Finde die Gemeinsamkeiten in deinen Techniken

Wie oft habe ich mir schon überlegt, welche Techniken ich tatsächlich brauche. Wie viele Kata sind tatsächlich nötig, oder sind sie es überhaupt?

Die schiere Anzahl von Techniken im Reportoir eines Karate Ka scheint unerschöpflich, ja bodenlos zu sein. Für jemanden wie mich, der sein Leben dem Studium der Kampfkünste verschrieben hat, ist das eine tolle Sache. Selbst nach fast 40 Jahren lerne ich permanent dazu, und freue mich wie ein kleiner Junge unter dem Weihnachtsbaum über jedes neue und bunt verpackte Geschenk!

Doch die Vielzahl der Techniken bringt mich manchmal an den Rand des Fassbaren, und ich frage mich wie jemand mit einem deutlich geringeren Trainingsstundenansatz all diese Dinge lernen, verstehen oder gar meistern will?

Ja, natürlich habe ich es auch übertrieben!

So übertrieben, dass ich mir von meinen langjährigen Schülern und Wegbegleitern die Frage gefallen lassen muss, wie zum Teufel ich mir das alles nur merken kann.

Die Antwort ist: Ich kann es nicht! Ich studiere vier traditionelle Kampfkunststile, und so „ganz nebenbei“ übe und unterrichte ich noch sportliche Richtungen und einiges mehr. Damit möchte ich nicht zur Schau stellen, wie toll ich eigentlich bin, sondern wie weit der Weg der Kampfkünsten verzweigt sein kann, und wie leicht es ist, sich zu verirren…….

Prioritäten setzen, nur wie?

Nun, um mit dem zu übenden Material überhaupt klar zu kommen, muss man priorisieren. Also lege ich eine Weile die Prioritäten auf mein Goju Ryu Karate, nur um nach einer Weile festzustellen, dass meine Fähigkeiten mit dem Bo weit unter meinen Ansprüchen liegen. Als Konsequenz stürze ich mich für eine Zeit auf mein Kobudo Studium, um schon bald zu bemerken, wie lange ich schon kein Schwert in der Hand hielt, und wie bescheiden meine Fähigkeiten im Battou Jutsu geworden sind. Und so rotiert der Schwerpunkt meines Trainings über das Jahr von hier nach da, und manchmal verzweifle ich, weil es mir wie die ewige Rückkehr des immer gleichen erscheint. Fortschritte sind somit langsam, aber wie mir scheint doch stetig zu sein.

Dies geht allerdings nur, weil ich „Profi“ bin, und somit von „Berufswegen“ viel Zeit in dieses Thema investiere!!

Nicht Priorisierung, sondern Simplifizierung!

Somit stolpere ich immer öfter über den intensiven Gedanken der „Simplifizierung“, dem Wunsch bzw. dem tiefen Bedürfnis die Dinge zu entzerren und zu vereinfachen. Nicht um einen neuen, effektiveren Stil zu erschaffen, sondern um durch finden eines gemeinsamen Nenners die Dinge noch besser verstehen zu können, sie noch besser umsetzen und im „Ernstfall“ auch optimal einsetzen zu können“

„Ich habe lieber zehn Techniken, die für mich kämpfen, als tausend, die gegen mich kämpfen!“ – Ed Parker, Vater des American Kenpo

Bereits in den späten 80ern wurde mir klar, dass die Kampfkünste, ganz gleich welcher Herkunft einigen gemeinsamen und Allgemeingültigkeit Prinzipien folgen.

Wie mein Sifu (Danke Shifu Serge Seguin für diese einfache und doch geniale und stilübergreifende Einsicht!!) zu sagen pflegt…

„Menschen haben zwei Arme und zwei Beine, da gibt es nicht viele logische Möglichkeiten sich zu bewegen!“

Und schon bald suchte ich nicht mehr nach den Unterschieden zwischen den verschiedenen Kampfsystemen, sondern nach ihren Gemeinsamkeiten. Lustiger Weise könnte ich viele der in den Kata „versteckten“ Bewegungen und Prinzipien zuerst durch Techniken aus anderen Stilen erklären. Erschreckenderweise, weil mir die „hardcore Traditionalisten“ in den 80ern daher auch vorwarfen, dass das doch nicht mit Karate zu tun habe.

Tja, 30 Jahre und ein paar Pat McCarthys und Taira Bunkais später, sucht nun alle Welt nach dem „fehlenden Schlüssel“ und niemand behauptet noch, dass diese Bewegungen nach dem Hubud oder Gunting aus dem philippinischen Arnis aussieht oder diese Bewegung einem Chi Sao aus dem Wing Tsun gleicht 😉

Nun, das ist wohl Evolution, auch wenn man sich hier teilweise von alt zu neu und wieder zurück zu alt entwickelt hat. Aber das ist definitiv ein anderes Thema……

Der gemeinsame Nenner der Technik

Zurück zum Thema!!

Um einen (oder auch mehrere) grundlegende gemeinsame Nenner zu finden, bedarf es einer genauen Analyse, also dem was Bunkai im eigentlichen Sinne des Wortes ja bedeutet.

Es bedarf aber auch vielem mehr!

Es bedarf einer intensiven Ausbildung, möglichst eine stilübergreifende, um eben jene Ähnlichkeiten erkennen zu können. Es bedarf einer klaren Sicht auf die Funktionalität der Bewegung.

Und vor allem bedarf es einer Sache NICHT! Der eingeschränkten Sicht durch die Stilbrille!!! Denn die „das machen wir in unserem Stil aber anders“ Einstellung hat uns bislang meist nur in Sackgassen und ziellose Diskussionen geführt.

Die „Vereinfachungs-Theorie“

Lass uns nun an´s Eingemachte meiner „Vereinfachungs-Theorie“ gehen.

Dabei geht es vor allem darum, Gemeinsamkeiten zwischen diversen Techniken zu entdecken, dies teilweise ungeachtet ihrer stilspezifischen Ausführungen, um so nicht nur die Techniken und ihre jeweilige Anwendung besser verstehen zu können, sondern auch die Möglichkeit zu erkennen, dass man sich durchaus auf eine Handvoll effizienter Möglichkeiten konzentrieren kann.

Puuh, das war doch mal ein fieser Schachtelsatz.

Um die Idee hinter dieser Theorie zu verdeutlichen habe, ich mir die verbreitetsten Blocktechniken des Karate genauer angesehen. Diese dann in ihrer Funktionalität analysiert um somit eine klare Struktur die diesen Bewegungen zu Grunde liegt zu erkennen.

Die ursprüngliche Idee zu dieser Analyse basiert auf meiner Theorie, die die Leser meines Buchs „Itosu und die Pinan Kata“ bereits kennen. Darin hatte ich den Shuto Uke als Itosus Standardlösung bezeichnet, weil er die am häufigsten vorkommende Technik innerhalb der Pinan / Heian Katas ist.

Um die Begrifflichkeiten zu klären, hier noch eine wichtige Anmerkung. Da in den meisten Stilen der Block nach außen ein Soto Uke ist, und der Block nach innen als Uchi Uke bezeichnet wird, habe ich mich für diese Bezeichnung entschieden (im einigen Stilen wie z.B. im Shotokan ist dies andersherum). Die Blocktechniken (Uke Waza) die ich für diese Erklärung herangezogen habe sind…

  • Uchi Uke
  • Soto Uke
  • Gedan Barai
  • Age Uke
  • Shuto Uke
  • Mawashi Uke

Zuerst müssen wir die genaue Herangehensweise dieser „Block“ Techniken in ihre Einzelteile zerlegen, um zu sehen, ob sie überhaupt eine Gemeinsamkeit aufweisen. Doch bevor wir das tun, sollten wir uns fragen welche Anforderungen wir grundsätzlich an eine solche Technik stellen. Was muss diese Technik können um in einem Kampf realistische Bestand zu haben?? Nun, offensichtlich haben unterschiedliche Kampfkünstler auch unterschiedliche Anforderungen, ergo kann ich hier nur meine eigene Favoritenliste veröffentlichen.

Was muss eine Technik können?

#1 Zeitgerechte Bewegung

Die Technik muss so gestaltet sein, dass sie „zeitgerecht“ ausgeführt werden kann. Dies bedeutet, dass ich als „Verteidiger“ oftmals ja nach dem Angriff des Gegners (AKTION) handele (REAKTION) und somit mein Zeitfenster extrem klein ist. Verschwendete Bewegungen, wie z.B. unnütze Ausholbewegungen oder das sogenannte „laden“ der Hand, kann ich mir nicht ernsthaft leisten, wenn der „Block“ erfolgreich werden soll.

#2 Schließen der Zentrallinie

Auch wenn der Begriff sicherlich zuerst von chinesischen Stilrichtungen geprägt wurde, ist das Sichern und Besetzen der eigenen und das Angreifen der gegnerischen Zentrallinie ein elementarer Punkt für alle realistischen Systeme. Dabei geht es darum, dass neben dem Ausweichen (welches in der Anwendung zwar zeitgleich mit einem Block ausgeführt wird, aber technisch betrachtet kein Bestandteil der eigentlichen Blocktechnik ist) das Sichern der Zentrallinie sofort und ohne Umwege geschehen muss, wenn wir die gegnerische Technik ernsthaft verhindern wollen.

#3 Verteidigung und Konter sind eine Bewegung

Viele der alten Meister (u.a. Motobu Choki in seinem 1932 erschienenen Buch „Watashi no Karate Jutsu“) legten großen Wert darauf, dass Block und Gegenschlag in einer Bewegung ausgeführt werden. Diese simultane Ausführung schafft Zeit für den Verteidiger, und übt auf den Angreifer enormen Druck aus. So kommt es im optimalen Fall zu einem „Rollentausch“ bei dem sich der Angreifer plötzlich in der Lage des Verteidigers befindet.

Doch sehen wir uns einmal einige der oben genannten Blocktechniken unter eben diesen Gesichtspunkten an. 1. Zeitnah (keine unnützen Ausholbewegungen usw.), 2. Zentrallinie schließen und 3. Block und Konter in einer Bewegung.

Beim ersten Beispiel des Age Uke sehen wir in der ersten Sequenz eine Art Ausholbewegung der linken Hand zum Ohr (je nach Stil kann diese Hand höher oder tiefer gehalten werden), während die rechte Hand zur Mitte gehalten / gestreckt wird. Erst in der der zweiten Sequenz wird die linke Hand zum klassischen Age Uke gehoben. Eine so ausgeführte Sequenz kann also nicht funktionieren, wenn wir so ausführen! Oder doch?

Betrachten wir die beiden Bilder erneut unter den oben genannten drei Kriterien. Im ersten Bild nehme ich mit der linken Hand bereits einen geraden Angriff (bspw. einen Tsuki). Die Hand fungiert also ähnlich wie ein Uchi Uke (in diesem Fall „Block nach innen“), und  ist NICHT, wie oft vermittelt wird, eine Ausholbewegung.

Gleichzeitig erfüllt die rechte Hand bereits die Kriterien 2 und 3. Sie kann einfach die Zentrallinie schließen (wie als Eingang gegen einen Mae Geri z.B.), oder sie wird direkt als Tsuki in Richtung Gegner ausgeführt, um diesen bereits im ersten Moment des Blocks zu treffen. Mit beiden Bewegungen schaffen wir wieder Zeit (ZEITGERECHT!!) für die „Ausholbewegung“ unseres Age Uke, der nun eventuell gar kein „Block“ mehr ist, sondern direkt als Schlag unter das Kinn des Angreifers geht.

Überraschenderweise sind alle nun folgende Blocks so aufgebaut, und ich habe die Bilderfolge nur als Gedankenstütze hier untergebracht. Seht euch die Abfolgen sorgfältig an, überlegt, welche Hand bereits annehmen (statt nur ausholen) könnte, welche Hand schon die Zentrallinie schließt, bzw. im Ansatz einen Konter darstellt.

P.S. Natürlich weiß ich, dass nicht in allen Karate Stilen die Blocks (Uke Waza) so ausgeführt werden, wie ich es auf den Bildern. Dennoch bin ich sicher, dass ihr auch aus „euren“ Block Techniken diese Funktionalität erarbeiten könnt, wenn die Augen offen sind.

/Ganbatte und viel Spaß beim Üben!

By |2017-11-08T14:18:55+00:00November 22nd, 2017|1 Comment

One Comment

  1. […] Andree hingegen folgte in einem seiner Artikel einer anforderungsbetonten Sichtweise. Was muss eine Technik leisten, um in einem Kampf hilfreich zu sein. […]

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