Karate ist keine Selbstverteidigung!?

Share Button

Ich habe die tiefe Überzeugung, dass Karate ein äußerst komplexes und wirkungsvolles SV System darstellt. Doch die meisten Überzeugungen scheitern an der Umsetzung. 

Sei es aus Angst neue Wege zu beschreiten oder aus Unwissenheit und fehlender Kompetenz. Dies soll jetzt nicht abgedroschen klingen, sondern lässt sich recht rational begründen. Lass uns ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit reisen.

Vorab: Ich bin kein Historiker, daher geht es mir nicht um absolute historische Korrektheit. Ich möchte hier die Idee der Verbreitung des Karate beleuchten und wieso gerade die Verbreitung des Karate dazu geführt hat, dass Karate nicht als SV System anerkannt ist. Auch möchte ich vorab anmerken, dass dieser Artikel nicht als Kritik am Sportkarate verstanden werden soll. Ich bin allen Menschen dankbar, die für die Verbreitung des Karate gekämpft und gewirkt haben. Ohne diese Menschen würde ich diesen Artikel nämlich nicht schreiben!

Reform des Karate

Es lässt sich sicher ohne große Zweifel sagen, dass Karate seit Gichin Funakoshi eine große Reform durchgemacht hat. Ich glaube zwar, dass Gichin Funakoshi eine etwas andere Vorstellung für die Zukunft seines Karate gehabt hatte aber dies tut hier keinen Abbruch.

Mit G. Funakoshi und anderen Reformern wurde Karate für die Massen tauglich gemacht.

Wikipedia sagt folgendes dazu.

Über die Schulen kam Karate auch bald zur sportlichen Ertüchtigung an die Universitäten, wo damals zum Zwecke der militärischen Ausbildung bereits Judo und Kendō gelehrt wurden. Diese Entwicklung, die die okinawanischen Meister zur Verbreitung des Karate billigend in Kauf nehmen mussten, führte zur Anerkennung von Karate als „nationale Kampfkunst“; Karate war damit endgültig japanisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Karate durch Funakoshis Beziehungen zum Ausbildungsministerium als Leibeserziehung und nicht als kriegerische Kunst eingestuft, was es ermöglichte, Karate auch nach dem Zweiten Weltkrieg zur Zeit der Besatzung in Japan zu lehren.

Bevor es hier Kritik hagelt weil ich Wikipedia als Quelle benutze, möchte ich mir hierzu kurz erklären. Für mich spielt die Quelle keine große Rolle. Es geht mir wie zu Beginn schon gesagt, nur um eine Idee. Ob es sich genau so zugetragen hat, spielt vielleicht für Historiker eine entscheidende Rolle aber für einen Karate SV Interessierten eher nicht.

Was ist damals mit Karate passiert?

Karate wurde reformiert, somit auf irgendeine Art und Weise verändert. Durch diese Veränderungen hat es Karate geschafft Zugang zu den Massen in Japan zu finden.

Wie hat Karate es geschafft die Massen zu erreichen?

Plump gesagt, Karate kam in Mode. Die Reform des Karate sorgte dafür, dass sich die Massen langsam für Karate begeisterten.

Wie sah die Reform aus?

Karate war ursprünglich eine Kampfkunst. Versteh mich nicht falsch, Karate ist immer noch eine Kampfkunst aber die damalige Intention von Karate war der tatsächliche Kampf. Die Reform und die Einführung in die Gesellschaft veränderte diese Intention. Karate wurde nicht als Kampfkunst gesellschaftsfähig gemacht, sondern als Kunst zu Leibeserziehung.

Wieso schaffte Karate den Sprung in die Gesellschaft?

Wie jede Mode traf auch damals Karate den Zahn der Zeit. Es lässt sich nicht verhehlen. Damals war in Japan Krieg und Kampf allgegenwärtig. Und gegen jegliche Vernunft möchten sich Menschen im Kriegszustand nicht mit Blumen pflücken umgeben, sie umgeben sich mit Krieg. Karate war eine neue, coole Mode Krieg zu spielen. Wer Krieg spielen will, muss eine tödliche Kunst entschärfen, sonst wäre es ja kein Spiel. Ein Krieg setzt immer einen Gegner voraus und es muss Gewinner und Verlierer geben. So war der Schritt zum wettkampforientierten Karate nicht mehr weit.

Was sagt uns das alles?

Nun ja, seit ca. 1920 entwickelte sich Karate zu einem wettkampforientierten Breitensport. Dies ist aber noch nicht alles. Wichtig ist zu erkennen, dass Karate gerade in dieser Form den Zugang zu den Massen gefunden hat. Nicht als tödliche Kunst, sondern als entschärfte Version.

Second Hand Karate in Deutschland

Zunächst ein kurzer Auszug aus dem Fundus des Hessischen Fachverbandes für Karate.

Karate kommt über Frankreich nach Deutschland. Auf Initiative des französischen Karate-Pioniers Henry D. Plée kam der japanische Karateinstruktor Hiroo MOCHIZUKI 1957 für ein Jahr an dessen Kampfsportschule nach Paris. 1958 folgte ihm Tetsuji MURAKAMI, welcher aus der gleichen Budô-Schule, dem Yoseikan mit Sitz in Shizuoka, stammte. Das Karate wurde von Jürgen Seydel im Herbst 1957 mit der Gründung des Budôkan Bad Homburg in Deutschland eingeführt.

Da die Turnhalle nur einmal in der Woche zur Verfügung stand, fand das Training auch in den Gängen des Schulhauses auf Steinfliesen statt. Jürgen Seydel hatte zuvor Jûdô praktiziert. In einer französischen Jûdôzeitschrift war er auf einen Karate-Sommerlehrgang in Südfrankreich mit Hiroo MOCHIZUKI aufmerksam geworden. Mit zwei weiteren Jûdôkas nahm er an dem Lehrgang teil. In einem Interview sagte Jürgen Seydel einmal: „Als ich mit dem Karate anfing, besaß ich ein Lehrbuch, das – wie ich später feststellen mußte – genauso unbrauchbar war wie eine mittelalterliche Seekarte für die Admiralität der britischen Marine. Wir haben Fehler über Fehler gemacht, mußten nach jedem Lehrgang Streichungen und Verbesserungen vornehmen und erlebten eine Panne nach der anderen. Ich weiß seitdem, wie wichtig ein gutes Lehrbuch ist.“(2) (2) Velte, H. Karate Fachwört. Lexikon, S. 14

Einzig wichtig an diesem Artikel ist allein der Umstand, dass Karate 1957 über Frankreich nach Deutschland kam.

Wir wissen, seit 1920 entwickelte sich Karate zu einem nach und nach massentauglichem Phänomen mit dem Ziel der Leibeserziehung. Dieses Phänomen schwabbte erst ca. 40 Jahre später über mehrere Ecken zu uns nach Deutschland. Es lassen sich daher nur vage Vermutungen anstellen, wie viel vom ursprünglichen Karate von vor 1920 noch übrig geblieben ist. In Deutschland kam also ein vollständig verändertes Karate an, was natürlich vorbehaltlos als wahres Karate trainiert und verbreitet wurde.

Jürgen Seydel war damals 39 Jahre alt, als er mit dem Training des reformierten Karate begann. Auf dieser Grundlage trainierten alle die uns heute in Deustchland bekannten Meister. Jürgen Seydel verstarb am 3. August 2008 im Alter von 91 Jahren. Damit bin ich mit dem Jahreszahlen wälzen aber noch nicht fertig. Seit 1957 sind 59 Jahre vergangen. Dies entspricht nicht mal einem einzigen Menschenleben. Natürlich beginnen die Meisten Karate nicht mit der Geburt aber ich denke es wird deutlich auf was ich hinaus möchte. Wir befinden uns mit der Verbreitung des Karate noch in der 1. eventuell in der 2. Meistergeneration. Damit meine ich diejenigen Meister, die die Einführung des Karate in Deutschland noch aus erster Hand miterlebt haben. Diese Personen sind natürlich auch diejenigen, die das Gesicht des heutigen Karate maßgeblich prägen. Zur Erinnerung, ich spreche hier immer noch von einem reformierten Karate der Leibeserziehung.

Karate ist Leibeserziehung, nicht SV!

Im Weiteren könnte man mir vorwerfen, ich bin gemein und habe ein schlechtes Menschenbild. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren.

Die derzeitige Meistergeneration in Deutschland ist mit einem Karate groß geworden, das eine Massentauglichkeit erfüllt. Es hat sich von seinen Wurzeln entfernt und ist etwas vollkommen Neuartiges geworden. Dieses Karate bildet die Grundlage dieser Meister. Sie haben sich eine Weltsicht um dieses Karate aufgebaut, sie haben ihre Existenzsicherung um dieses Karate aufgebaut, alles dreht sich um dieses neue Karate.

Es zu verwerfen, würde also bedeuten sich selbst zu verwerfen! Die eigene Weltsicht zu verwerfen, die Existenzsicherung zu verwerfen.

Die Macht der Meister beruht auf einem Karate, dass auf Leibeserziehung und der sportlichen Ästhetik fußt. Dieses Karate also mit aller Kraft zu vertreten und dafür einzustehen, es zu schützen, ist einzig und allein Macht- und Existenzsicherung.

Verübeln kann man das niemandem. Würde ich es ebenso tun? Vermutlich!

Somit wurde über die letzten Jahrzehnte Kampftauglichkeit gegen Ästhetik, Wettkampfgeist und Körperertüchtigung eingetauscht.

Wieso betone ich diesen Umstand so?

Diese Gedanken zu fassen, ist Grundvoraussetzung dafür, dass Karate als SV System verkannt wird. Karate hat sich nicht als SV verbreitet, Karate wird nicht als SV betrieben, also wo soll es her kommen? Neuzeitliches Karate kann überhaupt kein SV System sein!

Karate als Selbstverteidigung: Eine Gefährliche und eine positive Entwicklung

Ich hab es nicht so mit super genauen Jahreszeiten. Das hast Du sicherlich schon bemerkt. Daher halte ich mich auch weiterhin ein bisschen vage.

In noch recht junger Vergangenheit fingen die Leute wieder an, Karate unter anderen Gesichtspunkten zu betrachten. Ob es in einer gewissen Not passierte oder weil die Menschen zu viel Zeit zum Nachdenken hatten, stelle ich als Gedanken einfach mal offen in den Raum. Jedoch geht die Entwicklung zu einem angewandten Karate. Und hier scheiden sich die Geister.

Die gefährliche Entwicklung zuerst.

Das in Deutschland etablierte Karate und die renommierten Meister fühlen sich durch diese Entwicklung in ihrer Vormachtstellung bedroht. Karate entwickelt sich zurück zu einem SV System? Damit würden Meister der Leibeserziehung sich auf einem Terrain bewegen müssen, das absolutes Neuland wäre. Ein Meister, der kein Meister mehr ist?!

Was tun?

Karate zur Leibeserziehung wird einfach als schwieriges SV verkauft. Um Karate als SV anwenden zu können, muss man einfach nur ungeheuer gut sein, viel Erfahrung haben und Karate verstehen. Durch diese Mystifizierung wird die Macht der Etablierten erhalten und neuzeitliches Karate wird zum abstrakten SV System.

Äußerst bedenklich und irgendwie gemein!

Eine erfreulichere Entwicklung kommt jetzt.

Karate steht einer neuen Reform gegenüber. Zwar wird Sportkarate nicht verworfen aber parallel dazu entwickelt sich ein kampfbasiertes Karate. Mit kampfbasiert meine ich ein tatsächlich praktikables Karate für den Ernstfall.

Um nur ein paar Pioniere auf dem Gebiet zu nennen, mit denen ich mich derzeit beschäftige.

Georg Dillman, Ian Abernethy, Chris Thomas, Bettina und Sebastian Lämmle, Nils Scheiring.

Nur soviel dazu. Eine stärkere Ausführung würde hier den Rahmen sprengen.

Fazit

Karate entwickelt sich seit ca. 1920 zu einer Kunst der Leibeserziehung. Die Verbreitung des Karate in der Öffentlichkeit vollzieht sich über dieses angepasste Karate, daher wird es natürlich von den Massen als das Karate akzeptiert.

Die Kampfkunst rückt in den Hintergrund und es bleibt eine außerordentlich fordernde und fördernde Körperkunst. Jedoch ist diese für den Ernstfall nur noch rudimentär zu gebrauchen.

Diese gesamt Entwicklung sorgt natürlich dafür, dass Karate keine Anerkennung als SV System bei den breiten Masse erhält. Eine traurige und verkehrte Entwicklung, wenn Du mich fragst.

In den letzten Jahrzehnten ergab sich eine stärkere Entwicklung in ein Anwendungs- bzw. SV basiertes Karate. Hier sind zwei Entwicklungen zu beobachten. Erstens: Karate der Leibeserziehung wird als schwieriges SV System verkauft. Zweitens: Karate wird neben dem verbreiteten Sportkarate neu erfunden  und auf seine realen SV Komponenten untersucht.

/Rei

Share Button
By | 2017-05-02T10:12:05+00:00 September 11th, 2017|Karate, Selbstverteidigung|4 Comments

4 Comments

  1. Silvia Freifrau v. Röhl 14. April 2016 at 22:52 - Reply

    Hallo lieber Basty,

    mit Interesse habe ich Deine Ausarbeitung zum modernen Sportkarate und dem weitgehenden Fehlen der Selbstverteidigungsaspekte im Karate gelesen.

    Zwar teile ich viele Deiner Ausführungen und die meisten treffe sicher auch für das in Deutschland weit verbreitete Shotokan Karate zu.

    Ich denke jedoch eine tiefere Beschäftigung mit dem ursprünglichen Okinawa-Karate würde zu einer völlig anderen Sichtweise führen.

    Die noch heute betriebenen Stile des traditionellen Okinawa-Karate (ich selbst betreibe seit über 28 Jahren das Shorin-Ryu Karate) stecken voll von realen Selbstverteidigungstechniken und sind zu 100 % auch in unserer heutigen, modernen Zeit anwendbar. Dies ist insbesondere von Bedeutung, da das traditionelle Okinawa-Karate fast ausschließlich auf den alten Kata beruht und diese Techniken im realen SV anwendet. Es ist immer toll zu sehen, wie man mit über 100 bis 200 Jahre alten Kata-Techniken auch Bedrohungen durch moderne Waffen wirksam bekämpfen kann. Da sich der menschliche Körper im Laufe der letzten paar Jahrhunderte auch nicht wesentlich verändert hat (Tennisarm und Händydaumen mal ausgenommen 😉 ), klappen die alten Kata-Techniken auch hier noch hervorragend im Kampf Mann (Frau) gegen Mann.

    Ich denke, neben den bereits erwähnten Meistern des Kyusho wäre sicher auch ein Studium des traditionellen Okinawa-Karate interessant.

    Für mich schließt sich hierbei der Kreis zwischen Tradition und Moderne auf harmonische Weise, wenngleich ich Dir im Hinblick auf das moderne Karate (Shotokan etc.) natürlich völlig Recht gebe. Es erstaunt mich immer wieder von hohen Dan-Graden des DKV zu hören, die fleißig SV-Kurse besuchen, um sich auch im Notfall effektiv verteidigen zu können. Da läuft dann etwas deutlich Falsch.

    Ich kann jedem Sportkarateka das Studium des klassischen Okinawa-Karate nur wärmstens empfehlen. Hier können sicherlich viele, heute noch offene Fragen auf interessante Weise beantwortet werden.

    Wenn meine Sichtweise bei Dir Interesse für einen weiteren Austausch geweckt hat, würde ich mich über eine Kontaktaufnahme via PM sehr freuen.

    • Basty 19. April 2016 at 09:53 - Reply

      Liebe Silvia,

      danke für dein Kommentar. Es ist immer wieder schön von Menschen zu hören, die sich eingehend mit Karate beschäftigen und offen für Altes und Neues sind.

      Der Artikel beschreibt absichtlich die Massenbewegung des Karate, weil ich glaube, dass die Masse oft die anerkannte Wahrheit (ob wahr oder unwahr) bestimmt. Natürlich gebe ich dir recht, dass es auch anders geht. Ich bin sogar zutiefst froh darüber.

      Auch soll der Artikel nicht als Angriff auf die Versportlichung des Karate begriffen werden. Jede Form von Karate hat seine Berechtigung. Mir ist nur wichtig, dass man erkennt, welcher Richtung man folgt. Somit finde ich es gut, dass hohe Dan-Graden des DKV SV Seminare besuchen. Sie haben erkannt, dass ihr Karate nicht zur SV taugt. Aber mein Verständnis von Karate folgt eher deiner Ansicht. Karate ist eine Kampfkunst, also sollte sie auch zum Kämpfen (SV) taugen.

      Ich hoffe, ich bekomme irgendwann die Möglichkeit ein paar Erfahrungen im traditionellen Okinawa-Karate zu machen. Es hört sich unglaublich spannend und lehrreich an.

      LG Basty

  2. […] Basty bei Wieso ist Karate nicht als SV System anerkannt? […]

  3. […] Wenn zu dieser Zeit schon von Mainstream gesprochen werden konnte, was herrscht dann heute.Es ist bedauerlich, dass dieses Mainstream-Karate dasejenige war, welches nach Deutschland überschwappte. Wettkampf, Vergleich, Ästhetik aber keine Selbstverteidigung. […]

Leave A Comment

*