Kampfkunst wie Ballett?

Oft höre ich, dass Kata laufen wie Ballett sei. Das Kampfkunst immer mehr einem Tanz gleicht, der mit Kampf nur noch sehr wenig zu tun hat. Es tut mir Leid aber diese Behauptung ist eine Beleidigung… für das Ballett!

Eine Beleidigung für das Ballett und das Tanzen an sich! Denn Tänzer machen viel mehr aus einer Bewegung als viele Kampfkünstler es je könnten. Hast du dich schon mal gefragt, was wirklich die Qualität einer Bewegung ausmacht.

Hast du schon einmal Tänzer beobachtet? Wie sie sich bewegen, wie sie auf das Publikum wirken? Die Emotionen, die aufkommen? Die Gefühle, die transportiert werden?

Wenn Tanzen schon mit Kampfkunst verglichen wird, dann sollte die Kampfkunst dem wenigstens gerecht werden. Tanzen ist nämlich nicht nur eine stumpfsinnige Abfolge von Schritten. Es ist für die Tänzer ein Lebensgefühl, ein Ausdruck ihrer tiefsten Gedanken und Emotionen. Oder wenigstens die Auseinandersetzung mit der Musik.

Schauen wir uns die Kampfkunst an, im besonderen die Kata. Eine Abfolge von einzelnen Techniken, rhythmisch aufgeführt. Es fehlt nur noch die Musik. Achja und es fehlen die Emotionen, das Bewusstsein für die Bewegung.

Wie machen Tänzer das? Wie kann es sein, dass sie durch einen Tanz Emotionen und Bewusstsein hervorrufen, obwohl nur ästhetische Aspekte im Vordergrund stehen? Es entsteht durch die Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Umwelt. Sie versuchen mit Bewegungen ihrem Innersten Ausdruck zu verleihen.

Hier liegt der Hund begraben; Der Tanz entsteht aus den Tänzern von innen heraus. Der Entstehungsprozess der Bewegung ist unzertrennlich mit Emotionen und Intentionen verknüpft. Selbst wenn es sich um eine vorgefertigte Choreographie handelt, wird durch die Musik Emotion und Intention befördert bis der Tänzer diese für sich übernommen oder verwandelt hat. So bekommt die Art der Bewegung eine ganz andere Tiefe und Wirkung auf ihre Umwelt.

Die Kampfkunst hat über die Jahrhunderte nur Bewegungen überliefert. Reine Techniken ohne Inhalt. Wenn nun jemand kommt wie ich und möchte diese Techniken erlernen, dann lerne ich nur die reine Bewegung. Doch das ist nicht einmal die halbe Miete.

Dialogbox Vergleich KK Tanz

Nur mit Emotion und Intention bekommt jede Bewegung ihre eigene unverwechselbare Qualität. Ohne sie ist Bewegung einfach nur ein biomechanischer Prozess – Inhaltsleere Bewegung!

Drei Ebenen der Bewegung

#1 Biomechanische Bewegung

Die erste Ebene der Bewegung ist die einfache und stinknormale Bewegung. Die stinknormale Bewegung kann natürlich auch äußerst komplex sein aber Bewegung bleibt Bewegung.

Wir dürfen nie vergessen, Kampfkunst hat etwas mit Körperlichkeit zu tun. Ohne Bewegung ist Kampfkunst nichts. Selbst die „Meister“, die ohne Kontakt über ihre Gegner siegen, bewegen sich.

#2 Emotion

Im Tanz ist das volle Spektrum der Gefühle zu finden. In der Kampfkunst habe ich immer das Gefühl, es gibt nur Wut und Hass. Geh mal auf ein Turnier und schau dir die ganzen Kumite und Kata Teilnehmer bei ihren Kämpfen und Vorführungen an. Du wirst nur grimmige Gesichter sehen. Bei manchen Kata-Läufen glaube ich schon nur beim Zusehen Tod umzufallen. Niemand von denen kann mir erzählen ihre Herzen sind mit Liebe und Zuneigung füreinander gefühlt.

Also ist Kampfkunst nur Wut und Hass in der Bewegung?

Ich glaube, Kampfkunst hat wie Tanzen das gesamte Emotionsspektrum zu Verfügung. Denn im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt 😉 (voll abgedroschen, oder?)

Für mich würde dieser Gedanke auch einfach Sinn machen. Eine harte Bewegung könnte durch Wut und Hass noch härter werden. Eine weiche Bewegung durch Freude und Liebe weicher. Nur mal um die Extremen zu nennen.

Im Tanz ist der volle und ursprüngliche Ausdruck der Gefühle das Ziel. Wenn ich einem Tänzer zuschaue und er zum Beispiel Wut vertanzt, dann möchte ich, dass mir die Wut voll ins Gesicht schlägt. Die Gefühle sollen vollständig und in ihrer gesamten Größe transportiert werden.

In der Kampfkunst verhält es sich meiner Meinung nach ein wenig anders. Hier geht es nicht um den vollen Transport von Emotionen, sondern um stetige Ausgeglichenheit dieser. Das bedeutet nicht, dass Gefühle unterdrückt werden sollen, gezwungener Frieden sozusagen. Nein, sie sollen eher ineinander übergehen. Keine Emotion hat die Vorherrschaft. Jede Emotion steht gleichberechtigt neben der anderen und kann im Fall der Fälle eingesetzt werden.

Wenn dir jemand erzählt, sei wütend sonst ist dein Schlag nicht gut. Oder Du musst immer Lieben, denn in der Kampfkunst geht es um Frieden, der sollte sich das Prinzip von Yin und Yang nochmal anschauen. Es geht nie um die Übermacht eines Aspektes, es geht immer um Balance.

#3 Intention

Selbst wenn ich eine Kampfkunst oder Kata nicht trainiere um sie für meine Selbstverteidigung zu gebrauchen, so sollte ich dennoch nicht den kämpferischen Aspekt der Kampfkunst außer Acht lassen. Kampfkunst ist Kampf, wenn auch nicht immer gegen reale Gegner, so doch gegen mich selbst. Auf dem Weg der ewigen Verbesserung.

Und da haben wir sie auch schon. Die Intention der Kampfkunst ist Kampf, die Intention der Kampfkunst ist persönliche Verbesserung. Kampf gegen Gegner, Kampf gegen uns selbst. Verbesserung unserer Persönlichkeit, Verbesserung von Fertigkeiten oder meinetwegen unserer Fitness.

Die Intention hängt von dir ab. Was auch immer Du mit deiner Kampfkunst verfolgen magst, kannst Du ohne schlechtes Gewissen verfolgen. Es ist schließlich deine Kampfkunst.

Die Bewegung bekommt nur durch alle drei Aspekte ihre ganz eigene Qualität.

Dialogbox Bewegung Ballett

Doch Vorsicht! Manchmal ist die Qualität dann doch sehr eigen!

Wir sind Menschen und egal was wir tun, alle drei Aspekte sind immer in uns vertreten.

Wir bewegen uns immer. Wenn wir wach sind, wenn wir schlafen, wenn wir TV schauen, einfach immer. Ja, auch wenn wir Kampfkunst betreiben. Wir haben immer Emotionen in uns. Der Tag war schlecht, doofe Emotion. Es gab etwas leckeres zu Essen, gut Emotion. Besuch bei der Schwiegermutter, komische Emotion. Eintracht Frankfurt verliert, naja gut, hier fühle ich irgendwie nichts mehr… Auch sind wir irgendwie immer auf ein Ziel ausgerichtet. Irgendetwas, das erreicht werden soll. Wenn ich in der Sonne liege, will ich braun werden. Wenn ich ins Fitnessstudio gehen, möchte ich fit werden. Wenn ich einkaufen gehe, will ich Schoki.

Und jetzt bin ich im Training und laufe meine Kata. Ich laufe sie wie ein Irrer. Ich bewege mich wie der Wind. Mein Tag war mega kacke. Es lief nichts, wie es soll. Ich bin super frustriert. Eigentlich möchte ich nur ein bisschen schwitzen und schnell unter die Dusche und ins Bett.

Bewegung, Emotion und Intention sind vorhanden. Meine Kata hat jetzt eine richtig gute Qualität. So sollte ich sie immer laufen 😉

Hier noch ein schönes Beispiel, wie eine Kata abseits jedes ästhetischen Anspruchs aussehen kann und trotzdem vor Schönheit strahlt.

/Respekt

By |2018-01-10T10:45:00+00:00Januar 10th, 2018|0 Comments

Leave A Comment

*

Teilen
Twittern
+1
0 Shares