Heilung des Geistes (Angstmanagement)

Kennst Du das? Kinder verletzen sich und nach einer kleinen Zwangspause geht es weiter, als wäre nichts gewesen. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück. Bänderriss, Zerrungen, Prellungen und angeknackste Knochen. Kein Problem! Wegstecken und weitermachen. Aber jetzt ist es irgendwie anders.

Wenn ich mich verletzte, weiß ich, mein Körper heilt. Es zieht und zerrt immer mal wieder aber mit ein bisschen Geduld und Rehabilitaionsübungen wird es jeden Tag besser. Der menschliche Körper ist wirklich unglaublich. Wenn die Umstände nicht allzu schlimm sind, heilt er einfach von sich aus.

Anders verhält es sich mit dem Geist. Ich hoffe, die Wortwahl „Geist“ ist für dich in Ordnung. Du könntest es auch durch Gedanken, mentale Einstellung, Gefühle oder Seele ersetzten. Einfach das, was nicht Dein Körper ist, aber trotzdem Du bist. Ich bleibe im Weiteren einfachheitshalber bei Geist.

Immer wenn ich mich im Training etwas schlimmer verletze, habe ich den Eindruck, dass sich alle möglichen Ängste in meinem Geist einnisten. Sie blockieren mich, hemmen mich, lassen mich meine Kampfkunst anders wahrnehmen.

Ich weiß, dass andere genauso empfinden. Nicht genau gleich aber ebenso. Danke an zwei meiner Schülerinnen für ihre Gedanken.

Vorab möchte ich sagen, meine Ängste sind real. Auch Deine Ängste sind real. Wir können unsere Ängste überwinden, daran glaube ich ganz fest. Manchmal hilft Zeit, ähnlich wie bei unserem Körper. Manchmal müssen wir unsere Ängste aktiv bekämpfen und überwinden. Hoffentlich sehr selten müssen wir uns unseren Ängsten hingeben.

Was sind meine Ängste?

#1 Die Angst sich wieder zu verletzen

Zum Beispiel tut Umzuknicken unheimlich weh. Ich brauch das echt nicht nochmal. Auch der Heilungsprozess ist nicht besonders schön. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich wieder beim Training verletze, besteht. Dieser Gedanke begleitet mich bei jeder Bewegung, jeder Übung. Pass bloß auf! Du weißt, dass es immer wieder passieren kann, wenn du nicht aufpasst. So macht man sich ganz schnell die Freude an der Bewegung kaputt. Es ist wirklich belastend. Das bringt mich direkt zu meiner nächsten Angst.

#2 Die Angst mein altes Niveau nicht mehr zu erreichen

Vor einer Verletzung habe ich mir ein bestimmtes Niveau/Können aufgebaut. Ein Unfall nimmt es mir. Nein, es ist viel gemeiner. Ein Unfall wirft mich aus dem Zimmer und verschließt ihn mit einer Glastür. Ich sehe mein Niveau. Ich weiß, dass ich es kann aber ich kann es nicht. Ich möchte wieder in diesen Raum und dort weitermachen, wo ich gezwungen wurde aufzuhören.

#3 Die Angst in meiner Kampfkunst beschränkt zu sein

Lässt mich die Verletzung noch alles machen oder komme ich irgendwann an eine Grenze, wo mein Körper sagt NEIN. Wegen der Verletzung geht es hier nicht weiter. Mein Fuß ist nicht mehr so beweglich. Es tut ab einem bestimmten Punkt immer weh. Ich kann nicht mehr so tief stehen. Ich kann mich nicht mehr so kraftvoll und schnell abdrücken. Drehungen fallen mir jetzt auch schwer. Habe ich jetzt einen Achilles Knöchel?

Meine Ängste sind real. Ich empfinde sie als sehr tiefgreifend in meinem Leben. Immerhin sind die eigenen Probleme für einen selbst die größten Probleme.

Aha, geht die Welt davon unter?

Deine Welt vielleicht nicht, aber meine Welt hat stark darunter zu leiden. Du verstehst das eben nicht!

Na gut, genug geweint. Probleme sind schlimm, Ängste sind schlimm. Doch wir sollten ihnen nicht zu große Macht einräumen.

So gehe ich mit meinen Ängsten um

#1 Ich löse einen Teil der Angst auf

Ich habe Angst mich wieder zu verletzen? Nein, ich werde mich wieder verletzen. Klingt seltsam, oder? Ich mache Karate aus Liebe zur Kampfkunst. Die Bewegung, die Interaktion mit dem Partner, das mögliche geistige Wachstum. Angst ist hier vollkommen unangebracht. Was ist der Zweck der Angst? Sie soll mich vor erneuten Verletzungen schützen. Flüchten und aufhören ist jedoch keine Option. Aber meine Angst blockiert mich. Also versuche ich den ängstlichen Teil meiner Angst aufzulösen. Angst hat wie beschrieben auch viele gute Seiten. Wir müssen diese aktiv betonen um uns den dunklen Seiten zu entziehen.

#2 Ich betrachte meine Angst aus einer anderen Perspektive

Ich trauere meinem alten Niveau hinterher und habe Angst es nicht mehr zu erreichen. Zack, einmal umgedreht und schon habe ich mein Niveau hinter mir gelassen. Mein Niveau ist von gestern. Wieso einem Niveau hinterher trauern, dass dich in die Verletzung getrieben hat. Die Verletzung ist Teil des Lernprozesses. Ich bin nicht schlechter geworden. Viel eher bin ich besser geworden.

#3 Ich gestehe mir meine Angst zu

Seine Angst anzunehmen hat etwas mit Stärke zu tun. Auch nimmt die Annahme der Angst ihr den Schrecken. Ja, ich kann kein Kata und Kumite Weltmeister mehr werden aber das konnte ich davor auch schon nicht. Eine Beschränkung der Kampfkunst ist nichts schlimmes. Eine Kampfkunst vollständig zu erlernen und zu perfektionieren, ist innerhalb eines Menschenlebens sowieso nicht möglich. Ich habe immer noch ein Spektrum zur Verfügung, dem ich in meinem Leben nicht gerecht werden kann.

Angst ist allgegenwertig. Angst ist oft sogar ein sinnvolles Gefühl. Sie warnt uns vor Gefahren, indem sie uns alarmiert und bereit zum Kampf oder zur Flucht macht. Empfinden wir aber Angst in Situationen, von denen keine wirkliche Gefahr ausgeht, dann ist unsere Angst unangemessen und schädlich. Sie engt uns ein und unsere Lebensqualität und unsere Kampfkunst leidet erheblich.

Darum lerne mit Deiner Angst umzugehen. Nimm Dir meine Beispiele zur Unterstützung. Oder noch besser: Du hast selbst eigene Methoden um mit Deiner Angst umzugehen? Dich nach einer Verletzung wieder aufzuraffen? Dann teile Deine Methoden in den Kommentaren. Sie können irgendwann auch hilfreich für andere werden.

/Rei

By | 2017-11-08T08:40:04+00:00 Mai 31st, 2017|0 Comments

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