Uke Waza – Das größte Missverständnis im Karate

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Stellt man in der Karate-Szene die Frage „Was bedeutet der Begriff Age Uke“? so erhält man meistens dieselbe Antwort, „Na das ist die Block-Technik zur oberen Stufe“. Oft hört man auch Aussagen wie „Wenn man mit einem Oi Zuki Jodan angegriffen wird, dann blockt man diesen natürlich mit dem Age Uke“.

Wenn ich an das Karate Training denke, welches ich als Kind genossen habe, dann fallen mir noch unzählige solcher Aussagen ein. Da mein Weg im Karate in einem durchaus traditionellen Dojo begann, waren neben Kihon und Kata, verschiedenste Kumite Formen wie zum Beispiel Kihon Ippon Kumte und Sanbon Kumite mein grauer Alltag. Wenn ich heute darüber nachdenke, was ich damals alles „geblockt“ habe, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ein Phänomen, welches sich aber nicht nur auf das Dojo aus meiner Kindheit erstreckt, sondern in der Karate Szene allgemein sehr verbreitet ist.

Das „Blocken“ ist eben ein wichtiger Teil im Karate. Ist doch ganz logisch…immerhin sind eine Vielzahl der Bewegungen, welche im Kihon und in der Kata ausgeführt werden, „Block-Techniken“.

  • Age Uke – nach oben blocken
  • Uchi Uke – nach außen blocken (oder nach innen, je nach Stilrichtung)
  • Morote Uke – der unterstützte Block

Ich könnte jetzt diese Liste noch ewig weiterführen, aber ich denke, ihr wisst wovon ich rede 😉

Die Bedeutung des Wortes Uke

Gerade weil in der Karate-Szene so viel mit Blöcken gearbeitet wird, sollten wir uns einmal die Zeit nehmen, um das Wort „Uke“ sowie das entsprechende Schriftzeichen 受け, genauer zu untersuchen.

Übersetzt man das Wort „Uke“ bzw. das Schriftzeichen 受け, so stellt man fest, dass es mehrere Bedeutungen hat. Die gängigsten Übersetzungen sind:

Empfangen, entgegennehmen, erhalten und erwidern.

Das mag jetzt für den einen oder anderen überraschend sein, oder nicht? Sollte nicht wie ursprünglich angenommen, die korrekte Übersetzung des Wortes Uke, Block lauten…? Nun ja, festzuhalten ist, dass Uke nicht mit Block zu übersetzen ist. Ganz im Gegenteil. 

Eine Attacke zu blocken bedeutet, dieser hart entgegenzuwirken und sie dann wegzuschieben bzw. der Attacke etwas entgegenzustellen um sie dadurch zu blockieren.

Eine Attacke zu empfangen, hat eine ganz andere Bedeutung und erfordert eine andere Strategie. Empfängt man eine Attacke, dann geht man mit dieser um. Man akzeptiert den Angriff, nimmt ihn auf, nutzt ihn für sich um dann entsprechend kontern zu können. 

Meiner Meinung nach ist das der authentischere und vor allem realistischere Weg. Einen realen Angriff zu blocken, ist nicht möglich. Angriffe wie ein Schlag ins Gesicht, ein Schwinger, ein Tritt, ein Griff ins Revers erfolgen immer auf eine Zeit.  

Eine Blockbewegung, wie zum Beispiel die des Age Uke, hat aber immer zwei Zeiten, bzw. zwei Bewegungen. Eine Zeit um für den Block auszuholen (oft ist auch von der Vorbereitung die Rede) und die zweite Zeit um die eigentlich Blockbewegung auszuführen. Genau in dieser Denkweise liegt der grundsätzliche Fehler!

Egal wie schnell wir die vermeintliche Blockbewegung auch ausführen, der Angriff wird jedes Mal sein Ziel erreichen, allein schon weil die Angriffsbewegung immer in einer Zeit bzw. in einer Bewegung ausgeführt wird und die Blockbewegung zwei Zeiten bzw. zwei Bewegungen benötigt.

Anwendung des Gedan Barai aus der Kata Naihanchi Shodan

Karate = Selbstverteidigung 

Karate ist eine zivile Form der Selbstverteidigung. Das bedeutet, Karate Techniken zeigen uns wie man mit alltäglichen Angriffen umzugehen hat. Blocks sind hier das falsche Mittel und wie wir in der Übersetzung des Wortes Uke gesehen haben, war es im Karate nie die Absicht, potenzielle Angriffe zu Blocken und den Angreifer dann zum Beispiel mit einem Gyaku Zuki Chudan zu kontern (wie es zum Beispiel in verschiedenen Kumite Formen unterrichtet wird oder im traditionellen Block-Punch Karate).

Sicher gibt es eine Vielzahl von Gründe und Ereignisse, auf welche die sog. Block-, Punch-Anwendungen im Karate zurückzuführen sind. Die Einführung des Karate in den Schulsport auf den Ryukyu Inseln, der Unterricht an den Universitäten in Japan, das Einwirken verschiedener Institutionen in Japan selbst und nicht zuletzt der zweite Weltkrieg und die Besetzung der Ryukyu Inseln. Näher möchte ich auf diese Punkte gar nicht eingehen, da es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Außerdem gibt es andere Experten, welche die historischen Zusammenhänge besser wiedergeben können, als ich.

Zusammenfassend möchte ich noch einmal betonen, dass „Uke Waza“ keine Blocktechniken sind! Das Wort „Uke“ bedeutet empfangen, entgegennehmen oder erwidern. 

Uke Waza zeigen dem Karate Praktizierenden, wie man mit alltäglichen Angriffen zum Beispiel einem Schwinger, Griff am Revers oder an der Schulter umzugehen hat. Weiter vermitteln Uke Waza Strategien und Prinzipien um Angriffe entgegenzunehmen und diese erfolgreich zu Kontern um eine lebensbedrohliche Situation zu überstehen. Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupte; Durch das intensive Studium der Uke-Waza, erhalten wir das Verständnis über die Anatomie des Menschen und dessen Schwachstellen. Wir lernen wie man die schwachen Stellen des Körpers korrekt schlägt (Kyusho Jitsu) und den Angreifer durch Greiftechniken oder Gelenkmanipulationen, durch minimalen Aufwand kontrolliert (Tuite).

Um die Inhalte dieses Artikels näher zu verdeutlichen und zu untermauern, werde ich in den nächsten Wochen und Monaten einige Videos zur Anwendung der gängigsten „Uke-Waza“ auf YouTube veröffentlichen.

Bis dahin

/Train hard

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One Comment

  1. Wolfgang Malcher 3. September 2017 at 21:25 - Reply

    Ein sehr interessanter Artikel. Ich freue mich auf die Anwendungsvideos!

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