Kindertraining ist eine hohe Kunst

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Kinder- oder Erwachsenentraining? Was verlangt mehr von einem Trainer ab? Ich beziehe einmal direkt Partei!

Kinder zu trainieren, ist leicht. Ein paar Spiele, ein paar Techniken und viel Spaß. Danach ist man zwar ohne Ende kaputt. Kinder sind nun mal anstrengend. Aber der eigentliche Anspruch an das Kindertraining oder den Kindertrainer ist zum Glück nicht allzu hoch.

Joah, so könnte man es sehen.

ICH SEHE ES VOLLKOMMEN ANDERS! Erwachsene zu unterrichten, ist leicht. Kindern etwas beizubringen, ist die Meisterklasse.

Du glaubst mir nicht? Okay, dann vergleichen wir mal.

Kinder vs. Erwachsene oder Kindertraining vs. Erwachsenentraining

#1 Kinder sind leicht abgelenkt

Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie Sprunghaft Kinder sind. Im ersten Moment hängen sie dir an den Lippen und im Nächsten bist Du Schnee von vorgestern. Natürlich verhält es sich manchmal bei Erwachsenen ähnlich, doch der Punkt ist nicht, die Aufmerksamkeit seiner Schüler zu verlieren, sondern sie wiederzugewinnen.

Hier hat man es bei Erwachsenen ungemein einfacher. Eine kurze Info, eine kleine Ansprache, vielleicht auch mal ein genervter Blick und weiter geht’s.

Kinder hingegen lassen sich davon, wenn überhaupt, nur kurzzeitig beeindrucken. Bist Du nicht spannend, bringt das Training keinen Spaß, hast Du auf voller Linie verloren.

Die kleinen Strategien für Erwachsene ziehen einfach nicht. Du musst dir echt Gedanken machen, wie Du die kleinen Störenfriede bei der Stange hältst.

1:0 für die kleinen Störenfriede.

#2 Wir haben einen Erziehungs- & Lehrauftrag

Zwar weisen diesen Umstand viele Trainer weit von sich aber ich bin der Meinung, dass sich dieser Umstand nicht aus einer freien Entscheidung ergibt. Ein Kindertrainer kann für sich zwar sagen, er möchte die Kids nicht erziehen aber diese Frage stellt sich nicht. Tritt er mit den Kindern in Kontakt entsteht zwangläufig ein Erziehungsraum. Kinder sind wie Schwämme, sie saugen alles auf. Oft mehr Dinge, die sie nicht aufsaugen sollen aber genau hier liegt der Hund begraben. Der Trainier ist Erzieher, Lehrer, Freund und schlimmster Feind etc. in einer Person.

Für unsere Erwachsenen gilt dieser Umstand zwar auch. Auch Erwachsene können erzogen werden, nur kann das dem Trainer eigentlich egal sein. Wir als Trainer können annehmen, dass die Erziehung eines Erwachsenen abgeschlossen ist und alle Erwachsenen sich diesem Umstand bewusst sind.

Die Verantwortung, die also ein Trainer hat, ist für Kindern viel weitreichender als für Erwachsene. Dem sollte sich ein guter Trainer bewusst sein.

2:0 für die Kinderbrigade.

#3 Kinder sind schnell

Jaaahaaa, Erwachsene können auch schnell sein aber noch viel öfter sind sie gemütlicher. In Kombination mit Punkt 1 „Kinder sind leicht abgelenkt“, kann das ein tödlicher Punkt werden. Aber auch unter einer anderen Betrachtungsweise ist dies ein heikles und anstrengendes Thema.

Kinder sind immer in Bewegung. Sie wollen auch in Bewegung gehalten werden. So viel Action wie möglich, so wenig Pausen wie nötig. Für Erwachsene könnte man zynisch diesen Satz umkehren.

Daher muss das Training für Kids akribisch geplant werden oder der Trainer muss ein Improvisationsgenie sein. Der Trainingsfluss darf nicht gebrochen werden, sonst tritt Langeweile ein.

Für Erwachsene kann es sich auch anders verhalten. Selbst ohne Trainingskonzept und Vorbereitung lässt sich ein gutes Training gestalten. Der Trainer hat einfach mehr Zeit sich im Training Gedanken zu machen und im Training selbst sich einen Plan zurechtzulegen.

3:0 für die Quälgeister.

#4 Kinder lernen über Zeigen

Auch als Beobachtungslernen bezeichnet, sind Kinder sehr visuelle Lerner. Hast Du schon einmal versucht einem Kind einen Schlag oder Block nur verbal zu erklären? Wenn nein, tu es dir nicht an. Es bleibt sowieso nur ein Bruchteil hängen und Verstehen klappt eh nicht. Da ist die Technik schneller gezeigt und gut ist.

Auch habe ich erlebt, dass Erwachsene meist sehr visuell lernen aber immer in Kombination mit verbaler Erläuterung. Man könnte sagen, dass eine visuelle Demonstration mit verbaler Erläuterung schwieriger ist, da Du das Gezeigte auch verbalisieren musst. Ja, dass wäre möglich.

Dem möchte ich etwas entgegenhalten. Kennst Du Scharade. Wenn man einen Begriff mit seinem Körper nachstellen muss. Echt super schwer.

Worauf ich hinaus möchte, ist, Kinder lernen oft rein visuell. Die Wörter, die der Trainer vor sich hin blubbert, sind eben nur geblubberte Worte. Keiner wirklichen Beachtung wert. Also ist der Trainer allein auf seine Scharade Fähigkeiten angewiesen. Für einen Standardschlag in grober Form stellt das vielleicht noch kein großes Problem dar aber wenn es später um Details geht, kann man schnell an seine Grenzen kommen.

4:0 für die Beobachtungsmonster.

#5 Kinder testen Grenzen

Es ist immer wieder sooooo gemein, wenn Kinder anfangen Grenzen zu testen. Wir als Trainer können oft rein gar nichts tun. Unsere Sanktionsmechanismen sind nur sehr begrenzt vorhanden.

Das bedeutet, Kinder gehen an unsere nervlichen Grenzen und testen den Rahmen, in dem sie Blödsinn machen können. Bestrafung, Belehrung, Ausschluss helfen als Sanktion meistens nur wenig. Grenzen werden immer wieder überschritten, neu verhandelt oder absolut niedergerissen.

Bei Erwachsenen verhält es sich zum Glück ein wenig anders. Der Leitspruch „Das was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ verdeutlicht den Gedanken eigentlich ganz gut.

Kinder haben davon noch nichts gehört.

5:0 für die Grenzenvernichter.

Fazit

Ein Kindertrainer sollte Meister seines Faches sein. Nicht Meister des Karate oder sonst was. Nein, Meister des Kindertrainings.

Oft werden neue Trainer erst auf Kinder losgelassen, um sich zu erproben und Erfahrungen im Trainergeschäft zu machen. Wie sich zeigt, ist das vielleicht nicht der einfachste oder beste Weg. Wenn Du dich jetzt fragst, was gutes Kindertraining ausmacht, dann schau dir die 10 Faktoren für gutes Kindertraining an.

Für mich ist jedes Kindertraining immer wieder eine neue Herausforderung. Natürlich liegt das auch an dem eigenen Anspruch, den jeder Trainer an sich stellen sollte. Möchte ich mit den Kids nur Zeit totschlagen oder möchte ich für die Kinder etwas bewirken?

Wie stehst Du zum Thema Kindertrainer und Kindertraining? Ist es einfacher Kinder oder Erwachsene zu trainieren?

/Respekt

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By | 2017-04-13T10:46:31+00:00 März 4th, 2017|Kindertraining|3 Comments

3 Comments

  1. Klaus-Thomas Hildesheim 5. März 2017 at 15:54 - Reply

    Hier legt Basty den Finger in eine klaffende Wunde: Kindertrainer in den Kampfkünsten.

    Ich möchte mal etwas provozieren: Eigentlich gibt es von Kindertrainern nur 2 „Typen“: wirklich gut ausgebildete Kindertrainer mit grossem Engagement und den von Basty beschriebenen detaillierten Trainingsplänen angepasst an verschiedene Altersgruppen und die „Mach ich mal eben mit und nimm die Kohle“ Kindertrainer.

    Da sind mir die Totalverweigerer in jedem Fall angenehmer. Sie behaupten, dass Kinder in den Kampfkünsten nichts verloren haben, begründen das mit geistiger Reife, mit motorischen Fähigkeiten und allerlei Argumenten, mit denen sie jedoch nur ihre eigene Unfähigkeit ein Training den speziellen Bedürfnissen von Kindern anzupassen, beschreiben. Aber sie ziehen hieraus die Konsequenz bewusst keine Kinder zu unterrichten und schaden damit auch niemandem.

    Die erste Gruppe, also gut ausgebildete engagierte Kindertrainer gibt es unter anderem Dank dem Samurai Kids Programm von Toni Dietl und dem daran angeschlossenen Trainerausbildungsprogramm zunehmend mehr und das ist eine erfreuliche Entwicklung. Ich hoffe, Basty schreibt seinen 2. Teil dieses Beitrages zu den wichtigsten Regeln eines Kindertrainings in Kenntnis des Samurai Kids Programms, welches ich grundsätzlich jedem empfehlen, der plant in seinem Verein/Schule/Dojo unabhängig von der Kampfkunst oder Stilrichtung ein Kindertraining zu etablieren. Es lohnt sich!

    Doch die zweite Gruppe der Kindertrainer, also meist die, denen der schnelle wirtschaftliche Erfolg an oberster Stelle steht, denen oftmals die Entwicklung der Kinder und das Vermitteln der Kampfkunst nur Nebensache ist, Hauptsache die Kurse sind gut besetzt, schaden dem Ruf der Kampfkünste ungemein.

    Der wirtschaftliche Erfolg einer Schule entscheidet letztendlich auch über die Qualität der Ausbildung der Trainer und damit über die Qualität des Trainings an sich. Ausnahme bilden hier die wenigen altruistisch geführten „One-Man-Dojo“, die in heutiger Zeit aber nur noch selten anzutreffen sind und zudem nach meiner Erfahrung oft kein Kindertraining anbieten.

    Was Basty vielleicht auch noch betrachten sollte, ist die Tatsache, dass Kinder grundsätzlich ihre „Probleme“ aus Schule Kindergarten, dem sozialen und familiären Umfeld mit ins Training bringen und dort auch kommunizieren. Daher sind wir immer wieder überrascht, wie konzentriert und aufmerksam die Kinder den Sicherheitsblock im Samurai Kids Training verfolgen und mitarbeiten. Hier können sie ihre eigenen Erfahrungen mit einbringen, Ängste formulieren und erhalten Tips zu Verhaltensweisen für einen sicheren Alltag sowie Möglichkeiten zur Abwehr von verbalen und tätlichen Angriffen.

    Ich wünsche Euch allen selbstbewusste, quirlige, neugierige und sportbegeisterte Kinder im Training.

    • Basty 5. März 2017 at 16:56 - Reply

      Servus Klaus-Thomas,
      dein Kommentar macht von der Länge her meinem Artikel echt Konkurrenz 😉
      Aber wie immer super hilfreich! Das Trainingskonzept der Samurai Kids kenne ich nicht. Ich würde dazu gerne einen Beitrag verfassen. Meinst Du, Du könntest mir hier ein bisschen Material zukommen lassen?
      Das Kinder ihr „Probleme“ ihrer Umwelt mit ins Training nehmen, ist oft ein großes Problem und trifft bei vielen Kindertrainern auf Schwierigkeiten. Vermutlich muss dieses Thema in einem eigenen Beitrag behandelt werden. Ich werde mir hierzu mal was überlegen. 😀
      LG Basty

      • Klaus-Thomas Hildesheim 7. März 2017 at 11:03 - Reply

        Hallo Basty, habe eben Deinen Folgeartikel gelesen und muss sagen – Respekt! Du hast viele Besonderheiten des Kindertrainings angesprochen.
        Zu den Samurai Kids gibt es ein sehr schönes Buch von Nadine Joachim und Toni Dietl „SAMURAI KIDS – Karate für Kinder – sicher durchs Leben“ . Es ist die Zusamemnfassung eines neuen innovativen Unterrichtskonzeptes, welches in mehrjähriger Arbeit mit Pädagogen, Wissenschaftlern, Sicherheitsexperten und Kampfkünstlern entwickelt und seit nunmehr fast 10 Jahren unterrichtet wird. Schreib mir per PN mal Deine Postadresse, ich bitte Toni Dietl Dir ein Exemplar zur Verfügung zu stellen.
        Ich würde mit dem Artikel „Kinder und Probleme aus ihrem Umfeld im Training“ mal bis nach dem Lesen des Buches warten. Das Training der Samurai Kids ist in die Altersstufen Minis (ab 4 Jahre), Kids 1, Kids 2, Kids 3, Schüler 1, Schüler 2 und Schüler 3 (bis 13 Jahre) eingeteilt und für jede Altersstufe gibt es jede Woche einen ausgearbeiteten Trainingsplanvorschlag. Dieser enthält immer einen altersgerechten Sicherheitsblock. Wenn Du möchtest, sende ich Dir mal ein paar Beispiele, damit Du Dir eine Vorstellung machen kannst, wovon ich hier schreibe.
        Viele Grüsse und danke für die vielen schönen Beiträge in Inside Budo!
        Klaus-Thomas

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