Erfahrung zu schlechtem Partnertraining

In meiner noch recht jungen Kampfkunstzeit, bin ich im Verhältnis dazu schon lange als Trainer unterwegs. Vermutlich habe ich jeden Fehler begangen, den man als Trainer begehen kann. Einen dieser Fehler möchte ich hier mit Dir teilen.

Ich habe unheimlich viel daraus gelernt. Wie die Überschrift schon sagt, geht es um schlechtes Partnertraining.

Selbstverteidigung ist mein Steckenpferd. Ich rede lieber von angewandtem Karate aber mit SV kann jeder etwas anfangen. Auf diesem Gebiet habe ich schon viele Fortbildungen besucht  und einige Kurse gegeben. Eine Situation hat sich mir besonders ins Gedächtnis gebrannt.

Diese Situation hat mir gezeigt, wie wichtig eine gute und präzise Anleitung ist (auch für Offensichtliches), was gutes Partnertraining ausmacht und wie notwendig eine sichere „Erste Hilfe“ ist.

Kommen wir zur Geschichte.

Bei dem Kurs handelte es sich um einen Anfänger- oder Einsteigerkurs für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. Es war ein sehr privater kleiner Kurs. Dieser hatte 10 Einheiten und in der letzten Einheit ging es schief.

Wir spielten die Situation durch, wenn der Angreifer sein Opfer mit beiden Händen an den Schultern gegen eine Wand drückt. Das Opfer sollte sich hieraus mit einer gezeigten Technik befreien. In diesem Fall war der Angreifer ein Mann, das Opfer eine Frau.

Es lief soweit alles gut. Die Technik funktionierte bei geringer Intensität. Also sagte ich, dass die Beiden die Intensität in Absprache miteinander steigern sollen. Der Mann ein bisschen frustriert, dass er sie nicht halten konnte, erhöhte seinen Druck zunehmend.

Hier passierte es. Der Druck wurde zu groß, die Befreiung klappte nicht mehr. Ich sah es aber Schritt nicht ein. Ich habe mir einfach nichts dabei gedacht (schön blöd, oder?!)

Ihre Schulter kugelte für einen kurzen Moment aus und sprang wieder zurück ins Gelenk.

Mir ist die Schulter noch nie ausgekugelt, also kann ich den Schmerz nicht nachempfinden aber es muss sehr weh getan haben. Sie wurde kreidebleich und fing an zu weinen.

Ich ging zu ihr, versuchte dabei nach außen ruhig und gelassen zu wirken. Das gelang mir auch ganz gut, innerlich jedoch überschlugen sich meine Gedanken.

  • Was tust/sagst du jetzt?
  • Was habe ich im erste Hilfe Kurs gelernt?
  • Wo hab ich nur mein Handy?
  • Wie gehst ud mit ihrem Partner um?

Es waren viele Gedanken und mein Kopf raste! Ich versuchte meine Gedanken so gut wie möglich zu sortieren.

  1. Ihre Schulter war wieder an Ort und Stelle. Es tut zwar weh aber der Arm und die Schulter sind stabil. Erstmal den Arm ruhig stellen.
  2. Sie ist kreidebleich. Hinlegen und Beine hoch. Nicht, dass sie noch umfällt.
  3. Sie ansprechen und beruhigen. Sie fragen, ob sie einen Notarzt haben möchte. Sie wollte keinen Notarzt.
  4. Das Training fortführen, ihrem Partner die Schuld nehmen und sie unter Beobachtung halten.

So habe ich damals reagiert. Ich war einfach überfordert. Heute würde ich direkt einen Notarzt bestellen oder Sie ins Krankenhaus fahren. Das Training würde ich abbrechen und mich im Nachhinein mit dem Verursacher hinsetzen, um ihm die Schuld zu nehmen oder wenn es böse Absicht war, dies mit ihm zu klären.

Die Situation kann ich nicht ändern. Alles ist gut verlaufen, das Glück ist mit den Unerfahrenen.

Was konnte ich daraus lernen?

Mit einer gewissen Distanz konnte ich die Situation etwas objektiver betrachten und meine Lehren daraus ziehen.

  1. Meine Reaktion nach einem Unfall muss durchdachter werden. In einer Notsituation muss ich mir einen Handlungsleitfaden zurechtlegen. Kein großes Nachdenken, einfach handeln!
  2. Eine erste Hilfe Ausrüstung muss im Training immer dabei sein. Ab diesem Zeitpunkt ist es Teil meiner Trainingsausrüstung. Auch wenn der Verein ausgestattet ist, ich bin es auch!

Das ist der offensichtliche Teil. Das Problem ist da und das Problem muss gelöst werden. Wie kann ich aber verhindern, dass diese Situation jemals wieder eintritt?

Nun ja, man kann nicht jede Situation kontrollieren, manchmal gehen Dinge einfach schief.

Ja, das stimmt, doch kann ich die Ausgangslage in gewissem Maße beeinflussen? Vielleicht mehr Rücksicht, bessere Beobachtung, gezieltes  Einschreiten und stärkere Aufklärung und Sensibilisierung der Trainierenden beim Partnertraining.

Die ersten 3 Punkte kommen mit der Zeit und Trainererfahrung.  Den letzten Punkt: Stärkere Aufklärung und Sensibilisierung der Trainierenden beim Partnertraining habe ich in meinen Trainingsplan mit aufgenommen.

Sensibilisierung im Training

Der Mensch ist vergesslich. Wenn er nicht ständig wiederholt, verblassen Erinnerungen und Gelerntes und er verfällt in alte Muster zurück. Jede von mir geleitete Trainingseinheit hat eine Partnerkomponente. Die Trainierenden müssen sich jedes Training auf einen Partner einstellen und entwicklen so langsam eine gewissen Sensibilität. Zusätzlich unterstütze ich diesen Lernprozess mit beinahe immer den gleichen Belehrungen.

  • Sprich dich mit deinem Partner über die Intensität ab.
  • Besprecht kurz zwischen den einzelnen Wiederholungen, wie sich die Übung angefühlt hat (technisch und emotional).
  • Bedenkt immer den „wie du mir, so ich dir“-Gedanken.
  • Ihr trainiert miteinander und nicht gegeneinander. Ihr sollt/müsst euch nichts beweisen.
  • Lernt voneinander.

Ein kleiner Exkurs zu „wie du mir, so ich dir“

Oft höre ich, dass eine bestimmte Technikanwendung im Bunkai oder SV nicht funktioniert. Dann lasse ich sie mir zeigen oder sehe sie mir von außen an und oft liegt die Erklärung auf der Hand. Der „wie du mir, so ich dir“-Gedanke wird nicht befolgt.

Nehmen wir als Beispiel einen starken Mann als Angreifer und eine schwache Frau als Verteidiger. Der Angreifer packt mit super festem Griff beide Handgelenke und die Verteidigerin ist hilflos und kann sich mit einer Standard-Befreiungstechnik nicht befreien. Ganz klar oder? Die Technik ist schuld!

Das ist absoluter Quatsch. Die Technik funktioniert. Die ausgeführte Intensität der Befreiung passt nur nicht zur Intensität des Angriffs. Damit die Verteidigerin sich befreien kann, muss sie die Intensität hochschrauben um sich aus dem super festen Griff befreien zu können. Das wäre mit Schmerzen und eventuellen Langzeitfolgen für ihren Partner verbunden.

Für das Partnertraining heißt das, wenn du das Echo nicht verträgst, dann schalte einen Gang zurück. Dann kann sich der Partner in Ruhe befreien und die Technik ordentlich üben. Natürlich kann man nach Absprache auch unter einer hohen Intensität trainieren. Wichtig ist nur, dass beide Partner die gleichen Erwartungen an die Übung haben. Denn der Körper stellt sich auf eine leichte Belastung anders ein, als auf eine starke Bedrohung.

Die Überschrift dieses Artikel lautet „schlechtes Partnertraining“. Ich habe versucht dies aus zwei Perspektiven zu beleuchten.

Einmal der Trainer-Perspektive: Der Trainer ist für gutes Partnertraining verantwortlich. Er muss den Prozess steuern und gegebenenfalls eingreifen.

Und der Trainierenden-Perspektive: Nimm dir die Gedanken zu Herzen und übertrage sie in Dein tägliches Training. Durch ordentliches Partnertraining gewinnt unsere Kampfkunst so viel an Wert.

Hast Du auch solche Erfahrungen in Deinem Trainingsalltag machen müssen? Wie sieht das Partnertraining bei euch aus und hast du auch noch ein paar Hinweise?

Schreib bitte kurz in die Kommentare 🙂

/Respekt

By |2017-11-12T14:31:51+00:00Februar 28th, 2018|1 Comment

One Comment

  1. Duke 16. November 2015 at 13:32 - Reply

    Hallo Basty,
    dein Artikel ist wirklich sehr aufschlussreich und gut geschrieben!
    Deine ganze Seite gefällt mir sehr gut.

    Ich habe ähnliche Erfahrungen im Bezug auf das Partnertraining machen können.

    Auf viele Angriffe kann reagiert werden, so unterlegen der Verteidiger auch zu sein scheint, aber steht es meist während eines Trainings nicht in der Relation zu dem eigentlichen Ziel des Trainierens und des Lernens.
    Zerstören oder Überleben kann der Verteidiger auf viele unterschiedliche Arten und Weisen, doch darum geht es, wie du so schön geschrieben hast, nicht im Training!

    Deine Grundsätze gefallen mir sehr gut!
    Gerade der Aspekt der Absprache zwischen den Partnern, denn nur der Partner kann feststellen oder kritisieren wie korrekt eine Technik angewandt worden ist. Erst wenn diese Absprache und das Vertrauen auf den Partner funktionieren, kann eine Technik korrekt erlernt und später in seiner Intensität gesteigert werden.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Techniken gab bei denen ich verzweifelte, da ich sie nicht richtig umesetzen konnte. Ich trainierte diese immer wieder und immer wieder mit meinem Partner, aber sie klappten einfach nicht. Bis ich mich irgendwann durchringen konnte den Partner zu wechseln. Mein neuer Partner sagte mir sofort, dass meine Beinstellung nach dem Eingang in die Technik vollkommen falsch war und ich diese deshalb nie richtig anwenden konnte! Ich fixierte mich so sehr auf die Technik und auf den Griff selbst, dass eigentlich alles stimmte. Eigentlich, aber das wichtigste, meinen festen Stand habe ich immer wieder vernachlässigt. Ich fing ganz von vorne an und übte diese Technik Schritt für Schritt und lies diese von meinem Trainingspartner kommentieren. Und siehe da, mit einer vernünftigen Absprache zwischen den Trainingspartnern klappte es sofort!

    Halte weiter an deinen Grundsätzen fest, denn Glück haben und gutgehen kann alles, aber nur wer sich richtig vorbereitet und eine Situation gut durchdacht hat, wird Herr der Lage werden.
    LG, Duke

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