Was ist Zanshin?

Share Button

Henning Wittwer stellt uns seine detaillierte Interpretation von Zanshin vor. Zanshin ist nämlich mehr als Aufmerksamkeit nach der Technik!

Zanshin ist die gesteigerte Aufmerksamkeit nach einem Angriff. So wurde es mir beigebracht. Sei nach einem Angriff aufmerksam und bereit wieder anzugreifen! Diese Erklärung hat mir eigentlich immer gereicht. Wie drückte sich dieses Zanshin nach außen aus? Korrekter Abstand nach dem Schlag, korrekte Position zum Gegner, Schutz gegen mögliche Konter und vor allem das Vermögen weiter zuzuschlagen, oder zu reagieren.

Die direkte Übersetzung war für mich also Aufmerksamkeit. Nur allein darauf zu kommen, dass diese Übersetzung überhaupt nicht Japan-Like ist, kam mir gar nicht in den Sinn.

Nun ja, bis vor ein paar Wochen.

Überwiegend produziert Facebook Müll-Content. Ich bin nur froh, dass es sich hierbei um digitalen Müll handelt, ansonsten hätten wir ein echtes Problem. Natürlich ist auch digitaler Müll unschön, immerhin setzt er sich in unseren Köpfen fest. Unser Speicher wird sozusagen eine geistige Mülldeponie. Das nur am Rande!

Aber auf auch einem Müllplatz gibt es schöne Dinge. Dinge, die nicht weggeworfen gehören. Sie gehen zwar nicht verloren aber  werden mit allem möglichen überfrachtet bis sie niemand mehr findet und die Gedanken eigentlich tot sind. Heute möchte ich einen Beitrag retten. Er gehört einfach gerettet!

Vielleicht kennen ihn einige von euch. Henning Wittwer ist deutscher Japanologe und engagierter Praktiker des Karate. Neben vielen Büchern (sehr lesenswert übrigens) betreibt er auch einen eigenen Blog über sein Karate (auch lesenswert 😉 )

www.gibukai.de

www.gibukai.blogspot.de

Darum geht es jetzt nicht direkt, es wäre trotzdem schön, wenn ihr euch mal auf seine Websites verirrt. Wir Kampfkünstler müssen uns aktiv unterstützen, nicht wahr?!

Wie zuvor schon gesagt, geht es um einen Facebook Artikel. Kennst Du das? Du hast eine Frage, niemand kann sie richtig beantworten und Du suchst einen Experten auf und WOW, er beantwortet deine Frage einfach. So war es hier.

Hier der original Post auf Facebook. Es kann sein, dass Du ihn nicht lesen kannst, da es sich um eine geschlossene Gruppe handelt. Du hast nun zwei Möglichkeiten. Erstens, Du meldest dich in der Gruppe an, es lohnt sich wirklich.

Kampfkunst Karate Do 4 Wissen und Praxis alt & neu – Zanshin

Oder zweitens lies noch ein bisschen weiter 😉

Zanshin – Was ist das?

Da man verschiedenste Deutungen finden kann, habe ich mich an Henning Wittwer gewand und folgende Antwort bekommen.
Ich hoffe es ist auch für Euch von Interesse.

Das Thema ist nicht mit einer kurzen Aussage (schriftlich) zu beantworten und eine Erklärung im Training wäre sicher sinnvoller. Dennoch hier ein paar Ausführungen von mir:

Soll es um „Zanshin“ allgemein gehen, möchte ich grundsätzlich drei Dinge voranschicken: Ich habe hier ein paar meiner älteren Beiträge zusammengehauen und etwas ergänzt. „Zanshin“ ist ein Begriff, welcher für ein bestimmtes Konzept steht, das wiederum körperliche und geistige Komponenten umfaßt. Daher ist es schwierig, seine Bedeutung hinreichend in Worte zu fassen. Es gibt auch Leute, die diese unzureichende Möglichkeit der verbalen Erklärung nutzen, um gern und häufig mit derartigen ausländischen Begriffen um sich zu werfen, um Kompetenz vorzutäuschen… Zum dritten ist „Zanshin“ im Grunde Teil einer zeitlichen Dreigliederung, die ein kriegerisches/kämpferisches Geschehen zu drei kurzen Begriffen zusammenschrumpft:

(1) Zenshin 前心 – Vorheriges Herz, also die Situation vor dem Kampf

(2) Tsūshin 通心 – Kommunizierendes, Durchgehendes Herz, also die Situation während des Kampfes

(3) Zanshin 残心 – Verbleibendes, Zerstörendes Herz, also die Situation am vermeintlichen Ende des Kampfes, in der ich mich vergewissere, daß meine Technik den Feind vollständig vernichtet hat

Diese Begriffe sind Bestandteil der herkömmlichen japanischen Kampfkunst und besonders beim japanischen Säbel zu finden. Sie haben erst einmal nichts mit dem Karate aus Ryūkyū zu tun. Erst ab der Edo-Zeit begann sich dieses Gedankengut in der Kampfkunst Ryūkyūs zu etablieren. Daher ist es einigermaßen zwecklos, nach chinesischen Erklärungen für sie zu suchen.

Eine bessere Übersetzung für „Zanshin“, die den ursprünglichen Punkt deutlicher zur Geltung bringt, ist „Zerstörendes Herz“. D.h. erst nachdem der Krieger seinem Feind den Kopf abgetrennt hat, ist Zanshin beendet… Ursprünglich meint „Zan“ aus „Zanshin“ so etwas, wie „Gebeine, die mit einer Klingenwaffe zerstückelt wurden“. Es steht für Zerstörung, Verstümmelung, Töten usw. sowie für das, was nach so einer Angelegenheit übrigbleibt (die Knochen). Später wurde der letzte Punkt, das Übrigbleiben, noch weiter ausgedehnt.

Aus der Sicht eines Kämpfers auf einem alten, japanischen Schlachtfeld bedeutete es nichts anderes, als daß er, nachdem er seinen Feind verwundet, niedergeworfen oder augenscheinlich getötet hat, sein Werk, die Tötung des Feindes, abschließt. Daß ich dabei „wachsam“ sein muß, da ein angeschlagener Feind oder einer, von dem ich nicht 100%ig weiß, ob er wirklich schon tot ist, noch immer einen letzten Streich gegen mich richten kann, ist doch klar.

Da diese „barbarische“ Haltung natürlich nicht mehr gut in einer „fortschrittlichen“ Welt ankam, wurde immer mehr herumphilosophiert. Ich weiß, daß Zanshin oft mit „Aufmerksamkeit“ übersetzt wird; bloß ist das noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Zanshin (das „verbleibende Herz“) bezeichnet das Ende des Aufeinandertreffens, bei dem eine Partei körperlich (und geistig) alles unternimmt, um die andere Partei vollständig und endgültig auszuschalten. Erst wenn dies vollendet wurde, endet Zanshin.

Die ursprüngliche Bedeutung von Zanshin ist ja nun vielleicht schon klar – die gegnerische Partei wird vollständig ausgeschaltet. Nun kam es in der Entwicklung des japanischen Budō zu einer mehr oder weniger starken Versportlichung, wie alle hier wissen. Im Kendō ist „Zanshin“ ein erforderliches Kriterium für einen wertbaren Schlag, einen „Ippon“ sozusagen. Da es sich hier um eine „sichere“ (sportliche?) Art des Kampfes handelt, wird der Gegner natürlich nicht umgebracht. Also wurden für dieses „Zanshin“ Kennzeichen formuliert: korrekter Abstand nach dem Schlag, korrekte Position (Chūdan-Gamae) zum Gegner (als Schutz gegen mögliche Konter) und vor allem das Vermögen weiter zuzuschlagen, natürlich zu reagieren. Selbstverständlich wird das ganze dadurch sehr abstrakt. Im Kendō ist es aber der Adept selbst, der sein Zanshin bewertet; ist er selbst unzufrieden, wird ihn wahrscheinlich auch ein von außen bekundeter Sieg nicht befriedigen (naja, jedenfalls im Idealfall). Wer sich für dieses Sport-Budō-Zanshin im Karate interessiert, hatte bei H. Nishiyama (1928-2008) die Gelegenheit, dies in seinem Karate kennenzulernen.

Jedenfalls ist das aus meiner Sicht nicht mit dem „Zanshin“ aus dem Sport-Karate (WKF/JKF-Stil) vergleichbar, auch wenn die Begrifflichkeit selbst übernommen wurde.

Aus dem Kontext der japanischen Kampfkunst herausgelöst, umgangssprachlich betrachtet, wird „Zanshin“ übrigens im Sinne von „etwas bedauern“ aufgefaßt.

Ich muss gestehen, als ich diese Übersetzung / Interpretation von Zanshin das erste Mal gelesen hatte, war ich ein bisschen schockiert. Es ist so rau und gar nicht schön…

Irgendwie fehlt das Blumige, oder?!

Karate-Do ist doch der Weg der ewigen Vervollkommnung. Der Weg der leeren Hand. Blutige Hände sind alles andere als leer. Sie sind rot und schmutzig und stinken nach Tod!

So und jetzt wachen wir alle wieder auf und kommen in der Realität an. Wie ich schon mehrmals beschrieben habe, ist Kampfkunst Selbstverteidigung. Niemand hat gesagt, dass Karate, Kampf, Selbstverteidigung, Überleben schön ist. Es ist rau und schmutzig. Tatsächlich ist es nur im Dojo sauber, im Training ist es schön!

Für mich und vielleicht auch für dich ist das aber nur schwer zu verstehen. Wann bist Du das letzte Mal aufgewacht und hattest direkt Angst um dein Leben. Angst, dass Du den kommenden Tag nicht überlebst. Schwierige Vorstellung, nicht wahr?

Ich hatte das zum Beispiel noch nie! Ich steh morgens auf und frage mich, wo zum Teufel ich meinen ersten Kaffee herbekomme. Ob die sich das früher im alten Japan, China, Asien auch gedacht haben. Vermutlich ging es da eher um Tee. Oder in heutigen Slums in der Welt. Was denkst Du, was die ersten Gedanken dort morgens sind?

Ich kann es mir schlecht vorstellen aber ich würde behaupten, wenn es um mein Leben geht, würde ich über Kampf oder Karate ganz anders denken. Dann würde aus Zanshin gleich Aufmerksamkeit wohl eher Zanshin gleich Gebeine, die mit einer Klingenwaffe zerstückelt wurden, werden.

Glaube bitte nicht, dass ich diesen Anspruch an meine Kampfkunst habe. Ein Wort und seine Bedeutung können sich im Zeitverlauf ändern. Heutzutage in Deutschland ist es vielleicht oder eher vermutlich nicht mehr nötig Gebeine zu zerstückeln aber man sollte um alte Wortbedeutungen kennen.

Bitte teile mit uns deine Meinung über Zanshin oder führe die Gedanken von Henning Wittwer noch ein wenig aus. Es ist ein sehr spannendes Thema, dem leider viel zu wenig Aufmerksamkeit 😉 geschenkt wird.

/Respekt

Share Button
By | 2017-03-07T12:24:59+00:00 April 3rd, 2017|Karate, Prinzipien|0 Comments

Leave A Comment

*