Vom Klatsch und Tratsch der Meister… Teil 1

Nils Scheiring im Interview mit Großmeister Chris Thomas 

Als langjähriger Schüler und Repräsentant von GM Dustin Seale habe ich auch eine enge Verbindung zu GM Chris Thomas. Die Wahrheit ist… ich habe Chris eigentlich vor Dustin kennen gelernt. 😀

Da wir uns schon sehr lange kennen und auch schon einige gemeinsame Stunden auf der Matte verbracht haben, war Chris Thomas für ein sehr spannendes Interview zu den Themen Ryukyu Kempo, Kyusho Jitsu und Kampfkunst im Allgemeinen, bereit. Dieses „Juwel“ möchte ich  Euch natürlich nicht vorenthalten. Beim Übersetzen war mir mein guter Freund Mike Palmer behilflich. Vielen Dank!

Aber jetzt genug der Worte. Los gehts mit Teil 1! Hören wir was GM Chris Thomas zu sagen hat…

Nils: Hey Chris, was macht Ryukyu Kempo zu Ryukyu Kempo? Bitte erkläre unseren Lesern, was an diesem Stil so speziell ist?

C.T.: Ryukyu Kempo ist…, die Wahrheit ist, es ist kein Stil!

Es ist eine Einstellung und eine Reihe von Prinzipien, die eigentlich auf alle Kampfkünste (KK) anwendbar sind. Wenn man die Prinzipien versteht, und für mich sind das die grundsätzlichen Prinzipien: Körperstruktur, -mechanik, -haltung – das Verstehen von Stellung und Beinarbeit, Körperbewegung, Prinzipien des Kyusho Jitsu, Prinzipien von Strategie und Taktiken. Wenn man beginnt die Prinzipien auf jegliche KK, anzuwenden, beginnen die KK alle ähnlich auszusehen, als wäre es ein und die selbe KK. 

Ja, die Sequenzen der Katas sehen vielleicht etwas anders aus und die Lieblingstechniken, -Bewegungen sehen wahrscheinlich anders aus, aber wenn du genau hinschaust, fangen sie wirklich an alle gleich auszusehen. Das muss so sein, weil der menschliche Körper, bei jedem Einzelnen, immer gleich aufgebaut ist. 

Der „Reiterstand“ (Naihanchi Dachi), sollte eigentlich in jedem Stil gleich aussehen. Tatsächlich wenn man einen Stil hat, der einen kleinen Stand (ND) bevorzugt, und du betrachtest ihn, sollten sie nicht wie verschiedene Stände aussehen, sondern wie die kleine und große Version der selben Stellung. Das bedeutet, dass wir die Prinzipien hinter der Stellung erkennen sollten. 

Zurück zum Ryukyu Kempo…, ja es gibt einen speziellen Lehrplan, da gibt es bestimme Dinge, die man lehrt, aber das Curriculum ist nur eine „spezielle Art und Weise“ zu lernen. Ich persönlich glaube es gibt keine Stile. Ein Stil ist nur ein Curriculum; es ist nur: Wie lehre ich Menschen bestimmte Konzepte.

Wenn wir über Ryukyu Kempo sprechen sagen wir: „In unseren Stil, machen wir das so und so…“, aber in Wahrheit ist das eigentlich der Punkt, den ich so nie machen möchte. Ich versuche es immer so zu machen: „Hier ist ein Prinzip! Dieses Prinzip ist durchgehend stichhaltig, ob es sich jetzt um Taekwondo, Shotokan, Goju Ryu, Ryukyu Kempo, Tai Chi Chuan handelt.“

Die Prinzipien sind gleichbleibend und die Selben und das ist so, weil das der richtige Weg ist, wie der Körper sich bewegt oder die richtige Art und Weise ist, wie sich die Energie bewegt oder der richtige Weg ist, um mit einer Kampfsituation umzugehen. Es ist das Verständnis der Prinzipien. Manchmal rede ich von einer Meta-Kunst, die über allem liegt und in alle bestehenden Künste aufgenommen werden kann und handle auch danach. 

Nils mit seinem Lehrer Dustin Seale, Chris Thomas und einem Schüler von Nils beim jährlichen KJK – Gathering in den USA.

Nils: Was ist dein Ryukyu Kempo Hintergrund, wer waren deine  Lehrer?

C.T: Ich lernte zuerst das Isshin-Ryu Karate, was eigentlich zufällig passierte. Ich zog um, betrieb vorher Shotokan Karate, und suchte eine Shotokan Schule, weil ich das konnte. Leider  konnte ich aber keine finden. Für eine kurze Zeit betrieb ich dann Shorin-Ryu., das Kobayashi Shorin Ryu genannt wird. Kobayashi Shorin-Ryu hat die selben Wurzeln wie Shotokan, kam von Itosu und beim Training kam ich durcheinander, denn die Katas waren fast identisch. Ich war in der Mitte einer Kata und es war so verwirrend, ich konnte mich nicht mehr erinnern, welchen Stil ich jetzt machte. Dann habe ich beschlossen einen Stil zu erlernen, der ausreichend anders war, so dass ich nicht verwirrt werden würde und fand schließlich einen Isshin-Ryu Lehrer. Isshin-Ryu, welches seinen Ursprung auf Okinawa hat.

Unter den okinawanischen Richtungen gab es gleich eine andere Herangehensweise.

Ich habe nicht den „Sport-Stil“ betrieben. Als ich begonnen hatte, galt beispielsweise der  Unterleib als reguläres Ziel, auch auf Turnieren!

Ja! Ich erinnere mich an eine der schönsten Techniken, die ich gesehen hatte. Als ich mir einen Wettkampf von älteren Senior-Praktizierenden ansah, alte Meister.  Sein Gegner trat einen Front-Kick und konterte diesen Front-Kick, indem er unter dessen Kick „schlüpfte“, den gegnerischen Kick ablenkte und seinen Fuss direkt in seinen Genitalbereich platzierte. Das war grandios! Das ist die okinawanische Art und Weise, wie sie die Sache sehen.

Wie mache ich keine unnötige Bewegung?! Eine Bewegung auszuführen kann viele verschiedene Bedeutungen haben. Das fand man nicht oft unter amerikanischen Praktizierenden, aber es war genug vorhanden, dass die Energie und Einstellung effektiv war.

Dann traf ich Sensei Dillman. Als ich das erste Mal Sensei Dillman traf war es….genau wie ich es schon beschrieben hatte, die KK war kein Sport, kein Spiel, da gab es keine unnötige Bewegungen. Wenn die Hand sich nach hinten bewegt, schlägst du. Wenn sie sich nach vorn bewegt, schlägst du, nichts ist unnötig. Wenn die Hand sich an die Hüfte bewegt, hast du was in der Hand. Wenn du stehst…. alles hat eine Bedeutung! Er sagte genau das: „Jede Bewegung in der Kata hat eine Bedeutung.“

Chris Thomas demonstriert eine Anwendung an Nils…und ja…die Technik hat Nils buchstäblich umgehauen 😉

Es gibt keine unnötige Bewegung und das ist im Grunde die tiefe Bedeutung der okinawanischen Herangehensweise an das Kämpfen. Aber das findet man sehr selten, außer im Ryukyu Kempo! Soweit ich weiß, sind wir die Einzigen, die diese Idee verfolgen. Ich sehe Teile, Bruchstücke dieser Idee bei verschieden anderen okinawanischen Praktizierenden. Ich sehe sie eine Technik machen und sehe sie buchstäblich so nahe, so nah, du hättest alles. Du hättest alles, außer dem letzten Stück, um die Technik zu einer Top-Technik zu machen. Aber das Gefühl, die Idee – nichts ist umsonst, nichts ist zufällig. Alles hat eine Bedeutung. Das ist wirklich das, was wir tun. Das ist das, was Leute haben, die schon lange trainieren, wie z.B. heute…  (Chris Thomas bezieht sich auf das Seminar, an dem dieses Interview aufgezeichnet wurde). Wir haben hier Leute, die schon lange trainieren, aus den verschiedensten KK. Viele Praktizierende sagten mir, dass sie diese Bewegung schon sehr lange trainieren, sie die Technik schon ewig kennen,… buchstäblich wurde mir gesagt, grade gestern:

Ich mache diese Technik seit 30 Jahren und jetzt weiß ich endlich was für ein Anwendung sie hat.

Weißt du… Nils, genau das ist es!

Fortsetzung folgt…

Na… Hat Euch gefallen, was Ihr bisher lesen konntet? Wo das her kommt, gibt es natürlich noch mehr! Den zweiten Teil dieses spannenden Interviews, mit überraschenden Erkenntnissen, gibt es nächsten Mittwoch auf Insight Budo. Bis dahin…

/Train hard

 

 

By | 2017-11-07T13:54:28+00:00 Juni 7th, 2017|0 Comments

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