Wenn dir Perfektionismus alle Freude nimmt…

Wenn Perfektionismus dich langsam zerstört und dir alle Freude an der Kunst nimmt, sitzt Du vermutlich in der Perfektionismus-Falle. Oh man, was für ein doofes Wort, ich muss mir was anderes einfallen lassen!

Es will schon wieder nicht richtig klappen. Diesen blöden Techniken mit ihren ganzen Regeln, Winkeln und An- ach was sag ich Verspannungen. Ich dreh noch durch. Der Rhytmus der Kata hat schon wieder nicht gestimmt. Kann ich den garnichts zu 100% richtig machen?

Ah ja, Kampfkunst ist ein lebenslanger Weg. Klar mache ich das Meiste einfach falsch. Mit 80 Jahren habe ich den Tsuki hoffentlich annähernd verstanden. Immer weiter üben. Sich in Frustrationstoleranz üben! Frust bringt mir die Kampfkunst zu genüge.

Yeah, eine Sache endlich richtig gemacht. Der Trainer weißt mich auf 10 andere Sachen hin, die nicht gestimmt haben. Fünf davon konnte ich aber doch schon gut…

Verdammter Mist, ich schmeiß das Handtuch oder soll ich mich lieber in die Mittelmäßigkeit ergeben. Immerhin komme ich wegen dem Training 2-3x die Woche von der Couch hoch.

Na gut, ich mache weiter aber zufrieden sieht anders aus! 🙁

Basty und seine Trainingsgruppe

Servus, ich plaudere heute mal ein bisschen aus dem Nähkästchen.

Du weißt sicherlich, dass ich eine kleine Trainingsgruppe betreibe. Wenn nicht, dann weißt Du jetzt Bescheid. 😉

Diese Trainingsgruppe besteht aus mir und guten Freunden. Dabei wächst sie ständig. Es macht einen riesen Spaß. Einige von meinen Schülern waren bereits meine Schüler in meinem Anfangsdojo. Nachdem ich mich mit meinem ersten Trainer überworfen hatte, wollte ich gerne weiter Training geben aber halt nicht unter meinem damaligen Trainer und sie wollten von mir etwas lernen.

Win-Win!

So trainieren wir zusammen, lernen und wachsen. Ich kann meine Inhalte ausprobieren, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Ich experementiere wild drauf los und ich habe das Gefühl es bringt tatsächlich etwas.

Kommen wir zu drei Charakteren in der Gruppe.

Sie alle sind grundauf verschieden. Das macht es wirklich spannend mit ihnen zu arbeiten. Eine Gemeinsamkeit habe sie jedoch alle.

Sie sind durch und durch Perfektionisten!

Man könnte meinen dies sei etwas Gutes. Der Titel des Artikels verrät aber schon etwas anderes. OMG, die Überschrift spoilert…

Was verstehe ich unter Perfektionismus?!

Ich kann diesen Teil ganz kurz und knapp halten.

Perfektionismus ist für mich eine starke Ausprägung zweier Dimensionen. Erstens einem Streben nach Vollkommenheit und zweitens übertriebene Fehlervermeidung.

Wo der Perfektionismus herkommt, wie man ihn klassifizieren kann, ist für mich hier völlig irrelevant. Auch möchte ich nicht andeuten, dass diese Form von Perfektionismus eine Persönlichkeitsstörung ist. (Keine Ironie!)

Jedoch möchte ich eine These klar und deutlich herausstellen.

Der Perfektionismus in den Kampfkünsten liegt an der gelebten Trainingsstruktur der Kampfkünste! Ebenso sehe ich sie in der derzeit geläufigen Trainer-Schüler-Beziehung.

Hierzu ein kurzes Video (ca.2 min) von Gerald Hüther: Wieso unsere Kinder in die Schule gehen.

Natürlich bezieht sich dieser Artikel nicht ausschließlich auf Kinder aber wieso sollen diese Gedanken nur für Kinder gelten. Darum auch die oben genannte These. Die Trainingsstruktur und die Trainer-Schüler-Beziehung zwingt uns in ihren Ausprägungen zu einem Perfektionismus. Gesund oder ungesund sei einmal dahingestellt.

Was soll das? Perfektionismus ist doch etwas Gutes!

In der Kampfkunst ist Perfektionismus ein geflügeltes Wort. Wir streben Perfektionimus an, in dem Wissen es nie erreichen zu können weil es immer noch ein bisschen besser geht. Schneller, stärker, energieeffizienter, mechanisch korrekter… Bli bla blubb…

Dieses streben bringt uns voran. Es lässt uns besser werden.  Immer feiner begeben wir uns in die Techniken, versuchen das Beste herauszuholen. Schleifen und schwitzen!

Wir sind mit Herzblut dabei.

Auf einmal ein Geräusch.

„Drück dein Knie mehr nach außen. So muss dein Arm stehen. Und nochmal: Eins, zwei, drei!“

Boah ey, schon wieder Bahnen schrubben. Ist ja wie beim Fußball mit Runden laufen. Jedes Training das Gleiche und noch immer ist dieser Typ da vorne nicht zufrieden. Ich mache doch schon so viel richtig, wieso sieht der immer nur meine Fehler?

Du könntest natürlich behaupten ein Trainer/Lehrer ist dafür da zu korrigieren?

Dieses Verständnis habe ich nicht von einem Trainer oder Lehrer. Ich muss dir auch gestehen, damals in der Schule konnte ich meine Lehrer nicht ausstehen. Immer wurde ich verbessert, manchmal auch schikaniert, meine Hausaufgaben wurden kontrolliert und meine Arbeiten korrigiert. Ein ständiger Kreislauf von vorgehaltenen Fehlern.

Falsch, Falsch, Falsch!

Und trotz dieses Bildes, dass vermutlich eine Vielzahl von Schülern gegenüber ihren Lehrer haben bzw. hatten, setzt sich das Bild im Kampfkunstunterricht oft fort. Der Lehrer macht Frontalunterricht, die Schüler müssen mitziehen, einzelne Fehler werden aufgezeigt, manchmal sogar vor der gesamten Gruppe. Ein Desaster!

Kannst du dich noch erinnern, wie manche Lehrer „Schleifer“ genannt wurde?

Da macht das alles doch irgendwann keinen Spaß mehr… Wieso gehen wir dann überhaupt noch ins Training? Siehe das Video oben von Gerald Hüther. Natürlich verstanden in abgewandelter Form. Wir müssen schließlich nicht ins Training. Aber nimm statt der Pflicht z.B. Plichtgefühl oder Gewohnheit. Die Gründe sind nicht wirklich besser.

Ein Lehrer sollte Ermuntern und Ermutigen. Fehler sollten keine Fehler sein, sondern Lernpotenziale. Sie ermöglichen Reibung, Reibung ermöglicht inneres Wachstum durch Auseinandersetzung.

Was der Perfektionismus mit uns macht?!

Das eigentlich Spannende kommt jetzt.

Wenn uns also die Trainingsstruktur und die Beziehung zum Trainer in den Perfektionismus treibt, entsteht nach und nach Frust. Denn die meisten Kampfkünstler (vermute ich jedenfalls) sind von außen motiviert. Der Trainer gibt vor und das wird gemacht. Es wird auf Fehler und Verbesserungen hingewiesen, jetzt wird umgesetzt.

Noch mehr Fehler! Schon wieder üben!! Da geht noch was, achte darauf!!!

AAAHHHH, scheiß drauf, ich mache es so wie ich es immer mache und gemacht habe, das ist schon gut, dann bin ich halt nicht super gut, bleib auf meinem gewohnten Level…

Es kann nur Frust eintreten. Auch wenn Kampfkunst lebenslang trainiert wird und immer eine Steigerung möglich sein soll, kommt niemand dauerhaft mit ständiger Verbesserung klar. Ab und zu möchte man doch auch mal in seinem Können anerkannt werden. Balsam und Streicheleinheiten für die Seele.

Solltest Du einer der Glücklichen sein und deinen eigenen Weg gehen, dann cool! Doch selbst Du bist vor Frust nicht vollkommen gefeit.

Ich gehe meinen eigenen Weg und mich überkommt manchmal tiefste Frustration. Ich strebe nach meiner eigenen Perfektion, nur ist diese immer unerreicht. Als Ideal flutscht sie mir immer wieder durch die Finger. Auch habe ich für mich verstanden, dass Kampfkunst nur in Interaktion mit anderen Menschen funktioniert. Diese Interaktion zwingt einen nach und nach in alte Muster und Trainer-Schüler, Schüler-Schüler, Partner-Partner-Beziehungen treten automatisch wieder auf. Korrektur, Verbesserung und Vergleich folgen.

Frust tritt ein…

Ermunterung statt Korrektur

Jetzt habe ich meine Trainingsgruppe ganz aus den Augen verloren.

Ja, ich habe drei Perfektionisten als Trainingspartner. Sie sind so wissbegierig und hoch motiviert. Und sie wollen alles immer richtig machen. Es ist herrlich. Ich bin unglaublich stolz.

Und weißt Du was das Tolle ist?

Sie machen auch immer alles richtig!

WAAAAAS? Das geht doch gar nicht. Sind die etwa perfekt?

Klar geht das! Denn selbst wenn sie etwas „falsch“ machen, z.B. die Übungsausführung ist verkehrt, dann kann diese falsche Ausführen trotzdem in einer anderen Situation oder Übungsausführung vollkommen richtig sein.

Es ist ein bisschen um die Ecke gedacht und hört sich stark nach persönlicher Auslegung an aber hey, Kampfkunst ist ein persönliches Ding. Da darf ich machen was ich will! 😉

Was macht hier den Unterschied?

Es existiert kein Falsch mehr. Wenn kein Falsch mehr existiert, fällt der Perfektionismus entweder ersatzlos weg oder er wird schlichtweg bestätigt. Ein gutes Gefühl tritt ein.

Meine drei Perfektionisten merken es teilweise selbst schon.

Ich merke es zumindet! Am deutlichsten in ihrem Handeln und ihren Bewegungen. Sie machen einfach. Sie versuchen die Übung so gut es geht umzusetzen aber erschaudern nicht mehr, wenn es mal voll in die Hose geht. Das in die Hose gehen wird teilweise sogar zur gewünschten Option. Es regt zum Nachdenken an. Nicht nur bei Ihnen, sondern ganz stark bei mir.

Ich stelle mir dann oft die Frage, wieso haben die sich jetzt so bewegt? Ich habe doch was anderes gezeigt und das ist doch viel logischer. Um Himmels Willen warum tust Du das? Ich spreche es natürlich nicht aus! Und dann denke ich nach. Und dann lerne ich!

Das Gefühl, was nach dem Training entsteht, ist bei uns jedes Mal das Gleiche. Wir gehen frischer aus dem Training raus, als wir reingekommen sind. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Diese Frische bezieht sich dabei nicht nur auf die Zufuhr von vermehrtem Sauerstoff durch Bewegung und besserer Durchblutung, sondern es ist (zumindest bei mir) auch eine emotionale Erfrischung. Nach jedem Training bin ich glücklich und stolz zugleich. Auf mich und meine Trainingspartner.

Was ich glaube damit sagen zu wollen…

… wir zelebrieren Perfektionismus nicht oder ritualisieren ihn und untermauern ihn mit Fehlern, sondern wir leben ihn. Perfektionismus ist ein Weg, der gegangen werden will. Und wir gehen ihn, ohne uns große Sorgen um ihn zu machen. Meisterschaft erreichen wir alle noch früh genug. Ich will lieber den ewigen Schüler kultivieren!

Keine Paralyse dank zu viel Fehleranalyse (danke für den Spruch Fulphilment!)

Ich hoffe, ich konnte dich mit meinen Worten ein bisschen inspirieren. Untwerfe dich nicht dem Perfektionismus! Lebe ihn stattdessen mit Freude im Herzen und positiven Gefühlen.

/Respekt

By | 2017-11-07T13:59:04+00:00 April 19th, 2017|0 Comments

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