Kampfkunst: Die ultimative Erziehungsmethode für Kinder!?

Wie können manche Eltern ihre Kinder nur ohne Kampfkunst erziehen? Die sind doch verrückt! Ihnen entgeht die besteste und perfekteste Erziehungsmethode. Arme Irre!

Der Heilige Gral der Erziehung. Die eierlegende Wollmilchsau der Belehrung.

Google doch mal nach „Kampfsport für Kinder“ oder „Erziehung Kampfkunst„. Du wirst regelrecht erschlagen mit der heilbringenden Wirkung von Kampfkunst auf die kleinen Sprösslinge.

Nur um ein paar Beispiele zu nennen:

  • Karate – Disziplin und Reaktionsvermögen
  • Judo – Gewaltprävention und soziale Fähigkeiten
  • Taekwondo – Selbstbewusstsein und Rücksichtnahme
  • Kung-Fu – Selbstverteidigung als Ganzkörpertraining
  • Kickboxen – Kraft und Beharrlichkeit
  • Aikido – Gemeischaftsgefühl und Spiritualität
  • Wing Tsun – Selbstbehauptung und Veranwortungsbewusstsein
  • Jiu-Jitsu und Ju-Jutsu – Selbstbeherrschung, Höflichkeit, Bescheidenheit

Wenn Du dich jetzt fragst, wie lange ich danach gesucht habe! Das alles ist allein von einer Seite!

UUUUHHHHH, ich hab Respekt vergessen. Natürlich ist immer Respekt in der Kampfkunst vorhanden. Immer, immer und überall. Also nicht vergessen!

Respekt!!!!

 

Eine Hasstirade auf die erziehliche Wirkung der Kampfkunst?

Keine Sorge. Soweit wird es nicht kommen. Schade eigentlich, oder? Der Spannungsbogen ging doch genau in diese Richtung! 😉

ABER…

Ich glaube an eine positive Wirkung der Kampfkunst auf Kinder. Jedoch glaube ich ebenfalls, dass es nicht so einfach ist, wie es gerne dargestellt wird.

Lassen wir hierzu jedoch jemand anderen schreiben. Jemand der hoffentlich davon mehr Ahnung hat als ich.

Am Fachbereich Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg fand am 20. und 21. September 2012 die zweite Jahrestagung der dvs-Kommission Kampfkunst und Kampfsport statt.

Der Hauptvortrag von Jürgen Funke-Wieneke wirft dabei spannende Fragen zur Erziehungsfähigkeit in der Kampfkunst auf. Er diskutiert drei pädagogisch-didaktische Paradigmen, die seiner Ansicht nach unter Kampfsportpädagogen herrschen.

Pädagogisch-didaktische Paradigmen?

Jetzt raste ich ja völlig aus. Was soll das denn heißen?

Wortsalat für unterschiedliche Ansichten über erzieherischen Unterricht. Also teils seltsame Leute machen sich verschiedene Gedanken zu Erziehung im Unterricht, wie diese gestaltet und ausgeführt wird und wie sie im Endeffekt auf die Kids wirkt.

Und hier hat der Jürgen drei Ansichten ausgemacht.

Drei Mal Wortsalat

Lass dich im nachfolgenden von den Worten nicht abschrecken. Es sind nur Worte; auf den Inhalt kommt es an!

#1 Der naive Funktionalismus

Du kannst es dir ungefähr so vorstellen. Die Kampfkunst erzieht seine Trainierenden automatisch (Automatismus), da das kampfsportliche Engagement durch seine innewohnenden Werte und Etikette (Budo-Konzept) aus dir einfach einen besseren Menschen macht.

Nehmen wir uns ein Beispiel heraus: Die Einsicht beim Trainierenden, dass die Anwendung der erworbenen Kampfkunstkompetenzen gegen andere schwere Verletzungen verursachen kann. Diese Einsicht kommt meist ganz automatisch. Durch sie muss sich der Kampfsportler mit der Handhabung und den Auswirkungen seiner ‚Gewaltmacht’ moralisch auseinandersetzen.

Und jetzt noch auf den Meister bezogen! Im Meister erkennt der Kampfkünstler die Vollendung moralischer Demut: Dieser könne jeden besiegen, verzichte aber darauf. Erziehungsmedium ist ausschließlich die Sache, also die Kampfkunst selbst.

Somit muss der Trainer eigentlich gar nichts machen. Indem er den Kindern Kampfkunst beibringt und selbst den Kampfkunstweg geht, ist er der allerbeste Erzieher der Welt.

Auch wenn er ein Arsch ist. *hust*

Natürlich ist das völlig überspitzt, aber sonst wäre es ja auch langweilig zu lesen. 😉

#2 Der aufgeklärte Funktionalismus

Der aufgeklärte Funktionalismus überlässt hingegen nicht alles dem Zufall oder dem Automatismus. Er strebt eine bewusst pädagogische Inszenierung von Trainingssequenzen an.

Was soll das denn nun wieder heißen?

Der Trainer oder meinetwegen Kampfkunst-Pädagoge bezieht in sein erstelltes Training z.B. Vertrauenübungen mit ein, unterstützt aktiv soziales Engagement oder reflektiert in der Gruppe den Umgang mit Sieg und Niederlage durch entsprechende Spiele.

Erziehungsmedium ist hier nicht die bloße Sache, sondern auch ihre pädagogische Einbettung.

Der Trainer muss sich jetzt ein bisschen mehr anstrengen. Die gut erzogenen Kinder fliegen ihm jetzt nicht mehr einfach nur so zu.

Schade aber auch…

#3 Der pädagogische Intentionalismus

Kommen wir zum letzen Gedankenpups.

Der pädagogische Intentionalismus wird als eine reflexive Pädagogik verstanden. Sie kombiniert die Sache (z.B. Kampfkunst) und die pädagogische Inszenierung (z.B. Vertrauensübungen) und untersucht und bewertet sie nach ihrer gelingenden Erziehungsleistung.

Die Ergebnisse werden methodisch und didaktisch aufbereitet und auf ein pädagogisches Ziel hin moduliert.

Hier wird ein Trainer echt gefordert. Nicht nur, dass er die Kampfkunstinhalte den Kinder vermittelt, er kombiniert dies auch mit seinem Erziehungskonzept. Und weil das noch nicht genug ist, schaut er sich im Nachhinein sein Training an und ändert es dementsprechend seiner Ziele.

Zum Bleistift: Der Trainer möchte den Kindern einen guten Umgang mit Niederlagen beibringen. Er lässt die Kinder also gegeneinander kämpfen. Der Gewinner wird gelobt, dem Verlierer wird gesagt, dass Verlieren okay ist, er müsse nur hart genug trainieren.

Jetzt beobachtet der Trainer seine pädagogische Glanzleistung und stellt vielleicht nach und nach fest, dass die Verlierer-Kinder immer frustrierter werden. Die Gewinner werden gelobt. Den Verlierern wird gesagt, verlieren ist okay aber sie trainieren einfach nicht hart genug. Ihre Mühen bringen ihnen nichts. Sie sind halt einfach immer hinten dran.

Die Situation überdenkend stellt der Trainer jetzt vielleicht fest, er muss etwas ändern. Er konstruiert die Kämpfe eventuell so, dass eine Gleichverteilung von Sieg und Niederlage unter den Kinder entsteht. Oder er streicht Kämpfe aus dem Training und fokussiert sich eher auf das gemeinschaftliche Erlebnis.

Oder halt irgendetwas ganz anderes. Jetzt ist deine Kreativität gefragt.

Das ist natürlich jetzt kein Vorschlag meinerseits. Es ist nur eine Idee oder Gedankenspiel.

Jedoch wird klar, dass Kampfkunst und ihre erziehliche Wirkung unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden kann.

Natürlich ist die reine Trainingsgestaltung mit Kampfkunstinhalten nicht alles. Funke-Wieneke betont, dass neben der Trainingsgestaltung natürlich auch andere Faktoren wesentlichen Einfluss auf den erzieherischen Erfolg des Kampfsports haben.

Dazu gehöre die Teilnahmefreiwilligkeit ebenso wie das vom Trainingsleiter maßgeblich bestimmte erzieherische Milieu: Der Schüler müsse sich erwünscht, respektiert und geborgen fühlen. Der Lehrer oder Meister müsse sich zudem im Sinne der Beispielpädagogik als authentische Verkörperung des Erziehungsideals inszenieren – er müsse die pädagogisch intendierten Werte vorleben.

Wie siehst Du das Ganze?

Meinst Du, man kann sich ruhig auf die erzieherische Wirkung der Kampfkunst oder Kampfsport verlassen. Alles passiert einfach automatisch?! Oder hilfst Du lieber mit aktiv pädagogischen Hilfsmitteln im Training nach, um die Erziehung deiner Schüler genauer zu steuern?!

/Respekt

PS: Wenn Dich der Tagungsbericht des Fachbereichs Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg vom 20. und 21. September 2012 interessiert, findest Du ihn hier! Tagungsbericht „Kampfkunst und Kampfsport in Forschung und Lehre 2012“

By |2017-11-07T14:10:05+00:00März 13th, 2017|6 Comments

6 Comments

  1. Felix 20. Oktober 2016 at 22:45 - Reply

    Ich glaube auch, dass Karate tatsächlich pädagogisch wertvoll ist!

    Aber wie ist es zu diesem Image gekommen? Das fände ich auch mal interessant, das ganze Geschichtlich zu betrachten.

    In Europa, in den 60ern, 70ern haben wohl eher mehr Erwachsene (Männer) trainiert und heute sind es wahrscheinlich mehr Kinder.

    Haben die ersten Kindergruppen angefangen, weil die Väter ihren Kindern d̶a̶s̶ ̶H̶o̶b̶b̶y̶ diesen Lebensweg näher bringen wollten?
    Also, ich denke nicht, dass sie erwartet haben, dass die Lehrer neben der reinen Vermittlung der Technik extra erzieherische Einheiten einbauen. Wenn Kindertraining wie Erwachsenentraining aussieht, dann erwartet man vielleicht eher, dass die Kinder Disziplin (und Demut?) lernen durch das Hören auf Kommandos.
    Gutes Training sollte an die Altersgruppe angepasst werden. Das siehst du sicher genauso. (Selbst-)Disziplin kann auch ein gutes Lehrziel sein, wenn es mehr heißt als still in der Reihe zu stehen.

    Oder vielleicht kommt das Image von Hollywoodfilmen wie Karate-Kid aber auch sehr alte Geschichten? Immerhin waren ja viele Kampfkunstmeister tatsächlich sehr gebildet, Mediziner oder Philosophen, die Kampfkunst vom Anfang an in Daoismus und Buddhismus eingebaut haben. Geistige Entwicklung ist nicht nur was für Kinder.

    ~*~

    Andere Frage: Wie steht Kampfkunst im Vergleich zu anderen Aktivitäten?

    Ich glaube Mannschaftssportarten gelten auch als pädagogisch Wertvoll, wegen des Teamworks. Das Lernen eines Musikinstruments ist auch ein Klassiker. Ich denke Kampfkunst und Geigespielen sind sich in der Beziehung ähnlich, dass es koordinativ anspruchsvoll ist und man sich immer weiter verbessern kann. (Vermutlich – Ich kann nicht Geige spielen.)

    ~*~

    Was ist nochmal der Unterschied zwischen naivem und aufgeklärtem Funktionalismus?

    Der aufgeklärte Funktionalist richtet sein Training absichtlich auf erzieherische Aspekte aus? In der Karate-Praxis heißt das wahrscheinlich mehr oder weniger dass man nebem Kihon/Kata/Kumite noch einen Erziehung/Werte Block ins Training einbaut.

    Aber wenn man davon ausgeht, dass ein gutes, altersgerechtes „traditionelles“ Training auch schon erzieherische Werte vermittelt, wäre das dann „naiv“ oder „aufgeklärt“.
    Ich meine, man muss nicht extra „blinder Roboter“ spielen (wo ein sehendes Kind, seinem Partner mit geschlossenen Augen Signale gibt, damit es nicht gegen Hindernisse läuft) um das Ziel „Vertrauen“ zu erreichen, man kann auch Kumite machen, wo man die Schläge vor dem Ziel abstoppt.
    Man muss nicht extra Staffellauf machen um das Ziel „Umgang mit Sieg und Niederlage“ zu erreichen, man kann auch einen Kata-Wettbewerb, oder eine (Probe-)Gürtelprüfung machen.
    (Brett zerschlagen -> „Ich bin stark UND ich kann Leuten weh tun“, Kiai -> Schüchternheit überwinden)

    Also, wenn man *bewusst* Karate-mäßige Übungen verwendet um mehr als nur Technik zu vermitteln, ist das dann „naiv“ oder „funktional“?

    Es gibt Firmen, die gehen mit ihrer Belegschaft in den Kletterwald um Softskills zu stärken. Wäre das dann „naiver“ oder „aufgeklärter“ Funktionalismus?

    Vielleicht bin ich ein bisschen beleidigt weil ich rauslese das Karate „naiv“ ist (negativ konnotiert) und Spiele „aufgeklärt“. Aber wenn du sagst, dass man ein Ziel eher erreicht, wenn man eine Übung einbaut, die extra darauf ausgerichtet ist, stimme ich dir zu.

    Mein Training beinhaltet auch nicht nur Kihon/Kata/Kumite und das ist gut so (http://insightbudo.de/2016/05/04/kihon-kata-kumite-dreiteilung-des-karate/). Kinder brauchen auf jeden Fall viel Abwechslung und Spiele.

    ~*~

    So, wieder ein langer Kommentar… Hoffentlich für jemanden interessant.

    • Basty 21. Oktober 2016 at 11:25 - Reply

      Servus Felix,

      das ist echt ein langer und geiler Kommentar 😀 Freue mich darüber sehr.

      Zu deiner Frage, Was ist nochmal der Unterschied zwischen naivem und aufgeklärtem Funktionalismus?

      Ich glaube, beim naiven Funktionalismus geht es nicht um eine negative Konnotation. Vielmehr wird hier Kampfkunst einfach nur als Kampfkunst gesehen. Die Kinder betreiben hier ihr Training und weil Kampfkunst so super cool ist, wirkt sie nebenher auch noch erzieherisch.
      Beim aufgeklärten Funktionalismus sehe ich das anders. Kampfkunst ist Kampfkunst, sie lehrt also das Kämpfen, hat aber keine erzieherische Wirkung. Möchte ich also eine erzieherische Wirkung erzielen, muss ich die Kampfkunst dementsprechend anpassen. Das muss nicht heißen, dass ich Vertrauensspiele einbaue. Es können auch kämpferische Elemente sein, die ich unter einer erzieherischen Perspektive einsetze. Das ist vermutlich der Unterschied zwischen naiv und aufgeklärt.

      LG Basty

  2. Klaus-Thomas Hildesheim 13. März 2017 at 18:23 - Reply

    Hallo Basty, erst mal eine Frage nach den Daten: Dein Blogeintrag ist von heute, aber der Kommentar von Felix und Deine Antwort vom 21.10.2016????

    Ich denke, der wichtigste Satz, den Du aus dem Vortrag von Jürgen Funke-Wieneke gebracht hast, ist:

    Dazu gehöre die Teilnahmefreiwilligkeit ebenso wie das vom Trainingsleiter maßgeblich bestimmte erzieherische Milieu: Der Schüler müsse sich erwünscht, respektiert und geborgen fühlen. Der Lehrer oder Meister müsse sich zudem im Sinne der Beispielpädagogik als authentische Verkörperung des Erziehungsideals inszenieren – er müsse die pädagogisch intendierten Werte vorleben.

    Vielleicht noch ergänzt mit einem gewissen „Spassfaktor“. Ein elend langweiliges Training wird von Kindern auf Dauer nicht besucht, da können sie noch so diszipliniert sein und der Trainer die „intendierten Werte vorleben“! Ausserdem sollte man darüber nachdenken, ob Kampfsport im Gegensatz zu Kampfkunst im Kindertraining wirklich eine Daseinsberechtigung hat. Beim Übergang vom Kind zum Jugendlichen und noch mehr vom Jugendlichen zum Erwachsenen schon eher. Aber auch hier gilt die Überlegung, wie sinnvoll ist es eine Kampfkunst so weit zu kastrieren, bis nur noch eine sportliche Aktivität übrig bleibt? Sowohl dem „Funktionalismus“ als auch dem „Internationalismus“ wäre damit der Boden unter den Füssen entzogen.

    • Basty 14. März 2017 at 09:51 - Reply

      Hey Klaus-Thomas,
      bei dem Artikel handelt es sich um eine ältere Version des Artikels, damals auf DMB veröffentlicht. Ich wollte die Kommentare nicht untergehen lassen. Deshalb sind sie von einem früheren Datum. Immerhin haben ich hier schon einmal Menschen Mühe gegeben, ihre Gedanken zu verschriftlichen.

      Spaß sollte immer dabei sein. Ich frage mich auch, warum das vergessen wurde, bzw. nicht direkt angesprochen wurde. Zum Glück sind das primär ja nicht meine Gedanken, sondenr Herrn Wienekes. Vielleicht könnte man beim „intendierten Werte vorleben“ ja auch Spaß mit meinen. Klar, es ist jetzt kein klassicher Wert aber doch sehr wichtig?!

      Kampfkunst vs. Kampfsport. Puuh, ich weiß nicht ob ich dieses Fass hier aufmachen möchte. 😉

      LG Basty

  3. Klaus-Thomas Hildesheim 14. März 2017 at 14:36 - Reply

    Hallo Basty, ich gebe Dir Recht bzgl. Kampfsport. Lass den Deckel auf dem Fass. Das merken die Trainer selbst nach 10 min, dass mit Kindern im Alter von 4 bis ca. 12 Jahre kein sinnvolles Kampfsporttraining möglich ist.

    • Basty 14. März 2017 at 14:50 - Reply

      Das hoffe ich sehr. Sowas sollte schnell gemerkt werden!

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