Prinzipien, die uns die abgeworfene Stellung Zenkutsu Dachi vermittelt hat.

Wie können diese Prinzipien des Zenkutsu Dachi aussehen?

  • Gewichtsverlagerung nach vorne
  • Schulterbreiter Stand
  • Halbkreisförmige Bewegung nach vorne oder Bewegung über die Zentrallinie des Körpers
  • Knie „über“ dem Fuß
  • Hüftbewegung zur Technikunterstützung
  • Aufrechter Oberkörper

Diese Prinzipien gelten natürlich nur, wenn man versteht wofür sie dienen. Richtig trainiert, machen sie einen zu einem besseren Karateka. Richtig eingesetzt, zu einem besseren Kämpfer. Besonders im Bunkai und im freien Kampf versuche ich mich ihrer zu erinnern und sie zielgerichtet einzusetzen.

Gerne überlasse ich es Euch, diese Prinzipien in den Kommentaren zu diskutieren oder in der Luft zu zerreißen 🙂

/Rei

By | 2017-11-12T15:06:47+00:00 April 4th, 2018|0 Comments

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