Über Graduierungen nachgedacht Teil 2

Welche Funktionen werden der Graduierung für Schülergrade heute zugeschrieben? Denn ein Gürtel ist irgendwie niemals nur ein Gürtel. Er ist Einteilung, Systematisierung, Sicherung und Motivation zugleich. Wahnsinn, was so ein bisschen Stoff alles kann?!

Teil 1 handelte von meiner persönlichen Erfahrung mit der Licht- und Schattenseite von Graduierungen.

Teil 2 wird sich vorrangig mit den heutigen zugeschriebenen Funktionen der Schülergrade beschäftigen.

Nachdem der erste Teil auf so eine tolle Resonanz getroffen ist, freue ich mich umso mehr den zweiten Teil zu veröffentlichen.

Lass uns also einfach gleich voll einsteigen!

Welche Funktionen werden Schülergraden heute zugeschrieben?

Graduierungen haben sich im Laufe einer noch recht jungen Vergangenheit entwickelt. Wie alles was sich entwickelt, unterliegt auch die Graduierung einer Veränderung. Ich möchte nicht über die Änderungen sprechen, die dem Graduierungsgedanken zugrunde liegen. Es geht mir vielmehr um eine Momentaufnahme der heutigen Praxis. Was sieht man heute Graduierungen im Dojo und wie wird der Graduierungsgedanke gelebt?

Ein Gürtel ist niemals nur ein Gürtel!

Einleitend möchte ich noch feststellen, dass viele Funktionen von Graduierungen im Verbund funktionieren, also ein Zusammenschluss aus mehreren Funktionen. Ich versuche die Funktionen jedoch der Einfachheit halber aus dem Verbund losgelöst zu betrachten.

Diese Funktionen beziehen sich verstärkt auf die Schülergrade. Du wirst in den nächsten Teilen noch sehen, wie interessant dieser Gedanke wirklich ist. Die Graduierung ändert sich in ihrer Form nicht aber die Zuschreibungen in den Schülergraden gänzlich andere als in den Meistergraden. Wie verrückt diese Welt doch ist 😉

#1 Einteilungsfunktion

Wenn wir Graduierungen als reines äußerliches Merkmal betrachten, können auf dieser Basis hervorragend Einteilungen gemacht werden. Der Trainer sortiert seine Schüler nach Farbe. und er gibt gezielt Unterricht für bestimmte Farben. Bei Wettkämpfen können die Teilnehmer nach Farben eingeteilt werden und so die Paarungen ermittelt werden. Auf Lehrgängen können sich fremde Partner aufgrund ihrer Farben besser finden.

Einteilung ist die Basis aller Graduierungen!

Wird die Funktion der Einteilung losgelöst von anderen Funktionen betrachtet, besteht hier für mich keine Kritik.

Einteilungen nach äußerlichen Merkmalen sind insoweit unproblematisch, solange einzelne Merkmale keine Bewertung erhalten. Werden Merkmale mit Bewertungen versehen, können wir in Formen wie Rassismus und Diskriminierung abrutschen.

Die Einteilungsfunktion ist die Basis aller weiteren Funktionen. Ohne Einteilung, keine Graduierung. Oben habe ich von Farben gesprochen, natürlich ist auch jede andere Form möglich (Nummern, Stempel, T-Shirts, Gürtel, Urkunden). Auch habe ich die Einteilung in Hinblick auf äußerliche Merkmale erwähnt. Natürlich gehen auch versteckte Merkmale aber dann wird es mit der Einteilung doch recht kompliziert.

#2 Systematisierungsfunktion

Neben der Einteilung der Kampfkünstler in Gruppen, kann ich an eine bestimmte Einteilung auch inhaltlichen Stoff knüpfen. Ein Trainer oder Verband wird sich Gedanken machen, wie er den Lehrstoff vermittelt. Es hat sich bewährt eine Systematisierung oder stufenartigen Aufbau des Lehrstoffes vorzunehmen. Eine Graduierung bekommt inhaltlichen Stoff zugewiesen, welcher an die Schüler vermittelt werden soll, die dieser Graduierung angehören.

Zu hinterfragen ist natürlich die Auswahl des Lehrstoffes. Wieso wird A an die Graduierung geknüpft und nicht B. Diese Diskussionen werden zuhauf auf unterschiedlichsten Plattformen ausgetragen.

#3 Sicherungsfunktion

Anlehnend an die Systematisierungsfunktion gehört die Sicherungsfunktion.

Knüpfe ich an eine Graduierung einen gewissen Lehrstandard, betreibe ich Sicherung eines gewissen Ausbildungsstandards. Ich möchte, dass eine bestimmte Graduierung inhaltlich etwas Bestimmtes von mir Festgelegtes leisten kann. So zieht sich dieser Standard durch das Graduierungskonzept. Jede neue Stufe hat ihre Standards und nur derjenige, der die Standards erfüllt, kann in der Graduierung aufsteigen.

Hier wird es schon sehr viel interessanter.

Ein Standard ist eine vergleichsweise einheitliche oder vereinheitlichte, weithin anerkannte und meist angewandte (oder zumindest angestrebte) Art und Weise, etwas herzustellen oder durchzuführen, die sich gegenüber anderen Arten und Weisen durchgesetzt hat. (Wikipedia)

Hier stellt sich mir die Frage, wie wird dieser Standard gesichert? Wie flexibel ist dieser Standard? Puh, das ist unglaublich schwierig! Müssen alle das Gleiche leisten, um eine Graduierung zu erlangen? Dies würde eigentlich einen Standard ausmachen. Ich sichere den Lehrstandard, indem ich alle durch das gleiche Systeme presse. Alle können das Gleiche und alle müssen es auch bewerkstelligen können.

Problem?!

Wie verfahre ich mit Kinder, Erwachsenen, motorisch und/oder geistig Eingeschränkten, Rentnern oder Frauen. Kann ich wirklich erwarten, dass alle ein und denselben Standard erfüllen und so auch sichern? Ich bezweifle das stark und so kommen wir an den Punkt, wo eine Sicherungsfunktion keine Sicherungsfunktion mehr darstellt, oder?

#4 Motivationsfunktion

Motivation scheint ein sehr etablierter Begriff zu sein, wenn es sich um die Graduierungssysteme in der Kampfkunst handelt. Die Gürtel, T-Shirts oder Urkunden werden als Meilensteintrophäen für erreichte Ziele in der Kampfkunst verliehen. Dieses Belohnungssystem soll die Anhänger bei Laune halten und sie darin bestärken ihren Kampfkunst-Weg weiterzugehen.

Doch das Spiel mit der Motivation ist ein äußerst scheinheiliges, wenn Du mich fragst! Denn kratzen wir ein klein bisschen die Motivationsforschung an, dann lässt sich recht früh erkennen, dass das Motivationspotenzial durch Graduierungen ein von außen generiertes Potenzial ist (extrinsisch). Das bedeutet, wenn der Schüler z.b. seine Prüfung bestanden hat, bekommt er eine Belohnung von Außenstehenden verliehen. Diese Belohnung soll den Schüler weiterhin motivieren, um am Ball zu bleiben. Sobald die Motivation von außen nachlässt, lässt der Schüler seine Anstrengungen schleifen, weil er keine Belohnung mehr erhält. Eine neue Belohnung muss her, vielleicht eine weitere Prüfung und dann noch eine und wieder eine und schnell eine weitere.

Natürlich hofft der Trainer, dass die extrinsische Motivation durch die Graduierung irgendwann durch eine intrinsische, also aus dem Schüler selbst kommende, Motivation abgelöst wird, aber eigentlich ist das Graduierungssystem ein rein extrinsiches Motivationsmittel.

Graduierungen sind ein rein extrinsisches Motivationsmittel!

Problematisch wird die ganze Sache mit der extrinsischen Motivation, wenn das Motivationsmittel der finanziellen Ausbeutung anheimfällt. Gerade weil die Leute immer mehr auf Äußerlichkeiten geben, Zertifikate für ihre erbrachten oder nicht-erbrachten Leistungen möchten, lässt sich das Graduierungssystem prima für eine finanzielle Ausbeutung nutzen. Führe anstatt 6 Schülergrade im Karate 9 ein und behandle Kinder noch einmal anders und führe Zwischengurte ein. Allein auf Basis einer Motivationsstrategie wäre dieses Vorgehen ein wenig verwerflich. Natürlich könnte man anbringen, dass in Kombination mit einer Systematisierung- und Sicherungsfunktion die neuen Gürtel notwendig werden. Hierzu möchte ich mich aber nicht äußern.

#5 Identifikationsfunktion

Seine Graduierung öffentlich am Körper oder versteckt in seinen Gedanken zu tragen, dient als Symbol der Identifikation. Nicht nur mit seiner Kampfkunst oder seinem Kampfsport, sondern auch mit seinem Rang innerhalb des ausgeübten Systems. Die Graduierung wird somit Symbol für die eigene Kampfkunst.

Was für eine Kampfkunst machst Du?

Ich mache Karate!

Echt? Welchen Gürtel hast Du?

Ich bin Braungurt!

Wooaaah, super. Das finde ich richtig klasse!

Der Gurt trägt maßgeblich zur Identifikation mit der eigenen Kampfkunst bei. Vielleicht würde ich sogar behaupten, die Graduierung ist die materialisierte Manifestation der geistigen Auseinandersetzung mit der eigenen Kampfkunst. Aber zum Glück würde ich sowas nie behaupten…

Ein Gürtel ist Einteilung, Systematisierung, Sicherung, Motivation und Identifikation zugleich!

Mit diesen fünf Funktionen möchte ich den zweiten und vorerst letzten Teil „Über Graduierungen nachgedacht“ schließen. Fallen Dir noch weitere Funktionen, explizit für Schülergraduierungen ein?

Ich werde hier sicherlich irgendwann nochmal ansetzen.

/Respekt

By |2018-01-05T09:03:51+00:00Januar 3rd, 2018|1 Comment

One Comment

  1. Klaus-Thomas Hildesheim 13. September 2016 at 15:09 - Reply

    Ich wollte mich dieses Mal auf wenige Sätze beschränken, um die Geduld beim Lesen nicht zu strapazieren, es ist aber doch etwas mehr geworden 😉
    Die Funktionen der Schülergrade hat Basty in Summe sicherlich alle erkannt, nur finde ich die Punkte #3 Sicherungsfunktion und #4 Motivationsfunktion könnte man auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
    Im Budo von Standardisierung zu sprechen ist an sich schon mehr als fragwürdig, da kein Mensch in allen seinen Ausprägungen identisch sein kann mit einem Zweiten, noch nicht einmal bei Zwillingen, wie die Forschung eindrücklich bewiesen hat. Die „Standardisierung“ (wenn man es überhaupt so nennen möchte) kann sich somit nicht auf die Ausführung der einzelnen Technik an sich beziehen, sondern eher auf die Abfolge einer Kata oder Form. Spätestens beim Kumite entfällt jede Standardisierung im technischen Wortsinne. Vielleicht sollten wir hier verständlicher von „Homologisierung“ oder von „Konventionen“ sprechen, beides Begriffe, die mehr Spielraum lassen, das Ganze aber nicht einfacher machen.
    Kommen wir zur Motivationsfunktion und beziehen wir das jetzt auf eine Graduierung (und meiner Meinung nach ist es zumindest auf die unteren DAN-Grade anwendbar), so ist es relativ einfach zu handhaben, wenn man denn auf Prüfungen im eigentlichen Sinne bestehen möchte (auf dieses Thema komme ich noch zurück). Ich lege einen Katalog mit Techniken, Stellungen, Kombinationen und Formen an, die ich den jeweiligen Graduierungen in aufsteigendem Schwierigkeitsgrad zuordne und überlasse es Prüfern zu entscheiden, ob die geforderten prüfungsrelevanten Dinge am Prüfungstag erbracht werden oder nicht. Durch solche Prüfungen musste ich mich immer durchkämpfen und ich mag sie bis heute nicht.
    Alternativen gibt es viele, von denen ich zwei hier kurz beschreiben möchte.
    Eine kommt aus dem einigen vielleicht bekannten Kampfkunstkollegium (gegründet von Toni Dietl, ehemaliger deutscher Bundestrainer Karate) allerdings nur für Kinder bis etwa 13 Jahre (die sog. Samurai Kids). Die Motivation kommt hier aus der Regelmässigkeit der Teilnahme dokumentiert auf individuellen Trainingskarten, daraus resultierend gibt es für eine vorher festgelegte Anzahl Trainingseinheiten 3 „Bändchen“ oder „Striche“ am bereits „verdienten“ Gürtel und anstatt eines 4. Bändchens erhält man die nächst höhere Graduierung. Das Ganze ist verbunden mit kleinen 5 Minutentests in der Gruppe, ohne dass die Kinder eine stressige Prüfungsatmosphäre erleben müssen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen erlebe ich die teilnehmenden Kinder in den Samurai Kids Gruppe als sehr motiviert. Sie kommen zum Training und wollen gleich wissen, was es Neues gibt, sind aber auch bei Wiederholungen und Übungen stets mit Spass und Fleiss dabei. Man könnte jetzt entweder behaupten, hier sei die extrinsische Motivation zur Perfektion gebracht, oder man lässt gelten, dass es sich hier tatsächlich im Ergebnis um innere Motivation handelt, welche die teilnehmenden Kinder aufgrund des Gesamtkonzeptes entwickeln. Ist im Ergebnis aber auch nebensächlich, wichtig ist, dass die Kinder zu einem Grossteil bis zum Junior-Dan und auch über die Pubertät hinaus dem Dojo und später auch „ihrem Budo“ treu bleiben und nicht ständig nach Neuem suchen, weil das „ja langweilig geworden ist“.
    Die zweite Alternative habe ich im KDS (Karate Do Shotokai, Sensei Harada) erleben dürfen. Es gibt hier keinerlei Prüfungen und in den meisten Dojo nur 3 Gurtfarben (weiss, braun, schwarz), wobei es 7 Kyu und 5 Dan-Grade gibt. Man erhält die höhere Graduierung durch regelmässige Teilnahme an den verschiedenen Seminaren oder Camps, indem der Seminarleiter die Teilnehmer sehr genau beobachtet und nach dem Seminar die Graduierung vornimmt, wo er es für angebracht hält. Dieses System ist zwar vollkommen stressfrei, aber eine tatsächliche Motivation in das wöchentliche oder tägliche Training mitzunehmen, kann einzelnen schon sehr schwer fallen. Hier gibt es also nur die innere Motivation und ob diese von Anfängern wirklich aufgebracht werden kann, muss bezweifelt werden. Dies sieht man auch oft an der Alterstruktur und den Graduierungen in den Dojo des KDS. Meist trainieren Männer im fortgeschrittenen Alter zusammen, welche bereits einen schwarzen Gurt tragen und denen der Dan-Grad nicht sonderlich wichtig ist. Das Training selbst ist aber vom Feinsten, wenn man keine Showeffekte mag und die ursprünglichen Ideen des Karate einmal erfahren möchte.

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