Über Graduierungen nachgedacht Teil 1

Graduierungen abschaffen; ja oder nein? Ich weiß es nicht! Ich kann nur laut über dieses Thema nachdenken, für und wider abwägen und mir ein differenziertes Bild machen. Licht und Schatten von Graduierungen!

Ich möchte heute ein Fass aufmachen. Dieses Fass wurde zwar schon von vielen aufgemacht und die Lager spalten sich in Graduierungsfanatiker und diejenigen, die voller Verachtung auf Graduierungen blicken.

Bis jetzt habe ich noch keinen Artikel gefunden, der sich völlig neutral mit diesem Thema beschäftigt, also schreibe ich ihn halt selbst.

Artikelserie über Graduierungen

Wie stelle ich mir diesen Artikel vor. Mein Plan ist es alle mir bekannten positiven Seiten von Graduierungen zu beschreiben und im Anschluss die jeweiligen Kehrseiten zu skizzieren. Weil ein Artikel den Rahmen sprengen würde und so auch an Übersichtlichkeit verliert, wird der Artikel zunächst zwei Teile umfassen.

Teil 1 handelt von meiner persönlichen Erfahrung mit der Licht- und Schattenseite von Graduierungen.

Teil 2 wird sich vorrangig mit den heutigen zugeschriebenen Funktionen der Schülergrade beschäftigen.

Natürlich können die Gedanken noch viel weiter gehen. Was hat es mit Meistergraden auf sich. Wie könnte ein alternatives Konzept zu Graduierungen aussehen. Doch soweit möchte ich es noch nicht treiben.

Vielleicht fällt dir hierzu etwas ein.

Aber bevor es losgeht, möchte ich dir gerne erzählen, wie ich ganz persönlich zu Graduierungen stehen. Auch wenn ich hier Objektivität heuchle, sind meine Gedanken natürlich vollständig durch meine eigene Erfahrungen und Weltvorstellungen geprägt.

Auch möchte ich dich auf diese Artikel hinweisen. Es ist immer gut seine Fühler auszustrecken und links und rechts auch mal zu schauen!

Ich fühlte mich hereingelegt

Als ich mit Karate begann, merkte ich schnell, dass ich zügig aufsteigen möchte und konnte. Gürteljagd war angesagt. Ich machte in meinem Verein jede Prüfung mit und es waren gute Prüfungen. Sehr gute Prüfungen! Wettkämpfe habe ich hinter mir gelassen, es machte einfach keinen Spaß. Ich wollte einfach nur immer besser und besser werden. Es lief toll. Doch dann änderte sich alles.

Der Punkt kam, wo ich mich von meinem Trainer entfernte. Begonnen hatte alles mit meiner Trainer C Ausbildung. Meine Kritik an meinem damaligen Trainer bezog sich nicht einmal auf sein Karate, viel eher auf seine Trainingsmethodik. Also fing ich an zu forschen und Abgründe taten sich auf. Das Sportkarate meines Trainers was wirklich gut aber ich wollte etwas anderes. Ich war zu diesem Zeitpunkt ein Braungurt.

Ich bin immer noch ein Braungurt und das wird sich in der nächsten Zeit vermutlich auch nicht ändern. Die Jagd ist vorbei. Gürtel bedeuten mir nichts mehr, sie sind nichts wert. Ich bin in vielen Vereinen und Schulen rumgekommen und ich habe gemerkt, Gürtel haben nur eine Bedeutung in deinem ansässigen Verein. Dort, wo dich jeder kennt, dort, wo deine Kampfkunst betrieben wird. Geh raus und alle deine Prüfungen, alle deine Farben sind verschwendet. Frustration machte sich in mir breit. Alles umsonst? Hat mein Braungurt nichts zu bedeuten?

Hoffnung! Hoffnung in Form von Begeisterung! Auf meinem Weg mit vielen unterschiedlichen Menschen entdeckte ich meinen Weg. Meinen Weg, den ich gehen möchte. Den Weg, für den ich mich eigens entschieden habe. Nicht mein Trainier weil ich anfangs zu unwissend war. Auf diesem einen, meinem Weg bekommen die Graduierungen für mich wieder eine Bedeutung. Ich möchte hier erfolgreich sein und meine Meilensteine stolz um meine Hüfte tragen.

Wieso dieser Sinneswandel?

Hmm, ich habe für mich entschieden, dass Graduierungen für mich nur da Sinn machen, wo ich ihnen Bedeutung beimesse. Dabei geht es mir nicht um den Gürtel oder eine Urkunde, sondern um ein Gefühl in mir an der richtigen Stelle zu sein. Auch erlebe ich die Prüfung als tiefgreifender, wenn der Prüfer mir als Mensch wichtig ist. Ich möchte nicht vor meiner Kampfkunst geprüft werden, ich möchte von einem mir wichtigen Menschen geprüft und unterrichtet werden.

Der Unterschied liegt im Sinn der Graduierung, nicht in der Graduierung selbst! Klick um zu Tweeten

Du siehst, ich bin weder Pro, noch Contra. Ich habe Licht und Schatten der Graduierungen gesehen und beides ist der Alltag. Gerade weil es Alltag ist, sollten wir uns auch differenziert mit dem Thema auseinandersetzen. Ein Gürtel ist ein Gürtel, er bedeutet nichts oder kann alles bedeuten. Es kommt auf deinen Standpunkt an.

Hast Du auch solche zwiespältigen Erfahrungen mit Graduierungen gemacht oder sind sie einfach Teil deiner Kampfkunst und müssen deshalb nicht hinterfragt werden?

Hier geht´s weiter zu Teil 2

/Respekt

By |2018-01-05T09:05:25+00:00Dezember 27th, 2017|16 Comments

16 Comments

  1. Felix 9. September 2016 at 14:26 - Reply

    Es gibt ja einige „Disziplinen“ mit Prüfungen und andere ohne Prüfungen.

    Zum Beispiel, wenn man eine Berufsausbildung macht, muss man eine Prüfung ablegen. In dem Fall soll das dazu da sein, dass man anderen schnell mit einem Dokument zeigen kann was man für Fähigkeiten hat. Künstler und Sportler außerhalb der Kampfkunst machen meistens keine Prüfungen aber manchmal doch.

    Ich persönlich werde weiterhin Prüfungen machen. Ich finde Ziele sind nicht nur was für Kinder – oder ich bin in der Beziehung eben noch Kind.
    Es gibt ja (meistens unsportliche) Menschen, die so ein „Mein-Erster-Marathon-Projekt“ machen. Die gehen dann alle paar Tage immer ein Stückchen weiter laufen, bis sie irgendwann einen Marathon laufen können. Ich finde so ein Ziel im Hintergrund zieht einen nach vorne.
    Wenn niemand da ist, der bezeugt, dass man seine Fähigkeiten verbessert hat, könnte man sich selbst betrügen.

    Andererseits gibt es, wie gesagt auch viele Disziplinen in denen Leute großartiges erreichen ohne vorher Prüfungen zu machen. (Nicht zuletzt das „noch traditionellere“ Karate)

    • Thomas Kuclo 9. September 2016 at 18:19 - Reply

      Hallo Felix!
      Du schrebst: „Wenn niemand da ist, der bezeugt, dass man seine Fähigkeiten verbessert hat, könnte man sich selbst betrügen.“

      und was wäre wenn die Prüfer die Prüflinge betrügen, in dem sie ihnen bei einer mangelhaften Leistung dennoch die Urkunde aushändigen?

    • Basty 9. September 2016 at 18:26 - Reply

      Hi Felix,
      Prüfungen haben ihre Berechtigung. Sich Ziele zu setzen, finde ich auch hervorragend. Ich werde mich mit meinem Kommentar jetzt aber zurückhalten weil Du in deiner tollen Voraussicht schon dem 2. und 3. Teil dieser Serie vorausgehst 😉
      LG, Basty

  2. Thomas Kuclo 9. September 2016 at 18:17 - Reply

    Hey Basty!
    Du hast vollkommen Recht, in dem Du schreibst, mit diesem Thema ein Fass aufgemacht zu haben.
    Die Graduierungen selbst sind eine, was die Zeitspanne der Kampfkünste betrifft, eine relativ junge Erscheinung – eine aus dem 19.Jahrhundert. Daher wäre es, wenn man den Künsten nachgeht, wie die alten Meister es gehandhabt haben, durchaus logisch, wenn man diese abschaffen würde. Denn jeder Meister weiss über den Kenntnisstand der eigenen Schüler bescheid. Und auch die Bescheidenheit selbst braucht kein Streifen oder Anzeichen, wie „gut“ man doch ist.
    Man müsste sich fragen und auch da mal nachforschen (was allerdings sehr schwierig sein wird… ) wer wann welche Graduierungen erreicht hat. Und vor allem wieso? Eine Art der Selbstverherrlichung in den Kampfkünsten ist nichts Neues. Imposantes Getue, ganz wie im Reich der Hühner. Was sich allerdings hinter dem Gurt eines Trägers verbirgt, ist oft eine andere Angelegenheit.
    Die einen brauchen den Gurt, nur um deren Gi zusammen zu halten, die anderen müssen sich auf alle Fälle selbst darstellen. Von beiden Gruppierungen kenne ich welche. Ein paar Beispiele (ohne Namen zu nennen…)
    – Ein „Shihan“, inzwischen 8. DAN verkauft für eine Summe X den Dangrad und handhabt es so, dass er mindestens 2 Dangrade höher sein muss, als seine Schüler bzw. Vereins- oder Verbandsangehörige. Er selbst hält sich für den tollsten Hecht, den es überhaupt gibt. Egozentrisch, verkorkst, narzisstisch und hält nichts von Neuerungen bzw. „über den Tellerrand schauen“, da womöglich sein Ego (zu Recht) in Frage gestellt werden könnte…
    – Einige Sifus, ebenfalls mehrere Dangrade „schwer“, haben von der Materie gar keine Ahnung und halten deren eigene Kampfkunst für die einzig wahre – alles andere ist Quatsch. Deren Arroganz sprengt jegliche Skala.
    – Zu diesem Link brauche ich nicht viel zu schreiben … 😀 http://www.mixedmartialarts.com/vault/wtf/22_10th_degree_black_belts-in-italy
    Auf der anderen Seite gibt es Kyu-Träger, die sich bewusst keiner weiteren Prüfung stellen, weil sie die Fähigkeiten der Prüfungskommission in Frage stellen. Zu Recht: oft reicht schon die pure Anwesenheit, um zu bestehen… (etwas krass übertrieben, aber dahin tendierend.) Oder wenn Prüfungsteilnehmer mit dem Hintern wackeln und gut mir der Prüfungskommission sind… Bestanden.
    „Der Unterschied liegt im Sinn der Graduierung, nicht in der Graduierung selbst!“
    Eine weise sowie richtige Erkenntnis, von denen sich sehr viele eine große Scheibe abschneiden können.
    Im Endeffekt gibt es dieses leidige Thema schon sehr lange. Und ich denke, einig werden sich die Meister und Möchtegernmeister nie einig. Über deren wahre Größe und Können entscheidet jeder Betrachter für sich. Und ich habe die Hoffnung, dass die Quaksalber und Hochstapler untergehen werden und die wahren Künstler die Hoffnung in Form von Begeisterung aufrecht erhalten und weiter geben können. und das tun sie auch! 

    • Basty 9. September 2016 at 18:24 - Reply

      Hey Thomas,
      ich bin grad einfach sprachlos! Danke für deinen tollen Kommentar, er hat mich wirklich berührt.
      Ich kann dir nur auf ganzer Linie zustimmen!
      Respekt, Basty

    • Markus 3. Januar 2018 at 13:31 - Reply

      Hallo Thomas!
      Ich kann dem Basty nur zustimmen. Ich bin voll und ganz Deiner Meinung!
      Lieber Gruß
      Markus

      • Basty 3. Januar 2018 at 13:32 - Reply

        Servus Markus,

        danke dir. 🙂

        LG Basty

  3. Klaus-Thomas Hildesheim 9. September 2016 at 19:11 - Reply

    „Ich bin immer noch ein Braungurt und das wird sich in der nächsten Zeit vermutlich auch nicht ändern. Die Jagd ist vorbei. Gürtel bedeuten mir nichts mehr, sie sind nichts wert. Ich bin in vielen Vereinen und Schulen rumgekommen und ich habe gemerkt, Gürtel haben nur eine Bedeutung in deinem ansässigen Verein. Dort, wo dich jeder kennt, dort, wo deine Kampfkunst betrieben wird. Geh raus und alle deine Prüfungen, alle deine Farben sind verschwendet. Frustration machte sich in mir breit. Alles umsonst? Hat mein Braungurt nichts zu bedeuten?“
    Hier möchte ich Dir widersprechen. Grundsätzlich finde ich an Graduierungen nichts verwerfliches. Auch wenn sich jemand eine Graduierung „kauft“ oder sie als guter Bekannter „ehrenhalber“ verliehen bekommt, finde ich, dass mich das nichts angeht. Vermutlich hat derjenige das grosse Bedürfnis nach einer entsprechenden, nach aussen wirksamen Egosteigerung in Ermangelung eines Besseren. Wer erleidet hierdurch einen Schaden? Derjenige, der die gleiche Graduierung auf „ehrliche“ Art und Weise erworben hat? Kampfkunstschüler? Wettkämpfer? Nein, eigentlich niemand, denn mit der höheren Graduierung ändert sich weder sein Unterrichtsstil, noch seine Wettkampffähigkeiten oder gas das Verhältnis zu gleichwertig Graduierten. Die Graduierung, so jedenfalls meine Erfahrung, bedeutet im eigenen Dojo am wenigsten, da meine Trainingspartner in der Regel alle Stärken und Schwächen von mir kennen und es vollkommen gleich ist, mit welcher Gurtfarbe ich am Training teilnehme. Wenn ich dagegen auf Seminare oder Lehrgänge gehe, wird sehr genau in Graduierungen unterschieden und es ist mir oft als Kyugrad nicht möglich, an besonders interessanten Trainingseinheiten oder den Instruktorenunterweisungen teilzunehmen. Somit kann es gerade ausserhalb meines Dojo wichtig werden, eine entsprechende Graduierung nachzuweisen.
    Ein weiterer Aspekt, den Du schon angedeutet hast, ist die Bedeutung der erreichten Graduierung für den Kampfkünstler selbst. Und da ich einige Jahre älter bin, als Du Basty, kann ich Dir sagen, dass sich diese Bedeutung auf Deinem Weg noch des öfteren ändern wird. Zumindest, wenn Dir – wie Du richtig schreibst – wichtig ist, wer die Personen sind, die die Prüfung abnehmen, welchen Anspruch diese an Dich und an sich selbst stellen. Dann kommt mit zunehmenden Alter noch der Aspekt hinzu: macht mein Körper das noch mit? Ist es sinnvoll diese oder jene Technik in dieser oder jener Intensität, Höhe etc. auszuführen oder schade ich mir damit? Diese und ähnliche Fragen treffen dann (bei noch älteren Kampfkünstlern, aber bei mir sicherlich auch schon ;-)) auf nachlassende Merkfähigkeit und natürlich auch auf nachlassendes Reaktionsvermögen und Kräfte. Sollen Graduierungen dann also nur den Jungen vorbehalten bleiben? Und schon hast Du ein neues Fass aufgemacht in welches ich jetzt noch etwas Dynamit hineinwerfen möchte.
    Ich trainiere seit wenigen Wochen eine Gruppe 50+ Athleten (ja es sind im wahrsten Sinne des Wortes Athleten, denn mit einem Durchschnittsalter von über 80 noch so verbissen zu trainieren und in kürzester Zeit solche Fortschritte zu machen ist unglaublich). Der Älteste Teilnehmer ist 91 Jahre alt. Jetzt kam in lustiger Runde die Frage auf, wie lange sie trainieren müssten, um bis zum Schwarzen Gurt zu kommen?!!!! Ich musste mich erst mal setzen und sammeln. aber die Frage war ernst gemeint und so musste ich eine wohlüberlebte Antwort geben. Ich habe dann erklärt, dass es bei intensivem Training (und das machen sie unbestreitbar, manche jeden Tag für sich bis zu 2 Stunden) möglich sei in 5 bis 6 Jahren bis zum Schwarzgurt zu kommen. Kurze Bedenkzeit bei meinem 91-jährigen und es kam dann wie aus der Pistole geschossen: DAS SCHAFF ICH NOCH!!
    Jetzt überleg mal bitte vor diesem Hintergrund weiter, was Graduierungen neben dem schon Gesagten an erweiterter Bedeutung haben kann!

    • Basty 9. September 2016 at 20:20 - Reply

      Da hast Du mir echt was zum Denken mitgegeben, Klaus-Thomas! Danke für diese Möglichkeit 😀
      Besonders deine Anmerkungen zu deiner Gruppe 50+. Ich bin wirklich gespannt, wie sich das entwickelt. Es ähnelt schon beinahe einem Krimi und ich fiebere jetzt voll mit!!! 🙂

  4. Oli 12. September 2016 at 22:09 - Reply

    Hey Basty ,

    allesamt suuuuuper Kommentare, die schon nachdenklich stimmen und aus meiner Sicht schon fast die ganze Bandbreite ( siehe 80 Jährigen ) treffen.
    Weiter so 👏
    Ich freu‘ mich auf mehr

    • Basty 13. September 2016 at 06:55 - Reply

      Hey Oli,
      danke für deinen Zuspruch. Da macht es mir gleich noch mehr Spaß etwas zu schreiben 😀
      LG Basty

  5. Marcus 2. Januar 2018 at 13:37 - Reply

    Hallo in die Runde,

    ich stimme mit Klaus-Thomas Hildesheim in seiner Meinung überein. Im Innenverhältnis bedeutet eine Graduierung nur wenig, denn in der Regel rutschen ja alle an Karate Interessierten nach und man bleibt im Dunstkreis der alten Bekannten. Im Außenverhältnis hat man dann aber ein richtiges Feedback und eine klare Einordnung in die Gruppe der Trainierenden.

    Neben diesem Aspekt hilft mir als (Aushilfs-)Trainer die Gürtelfarbe, die Ansprüche an den Trainierenden entsprechend einzuschätzen und ihn zu fördern bzw. zu fordern. Dieses Feedback gebe ich auch klar: als Grüngurt sollte die eine oder andere Technik anders aussehen, als bei einem Gelbgurt usw. Also muss derjenige/diejenige mal bissl härter arbeiten… Meine Trainier machen das ja mit mir genauso…

    Und „geschenkte“ Gürtel erlebt man doch überall! Beim Lehrgang hatte ich bisher immer solche Aha Erlebnisse: „ui, der ist aber gut!“ oder „oje, der ist aber schlecht!“

    Also resümierend halte ich viel vom Graduierungssystem, möchte aber auch keine Jagd nach Gürteln. Man muss sich der Graduierung, die man bei einer Prüfung erreichen will, gewachsen sehen. Und da meine ich explizit nicht, dass man das Prüfungsprogramm auswendig kennt. Es geht ab der Mittelstufe um Adaption, Anwendung von Karate, aber auch um Weitergeben der eigenen Erfahrungen, Vorbildwirkung usw.

    Ich bin auf weitere Meinungen gespannt!

    Viele Grüße
    Marcus

  6. Markus 3. Januar 2018 at 14:25 - Reply

    Hallo zusammen!

    Ich sehe Graduierung ebenfalls differenziert. „Der Unterschied liegt im Sinn der Graduierung, nicht in der Graduierung selbst!“ Ein wirklich sinniger Spruch! Ich mag ihn.

    Ich selber muss mich an einem fixen Prüfungsprogramm entlang hangeln, um meine Schüler graduieren zu können. Daran ist einerseits nichts Schlechtes zu finden. So ist sichergestellt, dass innerhalb der Stilrichtung Mindestkenntnisse vorhanden sind. Mindestkenntnisse. Zu mehr reicht die Vergleichbarkeit nicht. Es fragt niemand, ob der Gürtel mit Pauken, Trompeten und Halleluja verdient wurde oder ob die Mindestanforderungen erfüllt wurden. Pflicht oder Kür. Das Ergebnis ist gleich.

    Es sind die Softskills, die ich nur schwer transparent bewerten kann. Die innere Reifung des Schülers, sein Einsatz im Dojo, seine Leidenschaft und/oder sein Talent… Faktoren, die für mich maßgeblich sind. Daher gibt es bei mir Farbgurte, die ich zu Mentoren andere Schüler mache. „Intern“ registrieren die Schüler dies als Anerkennung. Das die Mentoren dadurch noch weiter wachsen, ist ein positiver Nebeneffekt.
    Ab einem gewissen Grad ist mir das Programm freigestellt. Jedoch gibt es auch hier Softskills, die nicht überprüfbar sind.
    Allgemein kann ich sagen, dass mir kein Prüfungssystem bekannt ist, das wirklich alle Faktoren fair und transparent berücksichtigt. Oder kennt Ihr ein System zur Messung derFortschritte Eurer Schüler in Bezug auf die Lehren des Budo? Die ethischen Werte, die Bescheidenheit, den Mut, die Loyalität, die Ehre, etc…

    Ich selber steht zum Beispiel auch vor dem Dilemma „Dan-Graduierung“. Ich bekomme als Dozent auf Lehrgängen angenehmes Feedback. Jedoch: „nur 2.Dan“.

    „Alter, mach zumindest noch den 3. Dan, dann kann ich Dich da und dort als Dozent unterbringen“, ein Satz eines guten Freundes, der leider viel Wahres ausdrückt. Früher war der Schwarzgurt der Olymp. Ab Schwarz stellst Du fest, dass Du in der Welt der Kampfkunst gerade mal aus dem Keller gekrochen bist. Den Olymp hast Du noch lange nicht erreicht. Aber erst hoch oben hast Du die Chance, dass Dir jemand zuhören will. Aufgrund Deines Ranges. Nicht, weil Du so bist wie Du bist..

    Somit wird meine Persönlichkeit in der Welt des Budo auf zwei Streifen reduziert. Als Würgereiz-Beispiel ein Zitat von einem Großmeister eines Verbandes: „Du magst zwar im Gegensatz zu mir in Kampfkunst XY eine Dan-Graduierung haben. Aber was zählt ist der höchste Grad. Worin ist egal. Du hast 2. Streifen, ich 9. Deswegen habe ich Dich von der Dozentenliste streichen lassen und mache Deinen Unterricht selber“ An dem Tag verließ ich den Verband…

    Warum ich nach knapp 30 Jahren durchgehend aktiver Zeit noch in den niederen Rängen aufhalte?

    Weil ich mich intensiv mit Wissen beschäftigt habe, dass nicht nach Programm prüfbar ist. Punkt. Ich begab mich auf die Suche nach den Ursprüngen meiner Kampfkunst (gegründet 1957). Ich wollte herausfinden, wo das „alte Wissen“ der traditionellen Kampfkünste in unserem Programm verborgen ist. Ich will meine Kata und alles andere verstehen lernen. Analysieren. Ich las das Bubishi, lernte Kyusho, und, und, und, … Auf meiner Prüfung zum 2. Dan war es schon grenzwertig, dass Teile der Kommission nicht verstanden, was ich gerade vorgemacht habe. (Zugleich trat an diesem Tag meine PTBS in Form eines Nervenzusammenbruchs erstmals zum Vorschein, aber das gehört nicht wirklich zum Thema) … Ich brachte die Kiai abhängig von der ausgeführten Richtung der Technik; war schnell, wo Schüler langsam sind und umgekehrt. Ich wollte zeigen, wie ich die Seele meiner Kata interpretiere. Ich war stolz für mich soweit fortgeschritten zu sein. War es überheblich? Keine Ahnung! Fakt: Ich bekam den 2.Dan. Mit dem Hinweis, dass es meiner aktiven Trainertätigkeit in den letzten Jahren zu verdanken ist. Kein Wort über mein inneres Reifen und Weiterkommen. Seitdem trage ich nur noch einen schwarzen Gürtel ohne irgendwelche Ränge.

    Ich habe keinen Bock mehr auf eigene Prüfungen. Denn sie haben für mich in meinem Fall den Sinn verloren. In meinen Augen macht jeder Meister einer Kampfkunst eine nicht vorhersehbare Weiterentwicklung durch, sobald er über den Tellerrand schaut. Wer will diese Weiterentwicklung prüfen? Denn genau das ist es doch, was eine Dan-Graduierung noch stärker ausmacht als eine Schülergraduierung: Die Weiterentwicklung NACH dem Abitur (1. Dan). Das Studium, sprich das aktive Befassen mit dem eigenen Wissen, der eigenen Persönlichkeit oder sogar dem eigenen Weg. EIn Studium, dass nie beendet wird, wenn man sich ernsthaft damit befasst. Das ist die Königsklasse der nicht mehr prüfbaren Kenntnisse!

    Ich danke jeden Tag dafür, dass ich Schüler lehren darf, die mich als Sensei anerkennen. Denen vollkommen egal ist, welche Urkunde irgendwo hängt. Wie wurde von Basty sinngemäß geschrieben? Maßgeblich ist das eigene Dojo, die eigene kleine Welt. Dort ist die Anerkennung auf anderer Ebene.

  7. Marcus 4. Januar 2018 at 10:57 - Reply

    Hallo Markus,

    welch ein interessanter Einblick!

    Was ich an den Prüfungsprogrammen mag: sie bieten einen Rahmen und wie Du schreibst, zeigt man die Mindestkenntnisse. Was ich nicht mag: die vorzuzeigenden Techniken oder Kombinationen werden in den Wochen vor der Prüfung regelrecht auswendig gelernt – zumindest beobachte ich das bei sehr vielen Prüflingen.
    Als ich meine letzte Prüfung ablegte, änderte der Prüfer die Reihenfolge der Techniken immer ein wenig und siehe da, statt der vom Prüfer angesagten Technik kam die, die im Prüfungsprogramm eigentlich folgte. Für die einen ein peinlicher Moment, für mich jedoch ein klares Zeichen, dass die Spontanität und vor allem Kreativität nicht ausgeprägt ist. Bei den unteren Kyu Graden mag das okay sein, ab grün finde ich das blamabel.

    Viele Grüße
    Marcus

  8. Lutz 15. Januar 2018 at 15:37 - Reply

    Moin und Gruß aus dem Norden,
    durch Zufall bin ich auf diesen Blog gestoßen und gleich auch bei einem Thema gelandet, welches mich immer mal wieder beschäftigt. Ich möchte jetzt nicht alle meine Gedanken dazu hier aufschreiben, das hab ich bei http://www.kempoka.de schon getan.
    Aber auf diesem Wege mal großes Kompliment, denn das Niveau des Austausches hier ist wirklich super! Sehr erfrischend, sehr offen und offensichtlich ziemlich unpolemisch.
    Auf diesem Wege dafür vielen Dank, ich freu mich auf zahlreiche weitere Lese-Entdeckertouren hier! 🙂
    Lutz

    • Basty 16. Januar 2018 at 10:28 - Reply

      Servus Lutz,
      vielen Dank für dein Lob. Die Art des Austausches ist uns sehr wichtig. Es gibt zu viele verhärtete Blogs und Gruppen, die keine anderen Meinungen zulassen, aber dann entsteht nur Frust und kein Wachstum. Insightbudo möchte viele Wahrheiten nebeneinander existieren lassen.
      Ich freue mich schon auf weitere Kommentare von dir. 🙂
      LG Basty

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