Warum sehen Techniken kompliziert aus?

Hast Du dich schon einmal gefragt, wieso Techniken in den Kampfkünsten immer so verdammt kompliziert aussehen? Wenn die wirklich so kompliziert sind, dann kann sie doch niemand in einer ernsten Situation anwenden, oder?

Hey, wie geht es dir? Ich hoffe doch gut, denn ich habe einen echten Augenöffner-Ausflug mit dir vor! Mach dich bereit.

Ich hoffe, am Ende meiner paar Sätze kann ich die Frage beantworten, wieso Kampfkunsttechniken immer so kompliziert aussehen! Auch möchte ich zeigen, warum Techniken so aussehen müssen und wieso diese Komplexität gerade für die Realität sinnvoll ist!

Der Kampf und die Täter-Opfer-Konstellation

Zunächst einmal lass mich einen Rahmen schaffen.

Wenn ich im Weiteren von Kampfkunst spreche, meine ich die Kunst in realistischen Situationen zu kämpfen oder sich zu verteidigen. Klar, diese Interpretation stellt eine gewisse Verkürzung des Kampfkunstbegriffs dar, aber Du wirst es mir sicher verzeihen. 😉

Im Kampf stellt die Täter-Opfer-Konstellation meist die Realität dar. Ein Starker möchte einen Schwächeren aufmischen. Auch diese Sichtweise ist ein wenig verkürzt aber HEY, ich darf es mir doch auch mal leicht machen!

Dabei ist die Täter-Opfer-Konstellation nicht objektiv oder in Stein gemeißelt, sondern sie wird aus Tätersicht so wahrgenommen und wenn es blöd läuft, auch aus Opfersicht.

Zumindest befindet sich das Opfer in einer echt dummen Situation. Es ist vermeintlich im Nachteil.

Ich sage vermeintlich weil das Opfer im Besitz von super kompliziert wirkenden und unrealistischen Kampfkunstbewegungen und -techniken ist.

Der Sieg wird dein sein!

Der Rahmen ist gespannt, los geht´s!

Eine Technik ist eine Gesamtkomposition

In einem früheren Artikel „Jede Technik ist eine Mikro-Kata“ schrieb ich, dass eine Technik ein Zusammenschluss vieler einzelner Prinzipien darstellt. Diese Prinzipien kann ich frei kombinieren, um meine Technik unterschiedlichsten Gegebenheiten anzupassen. Somit kann eine Technik in viele Anwendungen übersetzt werden. Im gerade erwähnte Artikel bediente ich mich einer technischen oder prinzipiengeleiteten Sichtweise.

Andree hingegen folgte in einem seiner Artikel einer anforderungsbetonten Sichtweise. Was muss eine Technik leisten, um in einem Kampf hilfreich zu sein.

Hier in aller Kürze und Würze seine drei Anforderungskriterien:

  1. Zeitgerechte Bewegung
  2. Schließen der Zentrallinie
  3. Verteidigung und Konter sind eine Bewegung

Diese Kriterien beziehen sich auf seine Kampfkunst und im speziellen auf Blocktechniken des Uke Waza.

Was haben wir bis jetzt?

Eine Technik ist ein Gebilde aus vielen Prinzipien, plus eine Technik muss gewisse Anforderungen erfüllen, um im Kampf sinnvoll zu sein

Da sich Andree´s Ausführungen zunächst oder vordergründig nur auf Blocktechniken beziehen, möchte ich es wagen seine Ausführungen noch eine Stufe allgemeiner auszudrücken.

Anforderungen an eine realistische Technik

Andree, bitte verzeih mir, wenn ich deine Kriterien jetzt auseinandernehme. Du weißt ja, ist nicht böse gemeint!

#1 Nutzen natürlicher Reflexbewegungen

Inspiriert von Andree Kielholtz und Chris Thomas möchte ich dir dieses Schmankerl nicht vorenthalten.

Das Video zeigt ganz grob gesagt, dass jede Karatetechnik auf einer natürlichen Reaktion des menschlichen Körpers aufbaut.

Hier würde ich die zeitgerechte Bewegung verorten. Denn eine bewusste schnelle Bewegung ist zwar schnell aber eine unbewusste Reaktion als Bewegung ist einfach noch schneller. Und im Kampf muss es schnell gehen, richtig?

Hier würde ich ebenfalls die Verteidigung hinein interpretieren, ebenso wie das Schließen der Zentrallinie. Unser Körper schützt sich meist recht gut automatisch. Das Schließen der Zentrallinie ist dabei auch ein natürlicher Schutz. 

Bääm, drei Anforderungen in nur einem natürlichen Reflex vereint. Geht es noch einfacher? Unser Körper ist eine natürliche Verteidigungsmaschine.

#2 Übernehmen der Kontrolle

Allgemein gesprochen, würde ich Kontrolle als eine Hinderung des Täters sehen mich weiter angreifen zu können.

Wieso bleibe ich hier so allgemein? Ganz einfach, weil ich in einem Kampf auf viele unterschiedliche Weisen die Kontrolle übernehmen kann. Hier nur ein paar Möglichkeiten…

  • Täter über Griffe fixieren
  • Die Struktur und das Gleichgewicht des Täters brechen
  • Täter direkt außer Gefecht setzen

Kontrolle ist ein überaus wichtiger Punkt in der Kampfkunst und im realistischen Kämpfen/Verteidigen. Sie macht uns vom reaktiven zum aktiven Part des Geschehens. Ohne Kontrolle bleiben wir Spielball des Geschehens und müssen auf unser Glück hoffen. Also halte dein Hufeisen, deine Hasenpfoten und jedes gefundene Kleeblatt bereit!

Oder nehme dein Glück in die eigene Faust, äh, ich meine Hand!

#3 Ausführen eines Angriffs, Gegenangriffs, Konter

Nur reagieren oder kontrollieren wird dich nicht aus der Situation rausbringen.

Irgendwann kommt der Punkt, wo Du die Situation beenden musst. Ich sage absichtlicher Weise „Situation beenden“ weil dieser Ausdruck mehr Freiheiten lässt. Das Ende der Situation ist nämlich nicht nur der Tod des Täters oder ein blinder, gehörloser Gegner oder ein Gegner ohne Kehlkopf.

Brrr, das klingt schon gruselig. Es geht auch anders…

Der Täter kann sich eines besseren besinnen oder aufgeben.

Wie beim Kontrollieren gibt es auch hier verschiedene Möglichkeiten eines Gegenangriffs…

  • Schlagen, Treten, Beißen usw.
  • Hebeln
  • Reden
  • Weglaufen

Und wieso sehen Kampfkunsttechniken jetzt so kompliziert aus?

Sorry wegen dieser rhetorischen Frage. Vermutlich bist Du schon längst selbst draufgekommen.

Die Techniken sehen so kompliziert aus weil sie, um für den realistischen Kampf tauglich sein zu können, mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen müssen.

Eine Technik, die nur blockt, wird dich nicht retten. Nur kontrollieren, bringt dich auch nicht aus der Situation. Alleiniges Angreifen kann nützen, wenn Du die Möglichkeit auf einen Angriff bekommst.

Die Kombination bringt die Überlegenheit. Eine einzige simple und doch kompliziert wirkende Kampfkunsttechnik muss dich schützen, dir die Kontrolle ermöglichen und zum Gegenschlag ausholen lassen. Also ist die Technik eigentlich nicht kompliziert, sondern komplex.

Andree betonte die Gleichzeitigkeit von Block und Konter. Ich will ihm hier nicht widersprechen weil ich weiß, dass es funktioniert. Aber es ist teilweise auch recht kompliziert und braucht viel Training. Zwei Sachen auf einmal fällt mir ja schon beim Autofahren und gleichzeitigem telefonieren schwer. 

Du musst dich verlesen haben, sowas mache ich natürlich nicht!

Also schau dir deine Techniken noch einmal genauer an. Erfüllt jede deiner Techniken alle diese Kriterien. Wenn ja, besteht vielleicht die Chance sie auch voll realistisch anwenden zu können!

Vorausgesetzt natürlich Du trainierst realistisch.

Ich freue mich auf deine Kommentare 🙂

/Respekt

By |2017-11-29T17:17:00+00:00November 29th, 2017|2 Comments

2 Comments

  1. Markus 4. Dezember 2017 at 14:09 - Reply

    Es ist mir jedes Mal aufs Neue ein kleines Fest, Eure Artikel zu lesen. Ein Effekt, der zur Regel dabei geworden ist: „Besinne Dich auf das, was man Dir früher einmal beigebracht hat. Wahrscheinlich ist das Prinzip gar nicht so scheiße, wie es damals subjektiv rüber gekommen ist. Du warst nur noch nicht reif genug, es zu verstehen…!“

    Macht Eure Arbeit weiter so!
    Gruß
    Euer Markus

    • Basty 4. Dezember 2017 at 15:39 - Reply

      Servus Markus,

      danke für deine lieben Worte. So etwas bestärkt echt mega!

      LG Basty

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