Ist dein Wille stark genug?

Bist Du Willens? Zu was? Naja, bist du Willens zu tun, was getan werden muss! Der Einstieg ins Thema fällt mir ein bisschen schwer, daher beginne ich mit einer Frage. Bist Du bereit für dein Leben zu kämpfen?

In der Kampfkunst lernen wir teils gefährliche und tödliche Techniken. Wärst Du bereit diese in einer Notsituation einzusetzen?

Oder anders; Die Versportlichung der Kampfkunst zwingt uns zu immer stärkeren und schnelleren Techniken. Auf einen einfachen Schlag bezogen, würdest Du mit allem was Du hast, zuschlagen?

Ich für meinen Teil was mir früher immer sicher. Ich lerne diese Techniken und diese Kraft, also um zu überleben, haue ich alles raus.

Die Betonung liegt auf früher. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher…

Nach vielen Seminaren, Aus- und Fortbildungen, Büchren und Gesprächen sehe ich das mit dem Überleben ein wenig kritischer!

Haben wir das Überleben verlernt?

Die Zeiten haben sich geändert. Besonders in den Industrienationen.

Ich stehe morgens nicht auf und denke daran wie ich den Tag überlebe, vielleicht überstehen nach einer Partynacht, aber mein Überleben stelle ich nicht in Frage. Eher im Gegenteil: Ich weiß mit der Freiheit und Sicherheit nichts anzufangen. Daher plane ich 1, 2, 5, 10, 20 Jahre meines Lebens im Voraus.

Der Tod ist etwas, das ganz weit weg ist.

Unser Überlebenskampf ist ein Scheinkampf. Wir wrestlen uns durch unser Leben. Der Ehekampf, das Überleben an der Kasse im Supermarkt, das Ringen der Alphas im Büro, Drohungen im Stau.

Mit wahrem Überleben hat dies nur noch wenig zu tun.

Leider ist unsere Welt nicht frei von tatsächlich gefährlicher und tödlicher Gewalt. Was tun also die Schafe im Wolfspelz, wenn der echte Wolf vor der Tür steht.

Denken statt Kämpfen

Oh mein Gott, was passiert hier? Will mir jemand etwas Böses? Wieso will mir jemand etwas Böses? Ich habe doch gar nichts getan! Ich habe doch auch gar nichts!

Hilfe, was tue ich nur? Vielleicht übersieht er mich noch, oder er meint gar nicht mich. Oh nein, er kommt direkt auf mich zu.

Ich kann kämpfen! Das habe ich in meinem Kurs doch gelernt. Wenn er mit dem rechten Bein vorne steht und mit der rechten Faust angreift, mache ich X und wenn er anders steht mache ich Y. Oder war es andersherum. Verdammt, ich habe es vergessen. Was hat mir dieser blöde Kurs eigentlich gebracht. Der war so teuer.

Mist, er ist jetzt schon so nahe. Weglaufen geht jetzt auch nicht mehr. Wieso habe ich nicht zuerst daran gedacht.

Gut, Plan B. Wenn er nah genug ist, schlage ich so fest zu, wie ich kann und dabei schreie ich so laut, wie ich kann. Boah, wie peinlich! Ich lass das Schreien weg. Was sollen nur die Leute denken. Okay, ich schlage aber so fest zu, wie ich kann. Am besten ins Gesicht, frontal auf die Nase. Ich hab gehört, dass dann das Nasenbein ins Gehirn hochgeht und dann laufe ich weg.

Und was ist, wenn ich ihn verletze oder schlimmer noch, umbringe? Was dann? Was passiert mit mir? Komme ich dann ins Gefängnis?! Ich hab doch keine Schuld, ich will doch niemandem etwas Böses! Und wenn mit keiner glaubt…

Alles wird schwarz.

Bitte entschuldige diese kleine Dramatisierung. Ein bisschen Drama muss eben sein.

Außerdem, ist es so abwegig?

Wenn der Wille zum Kampf fehlt

Vorab: Manche Menschen haben kein Problem damit zuzuschlagen. Manche Menschen haben kein Problem sich zu verteidigen und zuzuschlagen. Manche Menschen glauben, Sie würden zuschlagen in einer Notsituation. Und dann gibt es Menschen, die es nicht wissen. Ich zähle mich zu dieser Kategorie. Und ich glaube, hierzu zählt die Mehrheit der Menschen.

Woran liegt es, dass manche Menschen nicht bereit sind für ihr Überleben zu kämpfen? Wieso wissen wir nicht, ob wir uns verteidigen würden? Weil am Können mangelt es uns nicht. Wir können kratzen, beißen, schlagen, treten, schreien, usw.

Zum einen wissen wir es nicht, weil wir vielleicht noch nie in dieser Situation waren. Zum anderen wissen wir es nicht, weil die Angst vor Konsequenzen uns zurückhält. All das blockiert uns. Die Nicht-Erfahrung mit lebensbedrohenden Situationen. Das Wissen um die Konsequenzen einen Menschen verletzt oder getötet zu haben. Alles daran ist schlecht für uns. Wir wollen es von uns weisen, es uns nicht eingestehen. Selbst in der Situation selbst verlassen wir unser rosa Gedankenkonstrukt nicht und erstarren.

Der Wille zum Kampf ist negativ behaftet. Kämpfen ist etwas Schlechtes. Jemanden verletzen ist etwas Schlechtes. Somit wird Überleben zu etwas Schlechtem!

Auge um Auge war gestern

Ich tue mich unglaublich schwer mit dem Gedanken jemanden zu verletzen. Lieber ertrage ich selbst den Schmerz, als jemandem etwas anzutun. Problem hierbei, es überträgt sich auch auf den Überlebenskampf. Die Verteidigung leidet darunter oder fällt völlig aus.

Umdenken ist angesagt. Auge um Auge, Zahn um Zahn muss nicht sein. Ich muss niemanden vernichten um selbst zu überleben. Ich muss mir nur ein paar Gedanken machen.

Wie muss eine Verteidigung aussehen, die mich innerlich nicht blockiert?

#1 Sinnhaftigkeit

Die Verteidigung muss Sinn machen. Sie funktioniert weil sie sich mit dem menschlichen Körper auseinandersetzt. Körperstruktur, Motorik und Nerven. Sie muss funktionieren unabhängig von der Situation.

#2 Ausführbarkeit

Neben der Sinnhaftigkeit, die viele Systeme für sich beanspruchen können, muss ich die Verteidigung ausführen können. Nicht erst nach Jahren des harten Trainings, sondern gleich. Sie muss so simpel sein, dass ich eine Aktion in viele Situationen anwenden kann. Nicht Schlag X mit Verteidigung X und Schlag Y mit Verteidigung Y. Sondern Schlag ABCDE mit Verteidigung A. Natürlich kann ich diese Art der Verteidigung über die Jahre verbessern aber sie sollte sofort funktionieren.

Auch sollte sie natürlich sein. Sie nutzt meinen Körper, meine Stärken um mich zu verteidigen

#3 Willen

Bist Du Willens genug? Dies ist der Knackpunkt.

Du bist nicht Willens genug Deinen Angreifer zu verletzen. Ihm in die Weichteile zu treten, ihm die Augen auszukratzen, ihm den Arm oder die Nase zu brechen.

Willkommen im Club.

Aber ich wiederhole mich. Die Frage ist nicht, bist Du Willens genug, sondern zu was bist Du Willens und zu was nicht?

Ich möchte niemanden verletzen. Ich möchte niemanden töten. Aber ich wäre dazu bereit Schmerzen zuzufügen ohne Langzeitfolgen. Ein Leben für ein Leben kommt für mich nicht in Frage. Ich will einfach der Situation entkommen.

Die Hollywood Lüge

Viele sind durch diese Martial Arts Filme zur Kampfkunst gekommen. Ich schaue sie auch super gerne weil es einfach spektakulär und cool ist. Doch das ist nicht Kampf. Das ist nicht Überleben. Der menschliche Körper ist zwar unglaublich aber wir müssen einem Angreifer nicht in Gesicht treten oder zweimal, dreimal. Es reicht schon viel weniger aus um einen Angreifer außer Gefecht zu setzen um zu fliehen.

Sebastian Lämmle ist wirklich ein unglaublicher Kampfkünstler und ein total netter Typ. Die Techniken im dem Video brauchen viel Training, doch es soll nur verdeutlichen, dass es auch ohne viel Kraft geht, ohne viel Kampf. Und eines kann ich Dir versichern, allen Menschen im Video geht es gut.

Mit diesem Wissen ausgestattet, stell Dir die Frage. Was bist du Willens zu tun und was nicht? Sei ehrlich zu Dir, immerhin würdest Du Dich nur selbst belügen. Wenn Du die Frage beantwortet hast, dann richte deine Kampfkunst darauf aus.

Du bist kein Kampfkünstler, hast dich hierher verirrt und auch noch bis zum Ende gelesen. Falls Du je einen Selbstverteidigungskurs besuchst, denke an das Gesagte.

Überleben mit Köpfen könnte man sagen.

/Rei

By | 2018-01-17T10:10:47+00:00 Januar 17th, 2018|2 Comments

2 Comments

  1. Karateka 21. Februar 2016 at 23:53 - Reply

    Hilft es vielleicht, wenn man sich die Situation schon mal vorgestellt hat? Das man geistig darauf eingestellt ist.

    Ich würde mir glaube ich wenig sorgen machen, den anderen zu töten oder zu behindern. Natürlich nicht absichtlich. Ich kenne auch keine Techniken, die absichtlich töten sollen. Mit der Faust in die Leber/Rippen, mit der Flachen Hand ins Gesicht, mit dem Knie in die Hoden. So, dass es wenigstens nicht an der Entschlossenheit scheitert.

    Ich meine nur, dass ich mit voller Kraft schlagen würde, gerade, wenn der Angreifer größer und schwerer ist als ich. Ich glaube Gewicht macht viel aus.

    Ich bin mir auf keinen Fall sicher, dass ich es schaffen könnte meine Angst und mein Zögern zu überwinden. Natürlich kann man noch so viel trainieren und trotzdem eine „Selbsverteidigungssituation verlieren“ (was immer das heißt), wenn der Angreifer doppelt so schwer ist, in einer Gruppe ist, bewaffnet ist. Eine gewaltlose Lösung ist immer vorzuziehen.
    (Ein schlauer Mensch hat mir mal gesagt, dass Gewalt NICHT die Ultima Ratio, die letzte Lösung ist, weil sie oft überhaupt keine Lösung ist.)

    Ich sehe das bei Anfängern, die sich schwer tun das erste mal einen Kiai zu machen, das erste mal im Gohon-Kumite genauso stark anzugreifen, wie im Kihon – und nicht mit einem halben Meter Abstand. Ich weiß noch wie schwer es für mich war, irgendwann im Erwachsenentraining Chudan auch zu treffen und wie verwundert ich war, wie stark ich schlagen kann (auf angespannte Bauchmuskeln), ohne das der andere Schmerzen hat,
    als ich das erste mal WKF-Wettkampf-Style Kumite gemacht habe und jedes mal bei Jodan zu weit weg war, weil ich zu viel Angst hatte, bzw größeren Abstand, statischere Gegner und keine Faustschützer gewohnt war.
    Also ein bisschen was in Richtung „Entschlossenheit“ scheint man im Shotokan über die Zeit schon zu lernen, würde ich sagen.

    Normale Menschen haben eine natürliche Scheu sich gegenseitig weh zu tun, glaube ich. Was ja theoretisch schön ist. Wenn ich manchmal kleine Jungs sehe, die sich streiten, die richtig ernsthaft wütend aufeinander sind, dann schlagen sie sich trotzdem mit dem Handballen auf die Schulter – was eigentlich völlig ineffizient ist. Und wenn einer dann trotzdem weint, lässt der „Gewinner“ sofort geschockt ab. Ich denke das ist Instinkt, den anderen nicht zu verletzen.
    Ich habe da auch so eine Szene im Kopf, aus irgendeinem Film, wahrscheinlich gibt’s davon viele, wo ein „Entführer“ sich eine Frau auf die Schulter wirft und sie dann auf seinem Rücken trommelt, anstatt z.B. mit dem Ellenbogen gegen den Hinterkopf zu schlagen.

    Ich hoffe in meinen Geschwafel war was nützliches zu finden.

    • Basty 4. März 2016 at 11:26 - Reply

      Danke für deine Gedanken.

      Ich finde deinen Kommentar sehr hilfreich. Es drückt nämlich genau das aus, wie ich die Situation auch empfinde. Irgendwie ist nichts sicher. Es ist alles schwammig und kaum zu greifen. Sicherheit existiert einfach nicht in einen gewalttätigen Ausnahmesituation.

      Ich habe mich mit vielen Leuten unterhalten. Viele sagen, natürlich würden sie sich verteidigen. Manche davon mussten dies auch schon mal tun. Wieder andere hatten keinen Schimmer, ob sie sich verteidigen würden. Aber gerade diese Auseinandersetzung mit dem Thema kann doch nur in einen richtige Richtung führen. Nicht weil es einfacher wird! Sondern weil es die ehrlichste aller Richtungen ist. Nichts ist sicher, alles kann passieren.

      /Rei

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