Die Bunkai Blaupause Teil 1

Ein einfacher Rahmen für die Anwendung der Katas des Karate in der praktischen Selbstverteidigung. Das soll die Bunkai Blaupaue von Jesse Enkamp leisten. Mach dir selbst ein Bild. Teyaku hat zugeschlagen!

Bevor wir starten, hier geht es zum Originalartikel von Jesse. Danke für die Erlaubis zur Übersetzung und Nutzung der Bilder.

Ich übergebe an Jesse.

Bunkai sollte einfach sein.

Das ist meine Philosophie, wenn es um die Anwendung der Techniken der Kata geht.

Aber immer noch tun sich viele Menschen damit schwer.

„Was bedeutet diese Bewegung? Was ist der Zweck dieser Technik? Wie sollte es gegen einen Gegner eingesetzt werden?“

Die meisten von uns wurden nie in einer logischen und strukturierten Weise im Bunkai unterrichtet.

(Und wenn wir es wurden, dann war es meist nur zufällig oder als „Nebennote“.)

Wieso?

Weil in 9 von 10 Fällen die Lehrer ebenfalls nicht darin unterrichtet wurden!

Die Konsequenzen sind verheerend:

  • Die Menschen fangen an, Kata abzulehnen (aufgrund der abstrakten Natur von Kata).
  • Die Menschen setzen die Bedeutung von Kata herab (da reale Anwendungen nie gezeigt werden).
  • Die Menschen schaffen ihre eigene Kata (bei der die Bedeutung jeder Bewegung klar ist).
  • Die Menschen ändern die Techniken der Kata (um einen Sinn für die Bewegungen zu finden).
  • Die Menschen hören auf, sich mit Bunkai zu beschäftigen (sie sind mit einem „allgemeinen Überblick“ zufrieden).
  • Die Menschen ignorieren Kata gänzlich – und überlassen uns Karate Nerds™ diese „Kriegstänze“!

Kurz, viele Menschen sehen einfach nicht mehr den Zweck, Kata zu erforschen.

Es verursacht bei ihnen Migräne.

Und ehrlich gesagt, verstehe ich sie.

Ich mag es auch nicht, mich dumm zu fühlen.

Aber ich kann nicht mehr auf der Seitenlinie dieser Tendenz sitzen und beobachten, wie unsere alten Kata auf bloße physische Leistungen, oder einen Haufen von ungeschickten Bewegungen, reduziert werden, um sich diese für Abstufungen und Turniere zu merken, ohne dass irgendeine reale Substanz übrig bleibt.

Hör zu:

Wenn du mehrere Kata kennst, aber nie die alten Lektionen nutzt, die sie ursprünglich vermitteln wollten (Bunkai), dann kannst du genauso gut auch Ballett machen.

Richtig gehört.

Kata ist eine bewährte, praxiserprobte Toolbox aus Arschkick-Lektionen, die durch eine knallharte Vorlage von physischer Großartigkeit geliefert wird, um deinen Arsch auf der Straße zu retten.

Stimmst du zu?

Also, ich habe mich dazu entschieden, heute ein kleines „Geheimnis“ mit euch zu teilen…

Ich stelle vor…

Die Bunkai Blaupause

Ein einfacher Rahmen für die Anwendung von Techniken aus Karate Katas.

Du siehst, über die Jahre habe ich eine trügerisch einfache Formel für das Verständnis der Bewegungen von Kata entwickelt. Ein Denkprozess oder Rahmen, wenn du es so willst, um jede Bewegung in einer Kata zu verstehen – zusammen mit ihren praktischen Anwendungen für die Selbstverteidigung.

Diese Blaupause kann auf jede Kata von jedem Stil angewendet werden, solange Du bereit bist, einiges an Zeit, Aufwand und Aufmerksamkeit zu investieren. Ich meine, sicher, die ursprünglichen Bedeutungen der meisten Katas sind im „Sand der Zeit“ verloren gegangen.

Aber das bedeutet nicht, dass wir dies nicht umkehren können.

Folge mir:

Die Kernprämisse

Okay.

Der erste Teil der Bunkai-Blaupause stützt sich auf das Verständnis einer grundlegenden Prämisse, oder zugrunde liegenden Festlegung des traditionellen Karate – die den Rest unseres Kata Entdeckungsprozesses diktieren wird.

Daher ist es von größter Wichtigkeit, dass man sich mit der folgenden Kernprämisse vertraut macht und diese letztendlich verinnerlicht, da sie die kontextuelle Denkweise liefert, von der ausgehend wir die gesamte Bunkai-Blaupause durcharbeiten.

Prüfe es:

  1. Karate war ursprünglich dazu bestimmt, für die physische Selbstverteidigung eingesetzt zu werden – am häufigsten gegen einen einzigen, ungeübten, wahrscheinlich rechtshändigen, vorteilhaften, unbewaffneten und aggressiven Gegner.
  2. Kata ist eine mnemonische Vorlage (Lernmittel für die Aufbewahrung und Übermittlung von Informationen) – von unseren Gründern überliefert, mit dem Hauptzweck der Übung des oben genannten Punktes.
  3. Daher müssen die Techniken der Kata, rein logisch gesehen, auf Prinzipien beruhen, die eine erfolgreiche Selbstverteidigung bestimmen: Effektive Techniken, die einfach durchzuführen, einfach zu üben und schnell abrufbar sind – und gleichzeitig ein positives Ergebnis zu unseren Gunsten liefern.

Die Kernprämisse, die eine Menge direkter (und indirekter) Implikationen hat, wenn man tiefer in die Worte geht, sollte als Marinade für das Fleisch des Bunkai-Blaupausens betrachtet werden, das unser Verständnis von Kata in den nachfolgenden Phasen dieses fantastischen Bunkai Grills grillen wird.

Verstanden?

Auf zum nächsten Teil.

Die unterstützenden Konzepte

Also…

Als praktische Erweiterung der Kernvoraussetzung, haben wir die unterstützenden Konzepte.

Obwohl es einige wichtige Konzepte gibt, die bekannt sein sollten, werde ich jetzt nur drei große kurz vorstellen, beginnend mit den HAPV.

Die HAPV

Das erste von den unterstützenden Konzepten, recherchiert, katalogisiert und popularisiert von hanshi Patrick McCarthy, ist die HAPV – Habitual Acts of Physical Violence. Einfach gesagt sind die HAPV eine Liste der 36 grundlegendsten Techniken, die von Zivilisten in einem unbewaffneten Kampf vorgefunden und erwartet werden.

Das geht so:

  1. Gerade Tritte
  2. Schräge Tritte
  3. Gerade Schläge
  4. Rundschläge
  5. Abwärtsschläge
  6. Aufwärtsschläge
  7. Knie- & Ellbogenstöße
  8. Kopfstöße /Beißen & Spucken
  9. Hodenpressen
  10. Erweiterte Fuß- /Beinarbeit
  11. Einzel- /Doppelhandhaarzug von vorne / hinten
  12. Einzel- /Doppel-Handdrossel von vorne / hinten
  13. Fronthalsdrossel von hinten
  14. Klassisches Kopfschloss
  15. Vorderes, vorgebeugtes, verstärktes Würgen
  16. Halb- /Vollnelson
  17. Umarmung von hinten über dem Arm (& seitliche Variation)
  18. Umarmung von hinten unter dem Arm (& seitliche Variation)
  19. Umarmung von vorne über dem Arm (& seitliche Variation)
  20. Umarmung von vorne unter dem Arm (& seitliche Variation)
  21. Angriff von vorne / hinten
  22. Handgelenkgreifen mit einer Hand (gleiche und entgegengesetzte Seite; normal / umgekehrt)
  23. Handgelenkgreifen mit zwei Händen (normal / umgekehrt)
  24. Beide Handgelenke gegriffen von vorne / hinten
  25. Beide Arme gegriffen von vorne / hinten
  26. Einfacher / doppelter Schultergriff von vorne / hinten
  27. Armschloss (hinter dem Rücken)
  28. Armhebel von vorne (Trizeps-Sehnen-Drehpunkt oben durch Handgelenk unterstützt)
  29. Seitlicher Armhebel (Trizeps-Sehnen-Drehpunkt unten durch Handgelenk unterstützt)
  30. Einzelner / Doppelter Reversgreifer
  31. Einzelner / Doppelter Hand Stoß
  32. Kleidungsstück über den Kopf gezogen
  33. Ergriffen & zusammengepresst
  34. Einzel- / Doppelbein -/Knöchelgriff von vorne (seitlich / hinten)
  35. Boden Grätsche
  36. Angriff (getreten / getroffen) auf dem Boden liegend

Als nächstes habe ich einige Buchstaben aus dem Alphabet für dich.

Das ABCDE

Das Ziel des praktischen Karate sollte immer sein, unversehrt zu überleben.

Anstatt den Gegner zu schädigen.

Also, obwohl die inhärent chaotische Natur der Selbstverteidigung niemals eines dieser Ergebnisse garantieren kann, sollten wir danach streben, unsere Überlebenschancen zu maximieren, indem wir darauf abzielen, die folgenden menschlichen Strukturen anzugreifen:

Air (Luft)

Blood (Blut)

Consciousness (Bewusstsein)

Dislocation (Dislokation)

Escape (Flucht)

A: Luft bedeutet, den Luftstrom unseres Gegners zu blockieren, zum Beispiel durch Einschränkung mit einer Drossel.

B: Blut heißt, den Blutfluss unseres Gegners zu beschränken. Blut transportiert Sauerstoff zu unserem Gehirn und anderen lebenswichtigen Organen, was bedeutet, dass das Herunterfahren (z.B. durch eine Strangulation) den Gegner abschaltet – sogar noch schneller als den Luftstrom zu beschränken.

C: Bewusstsein bezieht sich auf das Bewusstlos schlagen des Gegners, so dass er / sie das Bewusstsein verlieren. Ein solider Haken zum Kinn könnte dazu führen, aber so wird ein Ellenbogenzertrümmern oder ein Kopfstoß zum Tempel. Solange das Ziel erreicht ist.

D: Dislokation ist ziemlich einfach – es bedeutet einfach, dass wir unseren Gegner unfähig machen, ohne dass er / sie zwangsläufig als Konsequenz das Bewusstsein verliert (obwohl es aufgrund eines Schocks passieren kann, abhängig von dem Grad des verursachten Traumas). Denk daran, dass es mehr als einen ausgerenkten Finger braucht, um jemanden zu stoppen.

E: Flucht ist natürlich das ultimative Ziel der Selbstverteidigung. (Aber hey, wenn wir immer entkommen könnten, wo liegt dann der Sinn des Übens dieses ganzen Zeugs?)

Schließlich haben wir einen dritten Hauptbestandteil der Unterstützenden Konzepte.

Ich rede von…

Der menschlichen Anatomie

Schau:

Während es oft Spaß macht, Stärke, Geschwindigkeit oder Flexibilität als Vorteil im Dojo zu nutzen, müssen wir immer davon ausgehen, dass ein Angreifer auf der Straße körperlich überlegen (und vielleicht sogar geistig stärker) sein wird und höchstwahrscheinlich das Element der Überraschung auf seiner / ihrer Seite hat.

Daher müssen wir die Prinzipien der menschlichen Anatomie verstehen, um unsere Chancen auf einen Bunkai Erfolg zu maximieren.

Der menschliche Körper ist das Hauptthema bei jeglicher Gewalt mit leeren Händen, egal wo du lebst oder wer du bist, daher ist es wichtig, die menschliche Anatomie zu studieren, um zu lernen, wie ihre einzigartigen Strukturen und universellen anatomischen Schwächen am besten ausgenutzt und angegriffen werden können, sodass du, wenn du mit einem HAPV konfrontiert wirst, das ABCDE mit unserem Bunkai erreichen kannst.

Einfach ausgedrückt, wird sogar ein rudimentäres Verständnis der Anatomie es dir erlauben, zu sehen, was normale Leute erst nach Jahren der praktischen Erfahrung wahrnehmen können.

Zum Beispiel:

  • Die optimale anatomische Lage jedes Angriffs und / oder Verteidigung (Leiste, Augen, Rippen, Solarplexus, Rachen, Knie etc.)
  • Die optimale menschliche Waffe für jeden Angriff und jede Verteidigung (Faust, Fuß, Ellenbogen, Knie, Kopf, Fingerspitzen usw.)
  • Der optimale Winkel, Richtung, Häufigkeit, Zeitpunkt, Kombination, Intensität etc. von Angriffen und Verteidigung (taktische und strategische Themen)

Aber um dieses Wissen zu deinem vollen Vorteil nutzen zu können, darfst du dich nicht mehr von den traditionellen Labels der Karate-Techniken beschränken lassen.

Techniken müssen stattdessen als Bewegungen ohne spezifische Etiketten oder Namen betrachtet werden, da ihre Verwendung alles sein kann, von regelmäßigen Schlagauswirkungen bis hin zum Greifen und Pressen in Hohlräume, Manipulation von Bindegewebe, Hyperflexion, Dehnung und Überdrehung (Versetzung) von Gelenken, das Einschränken von Blut- und Luftströmung, das Herunterfahren neurologischer Strukturen, die Verschiebung des Gleichgewichts, die Angriffspunkte, die Entdeckung gemeinsamer Rückschlagreflexe / Nervenreaktionen usw.

Das Verstehen des menschlichen Körpers ermöglicht es dir, leicht zu beurteilen, was, wo, wie und warum bestimmte Techniken funktionieren oder auch nicht funktionieren.

Dir geht doch jetzt sicher viel im Kopf rum. Lass ein paar deiner Gedanken hier, damit wir diskutieren können!

Hier geht es direkt zu Teil 2 der Bunkai Blaupause!

/Respekt

By |2017-12-20T10:51:11+00:00Dezember 6th, 2017|7 Comments

7 Comments

  1. Yôjimbo 8. Dezember 2017 at 07:31 - Reply

    Die Frage ist für mich dabei:
    Wozu brauche ich da noch die Kata, wenn ich letztlich eh nur diverse Angriffs-Verteidigungs-Szenarien durchspiele?

    • Basty 8. Dezember 2017 at 08:02 - Reply

      Nun ja, die Idee ist doch, dass die Kata die Antworten auf verschiedene Angriffsszenarien liefert.

      Natürlich bräuchtest Du dazu im Grunde keine Kata, das stimmt! Schließlich gibt es auch andere Kampfkünste oder -systeme, die keine Kata haben.

      In dem Artikel geht es aber doch darum, wie Du einen Zugang bekommst, um deine Kata zu interpretieren und in Anwendungen zu übersetzen.

      LG, Basty

  2. Yôjimbo 8. Dezember 2017 at 09:45 - Reply

    Vielleicht, ja. Wenn man eine Übungsform die man eigentlich nicht mehr versteht wieder mit Sinn füllen will, bzw. das genaue Wissen darum, was und wie damit eigentlich geübt wurde, nicht mehr vorhanden ist.
    Aber wenn quasi das Entdecken von möglichen Anwendungen zu den 36 Angriffsarten alles ist, scheint mir dafür wirklich keine Kata notwendig. Zumal diese Szenarien so ja auch sehr reduziert sind…
    Es fehlt ja in der Liste das Ganze davor und danach, die Randbedingungen, und vor allem: was will der Angreifer eigentlich mit manchen dieser Dinge. Wenn mich jemand einfach nur am Handgelenk packt, brauche ich ja eigentlich gar nichts machen 🙂 Ist ja erst mal nicht weiter schlimm.

    • Basty 8. Dezember 2017 at 09:48 - Reply

      Da stimme ich dir uneingeschränkt zu!

      Würdest Du denn sagen, dass eine Kata auch die Randbedingungen abdecken kann? Davon würde ich zum ersten Mal hören. Wie aber sicherlich ein interessanter Gedanke. 🙂

  3. Yôjimbo 8. Dezember 2017 at 10:57 - Reply

    Hmmm…. Kann ich nicht sagen… Bzw. müsste ich erst drüber Nachdenken… In dem Buch „Shotokan’s Secret: The Hidden Truth Behind Karate’s Fighting Origins“ hatte ich mal gelesen, dass die Tekki mehr eine Art Gruppenkampf-Sache war, wo versucht wurde durch seitliches Bewegungen Angreifer am Eindringen zu hindern… Ob es stimmt – keine Ahnung (kann auch die Qualität des Buches an sich nicht wirklich einschätzen), aber ich fand es damals zumindest einen interessanten Gedankengang. Aber letztlich sollte ja beim Endverbraucher (d.h. beim konkreten Schüler in einer Schule oder einem Verein) immer ein kohärentes Konzept ankommen, was und wie mittels der jeweiligen Kata und der Kata überhaupt geübt wird. Wenn ich das selber reininterpretieren oder von vielen anderen Lehrern einsammeln muss, dann scheint mir da ein Problem vorzuliegen.

    • Basty 8. Dezember 2017 at 16:25 - Reply

      Ob die Tekki das aufgrund von seitlichen Bewegungen leistet, weiß ich nicht. Jedoch denke ich, das jede Kata Gruppenkampf-Dinge abdecken kann, wenn sie so trainiert wird. Am Ende liegt es immer am Training.
      Das mit dem kohärenten Konzept kann ich nur bejahen. Eine Schule oder Trainer sollte das abdecken können. In diesem Fall wäre das Konzept dennoch nur schultypisch. Eine andere Schule könnte die selbe Kata üben aber ein gänzlich anderes kohärentes Konzept vorlegen.

      Doch glaube ich, dass es vielerorts an diesen zusammenhängenden und dann auch noch schlüssigen Konzepten fehlt. Schade eigentlich, meinst Du nicht aus?

  4. Yôjimbo 8. Dezember 2017 at 20:38 - Reply

    Definitv.

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