Pass auf deine Gelenke auf!

Die Schläge fliegen nur so dahin, hier noch ein Tritt und ruck zuck in die tiefste aller Stellungen, sodass die Hose auf dem Boden schleift.

Ein Schmerz…

Ich weiß schon, wir brennen für unsere Kampfkunst. Wir haben Spaß, sind voller Energie und es geht einfach mit uns durch.

Und ja, mir ist auch bekannt, Kampfkunst ist manchmal einfach ein abgefahrenes Hobby. Wir wollen nicht viel drüber nachdenken, der Trainer weiß schon was gut ist. Noch ein bisschen schneller und härter.

Und besonders bewusst ist mir, streck deinen Arm noch ein bisschen mehr. Dein Tritt muss zum Kopf gehen, alles andere wäre Verschwendung. Geh in der Stellung noch ein bisschen tiefer und drück endlich dein Knie nach außen. Soooo, jetzt sieht die Technik schön aus.

Wir sind Beratungs- und Erfahrungsresistent!

Fangen wir mit der Beratungsresistenz an. Es ist unglaublich. Hast Du schon einmal versucht jemandem zu erklären, wie die Gelenke des menschlichen Körpers funktionieren. Es ist ein Graus. Die Leute nicken und „OSSEN“ rum und 5 Minuten später quälen sie ihre Gelenke wieder zu Tode. Bei der Frage, warum sie es jetzt wieder so machen, kommen meist immer die gleichen Antworten.

  • Ich hab es so gelernt
  • Mein Meister macht das so.
  • Pure Gewohnheit
  • Die Technik muss so aussehen

Die Erfahrungsresistenz ist aber beinahe noch schlimmer. Die Gelenke sind eh schon kaputt. Knie kaputt, Hüfte kaputt, Schultern kaputt. Alles tut eigentlich weh. Die Leute wollen aber nicht mit ihrer Kampfkunst aufhören.

Ich zieh vor diesem Durchhaltevermögen meinen Hut. Aber bei den technischen Ausführungen kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Es hat sich nichts geändert. Immer noch quälen sich die Leute durch die gleichen Übungen mit den gleichen Belastungen für ihre Gelenke.

Dann gibt es noch diejenigen die einlenken und weniger Gas geben. Hier wird jedoch geklagt, dass aufgrund der Gelenke die Techniken nicht mehr so schön ausgeführt werden können. Also würden die Gelenke noch mitmachen, würde ich selbst weiter dafür sorgen, dass sie bald nicht mehr können.

Wie denn? Gelenkbelastend?!

AAAAHHHH, fürchterlich.

Schädigung der Gelenke bedeutet gleichzeitig Schwächung der Kampfkunst!

Techniken in der Kampfkunst sind keine Formen oder Schablonen, in die ich mich einfach hineinbewege. Sie sieht am Ende gut aus, Technik also perfekt.

So läuft das nicht!

Viel eher sind es optimale Bewegungsmuster, die den Körper funktionieren lassen. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt. Die Gelenke agieren in ihrer natürlichen Form, das Skelett wird optimal ausgerichtet, die Muskulatur unterstütz den Prozess ganzheitlich.

Durch das ganze Hüpfen und Schauspielern auf Wettkämpfen verkennen wir den wahren Zweck von Kampfkunst.

Kampfkunst hat die Basis Kampf. Kämpfen tun wir weil wir überleben wollen. Überleben können wir nur, wenn wir Vorteile gegenüber unserem Feind haben. Diese Vorteile sind neben Kraft und Geschwindigkeit eine optimale Körperstruktur.

Ein zweiter Punkt ist Kampfkunst als Lifestyle und Gesundheitstraining. Nur weil wir etwas Gesundheitstraining nennen, muss es nicht sofort gesund sein. Es wird erst dadurch gesund, wenn wir es gesund betreiben. Hierzu zählt auch wieder eine gute Körperstruktur und Gelenkarbeit.

Da Kampfkunst Bewegung ist, sollten wir darauf achten, dass die Qualität der Bewegung für unseren Körper auch gut ist. Eine Bewegung, die uns absichtlich kurz- und langfristig schadet, sollte immer vermieden werden.

Wie schaffen wir das?

Ich versuche es noch einmal mit Aufklärung und bitte an dieser Stelle alle Fachleute mich in den Kommentaren auf dem Weg zu einer gesünderen Kampfkunst zu unterstützen.

Aufbau und Funktion der Gelenke

Beweglichkeit beruht auf dem Zusammenspiel von Gelenken und Muskulatur. Zwar ist die Form und der Aufbau einzelner Gelenke je nach Aufgabe und mechanischer Belastung etwas unterschiedlich aber folgende Strukturen können als konstant angesehen werden.

Die Gelenkkörper, d. h. die Knochenenden, die über das Gelenk beweglich miteinander verbunden sind.

Der Gelenkknorpel, der die Knochenenden überzieht. Er hat eine glatte Oberfläche, die als Gleitfläche dient. Der Knorpel bindet Wasser, das dem Knorpel seine typische, zäh-elastische Konsistenz verleiht. Bei Druck wird der Knorpel zusammengedrückt und dient als Stoßdämpfer. Lässt der Druck nach kehrt der Knorpel in seine ursprüngliche Form zurück.

Die Gelenkschmiere, die sich im Spalt zwischen den Knochenenden und um diese herum befindet. Sie ist eine gelartige, zäh-elastische Flüssigkeit. Sie verhindert, dass die Knorpelflächen bei Belastung zu stark aneinander reiben und hat damit eine schmierende und stoßdämpfende Wirkung.

Eine weitere Aufgabe der Gelenkschmiere ist die Ernährung des Knorpels. Bei Belastung des Gelenks werden Nährstoffe mit der Gelenkflüssigkeit in den Knorpel gepresst. Bei Entlastung fließt die Flüssigkeit wieder zurück in den Gelenkspalt und transportiert so Schlackenstoffe aus dem Knorpel ab.

Die Gelenkkapsel umhüllt das Gelenk und bildet zusammen mit Bändern, Sehnen und Muskeln seine schützende Außenhülle. In der Gelenkkapsel verlaufen außerdem Blutgefäße, die die Gelenkschmiere mit Nährstoffen versorgen. Anfallende Schlackenstoffe werden aus der Gelenkschmiere über die Blutgefäße der Gelenkkapsel in den großen Blutkreislauf abtransportiert.

Gelenke sind bewegliche Knochenverbindungen. Um Stöße abzufedern und einen reibungslosen Bewegungsablauf zu ermöglichen, verfügen sie über die Knorpel als Gleitfläche und den Gelenkspalt mit der Gelenkschmiere.

Wenn die Strukturen des Gelenks so bleiben, ist alles gut. Das Gelenk ist heil, wird versorgt und Du kannst dich frei bewegen.

Die bösen Abnutzungserscheinungen

Im Alter sinkt die Elastizität der Gelenkschmiere und des Knorpels. Gleichzeitig sinkt der Wassergehalt, und die Gelenke werden nicht mehr so gut vor mechanischer Überlastung geschützt. Die glatte Oberfläche des Knorpels wird rau und reibt sich so nach und nach auf.

Und das passiert nur weil wir älter werden. Also ist ganz natürlich.

Jetzt kommt es aber ganz dicke! Naja, eigentlich nicht! Immerhin weiß das jeder!!!

Abnutzungsvorgänge können durch starke und unnatürliche Belastungen frühzeitig und nachhaltig auftreten.

Nur um ein paar Beispiele zu nennen.

  • Einseitige Belastungen der Gelenke, wie beim starken Knie-Auseinanderdrücken in Karatestellungen oder vielen immer gleichen Bewegungen
  • Körperliche Fehlvoraussetzungen wie, unterschiedlich lange Beine, starkes Übergewicht, Bänderverletzungen, Entzündungen und Blutungen im Gelenk
  • Übertriebene und anhaltende Belastungen, wie im Leistungssportbereich

Wir wissen also, unsere Gelenke nutzen sich mit den Jahren immer weiter ab. Es ist ein natürlicher Prozess. Durch übertriebene Kampfkunst sich noch schneller zu schädigen, ist doch fatal.

Auf der Leistungssportebene kann ich es noch nachvollziehen. Hier sind die Atlethen schon lange über die Hobby Funktion von Kampfkunst hinaus. Hier geht es nicht mehr allein um Spaß und Bewegung. Aber im Breitensportbereich müssen wir von der Leistungsbelastung großen Abstand finden. Ansonsten unterstützen wir die Abnutzung nur noch schneller.

Unsere Gelenke schützen

Jetzt kommt nach der ganzen Schwarzseherei auch mal ein Ausblick, wie es besser werden kann.

Der Gelenkknorpel besteht zu einem großen Teil aus Wasser. Also können wir bei einer guten Wasserzufuhr genügend Grundstoff liefern. Ich merke auch immer wieder, dass ich viel zu wenig trinke.

Die Gelenke brauchen Bewegung, da durch Belastung Nährstoffe transportiert werden, welche für den Erhalt des Knorperls benötigt werden. Dies setzt natürlich auch Nährstoffe voraus, die transportiert werden können. Eine gesunde Ernährung bildet hier die Basis. Hier zeigt sich auch ganz deutlich an einem praktischen Beispiel, wie Kampfkunst mit Ernährung verbunden ist.

Die Gelenkkörper sind über ein Gelenk miteinader verbunden. Diese Verbindung ist je nach Gelenk unterschiedlich. Diese Gelenktypen gibt es:

  • Scharniergelenk: Gelenkfläche in Rollenform mit entsprechender gegenüberliegender Gelenkfläche (1 Freiheitsgrad: Beugung/Strecken): Zw. allen Fingern- /Zehengliedern, Ellenbogen, Knie, ob. Sprunggelenk)
  • Eigelenk: eiförmiger Gelenkkopf mit Gelenkpfanne (2 Freiheitsgrade: Beugung, Streckung, Seitwärtsbewegung): Proximales Handgelenk zwischen Speiche und Handwurzelkn.
  • Sattelgelenk Gelenkflächen ähneln einem Reitsattel (2 Freiheitsgrade: Seitwärtsbewegung, Vorwärts-Rückwärts): Grundgelenk des Daumens (Daumenwurzelgelenk)
  • Kugelgelenk kugelförmiges Gelenk mit Gelenkpfanne (3 Freiheitsgrade: Beugung/Streckung, Seitwärtsbewegung, Innen- Außenrotation): Schulter- und Hüftgelenk
  • Drehgelenk (Zapfen- und Radgelenk) (1 Freiheitsgrad: Rotation): Zapfengelenk: Elle und Speiche; Radgelenk: zwischen 1. und 2. Halswirbel

Wenn wir uns unter Berücksichtigung der Freiheitsgrade bewegen und unseren Gelenken keine Bewegungen aufzwingen für die sie nicht gedacht sind, betreiben wir auch Gelenkschutz. Dies gilt insbesondere für Standardtechniken und -ausführungen. Eine Technik muss so und so aussehene, dass sie stimmt. Diese Betrachtung berücksichtigt wenig bis keine Individualität. Manche Menschen können aufgrund ihrer Gelenkfreiheitsgrade bestimmte Bewegungen in einem festgelegten Umfang einfach nicht ausführen.

Neben Bewegung benötigen Gelenke auch Entlastung. Durch Belastungen im Gelenk kommt es zu einer Stauchung des Knorpels. Wird die Belastung durchgehend aufrecht gefahlten, kann der Knorpel sich nicht wieder ausdehnen. Pausen sind ebenso wichtig, wie Belastung!

Das zu unseren Gelenken. Wir müssen auf die menschliche Anatomie achten und unsere Kampfkunst diesen Gegebenheiten anpassen, nicht umgekehrt. Wir sollten immer bedenken, es gibt keinen Ersatzkörper für uns im Schrank. Mach deinen Körper kaputt und du bekommst keinen Neuen!

/Respekt

PS: Dank der manchmal doch genialen Kommentar Funktion auf Facebook möchte ich dir noch einen Link anbieten, welcher von einer unserer Leserinnen kommt. Er läd auch noch einmal verstärkt zu Nachdenken ein. Karate aus sportmedizinischer Sicht.

By | 2017-11-07T14:18:15+00:00 Februar 28th, 2017|2 Comments

2 Comments

  1. Matthias B 15. Dezember 2016 at 12:31 - Reply

    Hallo Basty,

    danke für diesen Artikel über die Gelenke. An manchen Stellungen oder Techniken merkt man es eigentlich selbst, wenn die Knochen (respektive die Gelenke) schmerzen. Ich denke jedoch, dass das Gewohnheitsproblem den größten Faktor darstellt (v.a. wenn du schon lange eine Kampfsport ausführst) und das Umstellen braucht Zeit.

    In diesem Artikel erwähnst du das Thema Ernährung. Möchtest du in anderen Artikel näher darauf eingehen? Ich denke, dass es einige Ergänzungen zu diesem Artikel geben kann:
    – Ernährung (viele schreiben nur „iss das, iss jenes, lass das weg, und Supplements“)
    – Gelenke vor dem Training schützen (dehnen, aufwärmen?)
    – Ab wann ist ein Hebel zu stark für das Gelenk?

    Die Punkte sind etwas in’s Unreine geschrieben aber ich würde gerne deine Meinung/Erfahrungen dazu hören. Insbesondere Thema Ernährung gibt es verschiedenste Auffassungen, was man essen darf und was nicht.

    Vielen Dank für diesen Artikel und einen Blick über den Tellerrand 🙂

    VG
    Matthias

    • Basty 21. Dezember 2016 at 10:35 - Reply

      Servus Matthias,
      schön von dir zu hören!
      Ja, Gewohnheiten sind immer so ein Problem, besonders wenn es blöde Gewohnheiten sind.
      Mit den Ergänzungen hast Du Recht. Daran hatte ich auch schon gedacht und es werdern sicherlich Artikel zu deinen genannten Themen folgen. Leider ist so ein Artikel nicht einfach mal so schnell geschrieben. Kennst Du sicher auch noch von deinem damaligen IT Blog.
      Ich werde mich aber ransetzen 😉
      LG Basty

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