Warum kein Gohon Kumite? von Stephan Yamamoto

Da ich eine Form von Shôtôkanryû betreibe, welche u.a. dem Karate der JKA entstammt, wurde ich oft nach meiner Art und Weise des Gohon Kumite (五本組手, fünfmalige Kampfübung, auch „Fünfschrittkampf“) gefragt. Meine Aussage, daß ich jenes nicht (mehr) praktizierte und daher auch nicht Bestandteil meines Unterrichts sei, erntete immer wieder erstaunte Blicke. Schließlich sei es ein verpflichtender Bestandteil der Prüfungsordnungen und überhaupt ein Teil des Rückgrats des sog. „traditionellen“ Karate. Aber gelten diese für die ganze (Karate-) Welt?

Warum ich kein Gohon Kumite in meinem Karate vorsehe? Weil man es nicht braucht! Und weil es meinem Karate zuwiderläuft. Ich möchte das heute etwas näher ausführen:

#1 Gohon Kumite ist kein Bestandteil des Shûshûkan-Curriculums.

Ja, so einfach ist das. Während ich in den JKA-Dôjô in Tôkyô und Kyôto durchaus Gohon Kumite trainiert habe (wenn auch eher selten), war es im Shûshûkan de facto nicht vorhanden.

#2 Gohon Kumite erschwert den Zugang zum fortgeschrittenen Karate.

Was fast schon unverschämt klingt, ist tatsächlich eine Frage des Anspruchs an das eigene Karate. Ich beziehe mich dazu auf die Einteilung in high level und low level Karate, die einer meiner Lehrer in Tôkyô, Shibata Toshiyuki, 2003 vorgenommen hat. Wer denkt, Gohon-Kumite dürfe man nicht weglassen, der sollte jetzt aufhören zu lesen. Denn er trainiert höchstwahrscheinlich ein formbezogenes und damit exklusivistisches Karate, das zum low level gezählt werden muss. Wer neugierig geworden ist, der lese bitte weiter.

Gohon Kumite soll die Basis für den „freien“ Kampf legen, also die Kampfübung ohne Vorgaben. Dazu gehören Timing, Distanzgefühl und Kampfgeist, wenn man den „traditionellen“ Vorgaben glauben möchte. Andererseits sind Timing und Kampfgeist auch Teil dessen, was nach diesen Vorstellungen durch die Kata erzeugt oder durch diese gezeigt werden soll. Da Gohon Kumite eine formalisierte Übung ist, darf in ihrer Durchführung nicht von der Form abgewichen werden. Zwei festgelegte Kontrahenten („Angreifer“ und „Verteidiger“) führen vorgegebene Bewegungen aus. Damit erfüllt diese Übung den Anspruch, eine Art von Kata zu sein. Tatsächlich werden im Kendô und in den Disziplinen des Nihon Kobudô die Kata i.d.R. zu zweit durchgeführt, ganz ähnlich dem Gohon-Kumite. Wir haben somit zwei mögliche Zugangsweisen zu dieser Übung.

Gohon Kumite als Kampfübung?

Ein Kontrahent greift fünf Mal in Folge mit der selben Technik an. Der andere Kontrahent unternimmt eine Ausweichbewegung mit einem Schritt nach hinten und führt diese Bewegung fünf Mal mit der selben Abwehrbewegung aus, bis er schließlich nach dem fünften Schritt einen Gegenangriff starten darf.

Da das Gohon Kumite i.d.R. die erste Kampfübung ist, die man erlernt, prägt sich hier zuerst und über die mögliche Weiterführung im Yonhon- (4x) und Sanbon-Kumite (3x) das rückwärtige Ausweichen ein und wird später naturgemäß als erste Möglichkeit genutzt, um einem Angriff zu entgehen. Das Ausweichen zur Seite erfolgt spät, erst im Jiyû-Ippon-Kumite. Es ist daher oft zu sehen, daß Freikampf- bzw. Wettkampf-Neulinge vor den ersten Angriffen eines erfahrenen Kontrahenten regelrecht davonlaufen — rückwärts natürlich. Und es kostet enorme Überwindung, diesen antrainierten Reflex wieder abzulegen. „Es geht nie rückwärts, es geht nur nach vorne!“ ist eine Anweisung, die ich quer durch alle Karate-Schulen in Japan hören konnte. Keine unterrichtete das Rückwärtsgehen als erste Maßnahme. Im Gohon-Kumite erlernt man demnach zunächst etwas, das man auf keinen Fall im freien wie im Turnierkampf anwenden darf. Andere Karate-Trainer, mit denen ich über dieses Problem sprach, meinten z.B., sie unterrichteten das Gohon Kumite, da es vorgeschrieben sei. Aber nach der bestandenen Gelbgurtprüfung ließen sie es sofort fallen. Ein Kompromiss, der m.E. zu Lasten der Karateka geht.

Und der unbedarfte Anfänger wird sehr schnell feststellen, daß einem fünf Male zügig angreifenden Gegner mit fünf Schritten nach hinten nicht beizukommen ist. Will man wirklich angreifen (Stichwort „Kampfgeist“), dann erreicht man den Verteidiger spätestens beim dritten Schritt. Der Angreifer müsste sich also zurücknehmen, was wiederum den kämpferischen Charakter dieser Übung untergräbt bzw. die Übung zerstört. Oder der Verteidiger setzt Kraft ein, um die schwindende Distanz durch das Wegschlagen des gegnerischen Armes auszugleichen — getreu der Devise „ein Block ist ein Schlag“. Ein seitliches Ausweichen, was einen eindeutigen Vorteil bedeuten würde, darf nicht erfolgen. Mir schien angesichts dessen jedes Mal, rationales Handeln würde mit dem Gohon Kumite aufgegeben.

Gohon Kumite als Kampfübung konditioniert für einen tatsächlichen Kampf ungünstige Maßnahmen, insbesondere das Rückwärtsgehen. Diese ungünstige Ausgangsposition wird in der Praxis mit Kraft und Brutalität ausgeglichen, zu der allerdings nur Menschen mit der entsprechenden Physis in der Lage sind. Dieser Ansatz widerspricht somit den grundlegenden Prinzipien des Karate, nämlich mit dem ganzen Körper zu schlagen, sich mit dem Gegner zu verbinden um ihn so zu kontrollieren, oder den Angriff aufzunehmen ohne ihn zu „blocken“. Ebenso können Maxime wie „Ein Schritt, ein Schlag“ oder Sen-no-sen bzw. Go-no-sen auf diese Weise nicht entwickelt werden.

Gohon Kumite als Kata?

Als festgelegter Ablauf schreibt das Gohon Kumite wie bei einer Kata eine Abfolge von Techniken vor. Aber ist dies tatsächlich Kata — eine Abfolge von Techniken? Ich hatte mich schon an anderer Stelle dazu geäußert, daß Kata keine bloße Abfolge von Techniken sein kann, denn eine solche Sichtweise schließt jegliche Anwendungsmöglichkeit, jede Variation und damit jede individuelle Entwicklung aus. Kata ist als Modell einer einzigen, multidimensionalen Bewegung oder als unendlich viele Bewegungen mit entsprechend unendlich vielen Anknüpfungspunkten zu verstehen (high level). Das setzt voraus, daß nicht die Technik am Ende als feststehende Entität benannt wird (low level), sondern daß die Bewegungen von einer Technik zur anderen immer wichtiger werden müssen, um eine Verbindung zu erreichen, die jene Multidimensionalität ausmacht. Kata besteht somit nicht aus Techniken in Folge, sondern aus (einer bzw. unendlich vielen) Bewegungen mit dem Potential in mehrere Richtungen gehen zu können. Kann das Gohon Kumite dies leisten? Schafft das Gohon-Kumite solche Möglichkeiten? Erlaubt die Form des Gohon Kumite Variationen und Anpassungen?

Denn immerhin müssen Unterschiede in Reichweite, Statur und Kraftverhältnis an den sich bewegenden Gegner angepasst werden. Und diese Anpassung bedeutet die Auflösung der Grundtechniken. Damit fällt bereits ein wesentliches Merkmal des Gohon Kumite weg: Die ausschließliche Verwendung von Grundtechniken innerhalb der Form. Um effizient zu üben, muss aber die Grundtechnik in ihrer Form aufgelöst werden, wie das auch für die Kata in Anwendung am Gegner Voraussetzung ist. Alles andere wäre low level, denn Grundtechniken funktionieren nur am stehenden Gegner. Somit bräuchten wir kein Gohon Kumite, wenn wir dies bereits mit ausgewählten Teilen der Kata (von Bunkai- zu Ôyô-Kumite) am Gegner üben.

Fazit

Das Gohon Kumite kann nicht herausbilden, was für den Kampf relevant ist. Den Übenden wird zuerst eine Form gegeben, die erlernt und geübt werden muss. In der Praxis wird sie nach dem Erreichen des gelben bzw. orangenen Gürtels wieder fallen gelassen. Gelernt sind bis dahin unpraktikable Formen des Ausweichens, der Abwehr und des Konterns. Die Rollen von Angreifer und Verteidiger, die auch später kaum verlassen werden dürfen, prägen sich aus und erzeugen eine Dichotomie, die wiederum das falsche Mindset erzeugt: Nämlich daß Angriff und Verteidigung scharf zu trennen wären. Diese Dichotomie muss später wieder aufgegeben werden, was viel Arbeit verlangt (und entsprechend Zeit kostet), die in andere Bereiche des Trainings investiert werden sollte.

Als Kata verstanden leistet das Gohon Kumite einen Dienst bis maximal zum Gelbgurt. Danach muss diese Praxis ebenso fallen gelassen werden, sofern das Verständnis von Kata über die Abfolge von Techniken oder gar als reine Prüfungsanforderung (lowest level) hinausgeht. Der Vergleich mit den Waffenkata des Nihon Kobudô bzw. mit den Kata des Kôdôkan Jûdô ist nicht dauerhaft haltbar, da die Möglichkeiten des Werfens und Hebelns sowie des Waffengebrauchs im Karate von vornherein ausgeschlossen werden.

Wenn der einzig noch verbleibende Nutzen des Gohon Kumite der ist, daß man sich bewusst in eine ungünstige Situation bringt, die es mittels eines gewaltigen Durchhaltevermögens zu überwinden gilt, können wir tatsächlich von dieser Übung Abstand nehmen. Denn Karate ist das Streben nach Effizienz in der eigenen Bewegung. Und das Gohon-Kumite widerspricht diesem Streben. Ich kann darin nur den verzweifelten Versuch einer erzwungenen Formalisierung von Bewegungen sehen oder — wie Bruce Lee es ausgedrückt hat — die fließenden Bewegungen des Kampfes zu fixieren.

Ich hoffe, daß ich damit meine Position dem Gohon Kumite gegenüber etwas klarer für den Außenstehenden machen konnte. Was und wie man übt, bleibt letztendlich jedem selbst überlassen. Man sollte sich jedoch dem eigenen Anspruch hinsichtlich high und low level im Klaren sein.

By |2017-11-07T14:14:45+00:00März 5th, 2017|7 Comments

7 Comments

  1. Klaus-Thomas Hildesheim 7. September 2016 at 17:58 - Reply

    Hallo Basty und Stephan, mit grossem Interesse hatte ich diesen Blogeintrag gelesen und mich immer wieder gefragt, was mich daran stört, bzw. was ich hier anders erlebt habe. Da mir dieser Artikel aber nicht aus dem Kopf geht, habe ich mich entschlossen, jetzt doch noch ein paar Zeilen dazu zu schreiben.
    Vom Grundsatz her spricht mir Stephan aus der Seele, wenn „Kumite“ so trainiert wird, wie er es hier schreibt. Ich habe aber Gohon-Kumite bisher nur im traditionellen Shotokan-Karate und Ohshima (USA) kennen gelernt. Unter Harada (Shotokai, England) oder Jorga (Fudokan) und auch Oshi (Shotokan, Deutschland) kommt es, wie Stephan schon schreibt, nicht vor (zumindest habe ich es nie in einem Training erlebt). Bei Ohshima wurde es aber nie mit 5 mal nach hinten ausweichen bis man kontert trainiert, sondern im Gegenteil hat man zum Teil bis 180° Wendungen vollzogen, um z.B. hinter den Angreifer zu kommen. Das Gleiche bei Sanbon-Kumite. Daher bin ich der Meinung, dass man diese Trainingsform in Abhängigkeit von der Ausführung durchaus für Anfänger zum Erlernen des Timings und schneller Reaktionen wie auch Stellungswechsel durchaus einsetzen kann. Einen Anfänger im Freikampftraining von Anfang an darauf zu „trimmen“ nie zurückzuweichen, halte ich auch für schwierig. Unsere natürlichen Veranlagungen sagen uns im Falle eines Angriffs –> Flucht und die geht bekanntlich nicht in Richtung Gegner. Mit diesen speziellen Formen (oder Kata) kann man die Anfänger da abholen, wo sie uns die Evolution hin geformt hat. Darauf aufbauend kann man dann selbstverständlich andere hier sicherlich zur Genüge bekannten Techniken einführen und lehren. So möchte ich aus diesem Blickwinkel dann doch einen Stab über die hier diskutierte Übungsform brechen.

    • Basty 8. September 2016 at 11:32 - Reply

      Danke Klaus-Thomas für deinen tollen Kommentar.

      Ich möchte einen Punkt gerne aufgreifen. Die Veranlagung des Menschen zur Flucht ist nur 1/3 der Wahrheit. Neben dem Überlebensmechanismus Flucht existieren noch Angriff und Erstarren. Diese sind in jedem Menschen angelegt, können nun aber je nach Mensch unterschiedlich ausgeprägt sein.
      Dein Hinweis Anfänger dort abzuholen, wo sie die Evolution hin geformt hat, ist ein fantastischer Gedanke. Je nach Ausprägung der Überlebensmechanismen braucht jeder Anfänger eine unterschiedliche Behandlung. Gohon-Kumite muss also auf den Kampfkünstler angepasst werden.

      LG, Basty

  2. Klaus-Thomas Hildesheim 9. September 2016 at 19:19 - Reply

    Hallo Basty,, mit Deinem Einwand „Erstarren“ als Reaktion kann ich mich noch anfreunden, aber hast Du wirklich schon einmal jemanden getroffen, der bei einem unverhofften Angriff sofort auf Gegenangriff umgeschaltet hat, ohne ein entsprechendes Training? Aber ist in der Konsequenz auch gleich, Dein Resume daraus ist immer richtig:
    „Je nach Ausprägung der Überlebensmechanismen braucht jeder Anfänger eine unterschiedliche Behandlung. Gohon-Kumite muss also auf den Kampfkünstler angepasst werden.“
    Ich gehe noch einen Schritt weiter: das Training überhaupt muss dem jeweiligen Schüler angepasst werden. Was beim ersten super funktioniert, geht beim zweiten komplett in die Hose, aber nicht unbedingt, weil der zweite schlechter ist, sondern einen anderen Erklärungsansatz oder einen anderen motorischen Ansatz benötigt.

  3. Thomas Prediger 7. März 2017 at 12:19 - Reply

    Hallo Leser,
    was dieser Stephan, schreibt ist aus seiner „begrenzten Sicht“ (lowest level) nachvollziehbar
    aber in der Gesamtheit nicht richtig.

    Lehren und Lernen ist schwierig und führt häufig zu Misserfolgen, das weiß jeder der sich mit Wissensvermittlung beschäftigt.
    Wichtige Punkte sind wohl Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnisbildung und Motivation. Also Informationsverarbeitung (Verarbeitung und Abspeichern des angebotenen Wissens), leider ist es nicht so einfach. Zwei Behauptungen sprechen dagegen:

    1. Wissen kann nicht übertragen werden; es muss im Gehirn eines jeden Lernenden neu geschaffen werden.

    2. Wissensaneignung beruht auf Rahmenbedingungen und wird durch Faktoren gesteuert, die unbewusst ablaufen und deshalb nur schwer beeinflussbar sind.

    Wichtiger für den Lernerfolg sind:

    1. Die Motiviertheit und Glaubhaftigkeit des Lehrenden
    2. Die individuellen kognitiven und emotionalen Lernvoraussetzungen der Schüler
    3. Die allgemeine Motiviertheit und Lernbereitschaft der Schüler
    4. Die spezielle Motiviertheit der Schüler für einen bestimmten Stoff, Vorwissen und der aktuelle emotionale Zustand
    5. Der spezifische Lehr- und Lernkontext

    Das habe ich aus dem Aufsatz: Warum sind Lehren und Lernen so schwierig? von Gerhard Roth

    Gohon Kumite hat sehr wohl seine Berechtigung, als konsequente Erweiterung des Kihon-Ippon Kumite und ganz nach dem Moto „Ein Schritt, ein Schlag“ wird beim Gohon Kumite die schwierigste Form des Kämpfens erlernt. Es werden die Vorraussetzungen für einen direkten Konter geschaffen. Wer beim Gohon Kumite „weg läuft“ hat die Übung nicht verstanden oder sie ist ihm schlecht vermittelt worden. Es muss natürlich klar sein, das Angreifer/ Verteidiger nur Begriffe sind und in einem Kampf so nicht existieren!

    Grüße
    Thomas

    • R. Mattheis 2. September 2017 at 01:41 - Reply

      Und genau das, was Sie da beschreiben, Herr Prediger, ist „Low-Level Karate“. Sie haben den Artikel offensichtlich nicht gelesen, oder ihn nicht verstanden.

  4. Meik 26. November 2017 at 20:14 - Reply

    In keiner anderen Stilrichtung des Karate gibt es Gohon-Kumite. Und dort wird auch arate erlernt. Die pädagogische Notwendigkeit ist also nicht vorhanden.

  5. Josef 26. November 2017 at 21:23 - Reply

    Hallo zusammen – stimme der Aussage von Stephan voll zu.

    Würde es aber kürzer ausdrücken in Anlehnung an einen alten Witz:

    Auf die Frage, warum er einen Presslufthammer im Gebiet von Löwen bei sich trägt antwortet der Irre: Wenn ich vor dem Löwen wegrennen muss, schmeiße ich den Presslufthammer weg und kann dann viel schneller rennen.

    Warum bringt man in manchen „Schulen“ im Karate den Leuten am Anfang Zeug bei, das sie sich dann später wieder abgewöhnen müssen?

    Das hat sich mir noch nicht erschlossen.

    Liebe Grüße

    Josef

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