Die perfekte Kampfhaltung existiert?

Ich sage, die perfekte Kampfhaltung existiert! Kenne ich sie? NEIN! Ich kann dir aber einen Weg verraten, wie Du DEINE perfekte Kampfhaltung findest.

Ich habe das Gefühl, dass Kampfstellungen oft sehr stiefmütterlich behandelt werden. Nicht weil wir ihnen nicht viel Beachtung schenken, sondern weil wir sie meist sehr einseitig betrachten. Dabei stellt eine Kampfstellung eine Bereitschaftsposition dar, die einen bestmöglichen Kompromiss zwischen Schutz des eigenen Körpers und eigener Angriffsfähigkeit bildet. Das stimmt soweit auch, nur könnte nicht auch noch mehr dahinter stecken?

Der bestmögliche Kompromiss zwischen Schutz des eigenen Körpers und eigener Angriffsfähigkeit klingt nach einer ökonomischen Entscheidung. Eine rein rationale (im Idealfall) Entscheidung, die die Wahl der besten Kampfstellung als Konsequenz hat. Meinetwegen okay! Doch dann surft man im Internet und geht auf Seminare. Überall gibt es andere Vorstellungen von einer perfekten Kampfstellung. Dann hört man so Sachen wie, die einzig richtige Kampfstellung, die geheime Kampfstellung der alten Meister, super effektive Kampfhaltung, die einzig wahre Kampfhaltung.

UND ALLE SIND ANDERS AAAAAHHHHHH…

Es ist immer wieder interessant zu lesen oder zu hören, wenn „Experten“ über die EINE Kampfhaltung sprechen.

  • Du musst so stehen weil Dein Körper am besten geschützt ist.
  • Du musst so stehen weil Du so am schnellsten reagieren kannst.
  • Du musst so stehen weil Du so am besten kämpfen kannst.
  • Und und und…

Was sagt einem das? Niemand hat wirklich Ahnung? Oder es gibt halt einfach viele verschiedene perfekte Kampfhaltungen?

Nein, so einfach ist es nicht! Jeder hat irgendwie Ahnung und jeder hat andere Vorstellungen. Vielleicht wird der Kompromiss zwischen Schutz und Angriffsfähigkeit anders gewählt. Oder die Techniken des Verteidigungssystem lassen sich aus einer bestimmten Stellung leichter ausführen. Oder die Philosophie der Kampfkunst vermutet in der besonderen Stellung eine Verbindung zu höheren Sphären.

Aber die eigentliche Frage ist doch schlussendlich, was bedeutet dieses Wirrwarr am Ende für Dich?

Die EINE perfekte Kampfhaltung: Ein Mythos

Bevor ich dich vollkommen enttäusche, stelle ich das jetzt sofort klar. Ich glaube nicht an die EINE perfekte Kampfstellung. Eine Stellung, die für alle immer und überall passt. Das non plus ultra der Kampfstellungen. Nimm sie ein und Du gewinnst. Das ist quatsch!

Wie schon mehrfach angesprochen…

Eine Kampfstellung ist eine Bereitschaftsposition, die einen Kompromiss zwischen Schutz des eigenen Körpers und eigener Angriffsfähigkeit bildet.

Doch der perfekte Kompromiss sieht für jeden Menschen ein bisschen anders aus. Auch die Faktoren, die in den Kompromiss mit einfließen, können vielfältig variieren.

Um Dir die Tragweite deiner Entscheidung unter Berücksichtung verschiedener Faktoren etwas näher zu bringen, habe ich mir über ein paar Komponenten der Kampfstellung Gedanken gemacht.

Aber bevor wir in die einzelnen Komponenten einsteigen, möchte ich dir noch von Monika erzählen.

Die arme Monika

Monika besucht einen SV Kurs von einem EX Soldaten (Tom). Ein kampferprobter und total abgebrühter Typ. Er hat Ahnung vom Kämpfen und seine Fähigkeiten sind tödlich präzise. Er hat viele Soldaten ausgebildet. Also einer, der echt Ahnung hat. Monika ist unheimlich beeindruckt. Der Kurs könnte echt was bringen, immerhin bei so einem Lehrer. Er versteht sein Handwerk.

Der Kurs geht los. Tom erklärt, macht und tut. Monika ist begeistert. Sie wird wie ein waschechter Soldat trainiert. Sie lernt die ganzen Tricks, die im Kampfeinsatz perfekt funktionieren.

Monika kommt nach Hause und fühlt sich viel sicherer. Eines Abends kommt sie spät von der Arbeit zurück. Ihr wird aufgelauert. Sie nimmt die Soldatenkampfhaltung ein. Tom hat gesagt, so schützt sie ihren Körper am besten und kann aus der Deckung angreifen. Auch wirkt sie so stärker, das wirkt ihrer schmächtigen Gestalt entgegen.

Der Angreifer sieht sie und ist fest davon überzeigt Monika auszurauben. Er lässt sich nicht abschrecken. So eine schmächtige Frau nimmt er mit links. Jedoch fällt ihm die kämpferische Haltung auf. Vielleicht wird sie sich ein bisschen wehren. Egal, hier sind keine Zeugen. Er schlägt mit voller Wucht zu und raubt Monika aus.

Natürlich ist dieses Beispiel konstruiert, doch der Punkt sollte eindeutig sein. Monikas Kampfhaltung stand im Gegensatz zu ihrer Statur, ihm Gegensatz zu ihren Fähigkeiten. Für trainierte Soldaten ist die Kampfhaltung vielleicht perfekt geeignet, doch für eine schwächlich wirkende Frau vielleicht nicht.

Die perfekte Kampfhaltung ist von vielerlei Komponenten abhängig. Sie ist zudem hochgradig situativ.

Jetzt lass uns endlich ein paar Komponenten anschauen!

Das Situationsquadrat

Im Groben kann man eine Kampfsituation mit vier recht eindeutigen Einflussfaktoren beschreiben. Sie alle hängen zusammen, wirken aufeinander und sind natürlich nicht isoliert zu betrachten. Zum Verständnis tun wir aber einfach mal so. 😉

#1 Das Ich

Das Ich ist beschreibt die eigenen Person. Sie umfasst Körper und Geist. Wenn ich Körper und Geist schreibe, betrachte ich den Mensch als Ganzes. Vielleicht verstehen wir den Mensch etwas unterschiedlich. Vielleicht beschreibe ich nicht alle Komponenten, die wichtig wären oder für dich wichtig wären aber das sollte okay sein. Auch beschreibt das Ich die eigene Aufmerksamkeit für die Situation. Werde ich völlig überrascht oder bin ich in gewisser Weise schon auf eine Gefahrsituation vorbereitet?

#2 Der Gegner

Der Andere ist der Gegner oder die Gegner An dieser Stelle ist mir wichtig, dass der Kontrahent etwas Undurchsichtiges ist. Wir können ihn nicht in seiner Gänze erfassen, wie beim Ich. Die Beschreibung des Anderen, sein Verhalten und erzielte Wirkungen an ihm sind hoch spekulativ.

#3 Die Außenstehenden

Die Außenstehenden sind Zeugen der Tat. Nicht, dass die Situation schon verquer genug wäre. Jetzt muss man sich auch noch um die Zeugen Gedanken machen. Naja, Du musst nicht, aber Du kannst.

#4 Die Umgebung

Dunkelheit, Bodenuntergrund, Fluchtmöglichkeiten, mögliche Waffen, Witterung und vieles mehr.

Diese Komponenten wirken alle in einer Notsituation und müssen vom Verteidiger irgendwie aufgegriffen werden. Sie sollten sich in den nachfolgenden Ausprägungen und erzielbaren Wirkungen in der Kampfhaltung widerspiegeln!

Rückschlüsse aus dem Situationsquadrat für die eigene Kampfhaltung

Der erste Eindruck

Meine Kampfhaltung ist eine Reaktion auf die Reize des Gegners. Was jedoch oft vergessen wird; durch das Einnehmen einer Kampfhaltung sende ich ebenfalls Reize an meinen Gegner, der wiederum darauf reagiert.

Somit kann ich durch einnehmen meiner Kampfhaltung eine beinah kontrollierte Reaktion bei meinem Gegner hervorrufen. Ich beginne also schon beim Einnehmen der Kampfhaltung das Geschehen und meinen Gegner zu kontrollieren.

Zum Beispiel möchte ich durch Einnehmen einer stark wirkenden Kampfhaltung meinen Gegner einschüchtern oder durch Einnehmen einer schwachen Haltung den Gegner in Sicherheit wiegen, damit dieser eventuell leichtsinnig wird?

Philosophie des eigenen Kämpfens

Jeder hat so seinen eigenen Stil zu kämpfen. Es gibt Menschen, die eher abwehrend reagieren. Oder diejenigen, die lieber in die Offensive gehen. Somit ist der Kompromiss zwischen Abwehr und Angriff anders gewählt.

Erster setzt mehr auf Abwehr und Zweiter lieber auf Angriff. Auch diese Entscheidung sollte sich in der Kampfhaltung zeigen.

Technische Ausgangsposition

Jedes Verteidigungssystem hat seine etwas eigene Art zu kämpfen. Die Techniken werden beispielsweise von innen nach außen angebracht, oder von außen nach innen, vielleicht aber auch von oben nach unten, bzw. von unten nach oben. Die Kampfhaltung sollte so gewählt werden, dass eine Technikausführung ohne große Umwege direkt angewendet werden kann.

Zwischen Otto Normal und Elite

Was meine ich wohl damit? Die Überschrift klingt zwar ein bisschen komisch, zu meiner Verteidigung, mir ist nichts besseres eingefallen.

Ich möchte hiermit den Aufmerksamkeits- und Trainingsvorsprung zwischen einem normalen Menschen und einem Elitekämpfer ausdrücken. Ist ein Mensch richtig und real geschult, verändert sich sein Wesen. Er ist immer bereit und hat seine Umgebung im Blick. Seine Kampfhaltung ist zu seinem Naturell geworden. Wohingegen der kleine Basty gerne mal mit SV spielt aber immer wieder abgelenkt ist und auch mal völlig seine Umgebung aus dem Auge verliert. Somit kann ich eine Elite Kampfhaltung nicht für mich nutzen. Ich bin einfach nicht aufmerksam genug!

Was ich brauche, ist etwas sehr natürliches. Etwas, das mir eh schon liegt! Ich muss mich auf meine natürlichen Körperreaktionen verlassen, sie genau kennen und daraus meine Kampfhaltung ableiten. So bin ich auch in Situationen, wo ich völlig überrascht werde, nicht sofort dem Untergang geweiht. Mein Körper regelt das schon automatisch.

Das zur Kampfhaltung. Ich hoffe, Du konntest etwas für dich mitnehmen und kamst ein bisschen ins Grübeln. Gerade dieses Grübeln macht einen wahren Kampfkünstler aus! Wir denken über das Kämpfen nach. Es tut mir zwar sehr Leid, dass ich dir keine Kampfhatung XY vorschlagen kann, aber gerade so wird die Kampfkunst doch auch spannend und vielseitig.

Und noch etwas zu Nachdenken: Selbst wenn Du durch deine Kampfkunst eine Kampfstellung vorgegeben bekommen hast, solltest Du Dir über diese Komponenten ein paar Gedanken machen. Auch solltest Du Dir Gedanken machen, wieso gerade diese Form der Kampfstellung in Deiner Kampfkunst gewählt wurde/wird. Nur das Verstehen des Warum erlaubt Dir Deine Kampfstellung vollständig zu entfalten. Oder sie zu ändern weil sie nicht zu Dir passt.

Ich freue mich auf deine Kommentare!

/Respekt

 

By | 2017-11-07T13:53:02+00:00 Juni 29th, 2017|1 Comment

One Comment

  1. Martin Grünstäudl 12. Juli 2017 at 09:36 - Reply

    Hallo!

    Sehr schöner Artikel. Ich finde auch, dass dies ein sehr wichtiges Thema ist – und zwar unabhängig von der Kampfkunst, die man ausübt.

    Und wie du es ja auch schreibst: Die Kampfhaltung ist vor allem sehr situativ.

    Was man leider bei vielen Kampfkünstlern beobachtet ist, dass sie sich in einer bestimmten Stellung versteifen. Das Problem ist dann, dass sie dadurch auch ihre Schwächen preisgeben.

    Ich betreibe seit vielen Jahren Wing Chun (neben anderen Stilen), würde aber nie in einer ernsten Situation eine typische WingChun Kampfstellung einnehmen und damit dem Gegenüber alles über mich verraten.

    Liebe Grüße und weiter so 🙂
    Martin

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