Taiji und Multiple Sklerose

Welche Auswirkungen hat ein sechsmonatiges Taijiquan-Training auf die körperlichen, kognitiven und psychosozialen Ressourcen von Menschen mit Multipler Sklerose?

Mit dieser Frage beschäftigte sich Janina Burschka von der Universität Bayreuth.

Was ist Multiple Sklerose?

Fallbeispiel: Eine 28-jährige Studentin bemerkt seit drei Tagen eine zunehmende Sehstörung auf einem Auge. Sie hat das Gefühl durch eine Milchglasscheibe zu blicken. Bald kann sie mit dem Auge nahezu nichts mehr erkennen. Zunächst sucht Sie einen Augenarzt auf, der sie schon bald zum Neurologen weiterschickt. Dieser äußert nach einigen Untersuchungen den Verdacht auf eine Multiple Sklerose.

So oder ähnlich beginnt manchmal die Krankheitsgeschichte bei Multipler Sklerose (auch Encephalomyelitis disseminata, ED genannt). Sie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter.

Bei der Multiplen Sklerose (MS, lateinisch multiplex = vielfach; griechisch skleros = hart) handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie kann das Gehirn, das Rückenmark sowie die Sehnerven befallen.

Quelle Apotheken Umschau – Was ist Multiple Sklerose?

Welche Vorstellung von Taiji wird angenommen?

Taiji ist eine chinesische Gesundheitsübung mit meditativem Charakter und philosophischem Hintergrund, die sich zunehmend im Westen ausbreitet. Die Übung besteht aus einzelnen Bewegungsformen, welche häufig dem Kampfsport entlehnt und zu verschiedenen Übungsreihen (sogenannten Formen) aneinander gefügt wurden. Diese Formen unterscheiden sich hinsichtlich Waffengebrauch, Dynamik und Krafteinsatz. Die populärste Stilrichtung, der Yang Stil, zeichnet sich durch langsame und gleichmäßige Bewegungen ohne Sprünge aus. Das Erlernen einer Form dieser Stilrichtung erfordert keinen besonderen Trainingszustand und birgt keine Verletzungsgefahren.

Quelle Uni Bayreuth

Hier lässt sich mit Sicherheit wieder streiten, ob dieses Bild von Taiji der Wahrheit entspricht aber diese Diskussion sollte hier zweitrangig sein. Es geht um einen direkten Bezug zur Behandlung von Multipler Sklerose.

Was ist die genaue Forschungsfrage?

Sport kann MS nicht heilen, ist aber von großer Bedeutung in der Behandlung!

Da das Erlernen von Taiji die Koordinationsfähigkeit und die kognitiven Fähigkeiten in hohem Maße beansprucht, ist dieses Bewegungssystem im Hinblick auf neurologische Erkrankungen, wie der Multiplen Sklerose (MS), besonders interessant. Im Verlauf der MS treten häufig kognitive Probleme wie Müdigkeit, Konzentrations – und Gedächtnisstörungen auf. Auf motorischer Ebene kommt es aufgrund von Schwäche, Spastik, Fatigue, Lähmungen und Sensibilitätsstörungen zu motorischen Unsicherheiten, welche auch zu Stürzen führen können. In der Wissenschaft ist man sich inzwischen einig, dass ein körperliches Training in Ergänzung zur medikamentösen Therapie sinnvoll ist. Über die Eignung und Wirksamkeit verschiedener Bewegungsformen ist jedoch nur wenig bekannt.

Ziel dieser Studie ist es herauszufinden, welche Vorteile das Erlernen von Taiji hinsichtlich Prävention und Rehabilitation bei Multipler Sklerose bietet.

Quelle Uni Bayreuth

Das Studiendesign und die Ergebnisse!

Die Studie wurde an vier Probandengruppendurchgeführt, von 50 eingeschlossenen Personen führten 31 das Training zu Ende, das aus zwei 90-minütigen Trainings pro Woche über einen Zeitraum von sechs Monaten bestand; trainiert wurde eine Kurzform des Yang-Stils.

Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe konnten bei einer der Interventionsgruppen statistisch signifikante Verbesserungen in den Bereichen Gleichgewicht, Koordination, Depression und Lebenszufriedenheit festgestellt werden. Darüber hinaus nahmen die Teilnehmer regen Anteil am Taiji, das viele von ihnen auch nach Abschluss der Studie fest in ihr Leben integriert haben.

Quelle DVS Tagungsbericht 2012

Wer sich für die Studie noch genauer interessiert, kann hier ein wenig selbst nachforschen. Mindfulness-based interventions in multiple sclerosis: beneficial effects of Tai Chi on balance, coordination, fatigue and depression.

Ich hoffe, Du konntest etwas für dich mitnehmen. Könntest Du dir vorstellen, dass diese Ergebnisse auch auf andere Kampfkünste übertragbar sind? Muss es wirklich Taiji sein oder geht auch Karate, Judo oder Taekwondo usw.?

/Respekt

 

By |2017-11-07T14:19:34+00:00Februar 25th, 2017|4 Comments

4 Comments

  1. Klaus-Thomas Hildesheim 14. Oktober 2016 at 12:45 - Reply

    Wow, ich bin glücklich über diesen Post und Deine Frage zum Schluss „Könntest Du dir vorstellen, dass diese Ergebnisse auch auf andere Kampfkünste übertragbar sind?“
    Zuerst meine Antwort: Ja – selbstverständlich!!!!!!
    Genau das praktiziere ich – wie schon mehrfach erwähnt – in meinen Inklusionsgruppen mit grossem Erfolg. Wir nutzen in einer Gruppe QiGong (die sogenannten Gesundheitsvariante kombiniert mit Shaolin QiGong) in allen anderen Gruppen jedoch Fudomotion, eine Variante des Fudokan-Karate „im biomechanischen Optimum“. Wir haben neben MS-Patienten auch Menschen mit Parkinson, beginnender Demenz, Down-Syndrom etc. neben den „Normalos“ im gleichen Training. Entwickler des Fudomotion sind Karl-Heinz König mit Unterstützung durch die Gründer und Weltpräsidenten des Fudokan – die Brüder Ilija und Wladimir Jorga, beides im „normalen“ Leben Professoren der Medizin (soweit mir bekannt Sportmediziner). Wir haben die Möglichkeiten dieses Unterrichtskonzepts erkannt und in der Praxis innerhalb IKKAIDO Schweiz etabliert. Der älteste Teilnehmer – ein demnächst 92-jähriger Schweizer hat sich fest vorgenommen auf seinen schwarzen Gürtel hin zu trainieren.
    Ich bin zur Zeit im Urlaub und etwas schwach mit Internet versorgt. Ich würde aber gerne zu diesem Thema in Kooperation mit Karl-Hans König und Dirk Dohm, dem IKKAIDO Deutschland Präsidenten, einen eigenständigen Blogbeitrag liefern.

    • Basty 14. Oktober 2016 at 14:43 - Reply

      Danke für diese tolle Antwort auf meine Frage. Darum macht es mir so großen Spaß zu bloggen. 😀

      Ich würde mich sehr über einen eigenständigen Blogbeitrag von euch freuen.

      LG Basty

  2. David 16. Oktober 2016 at 13:42 - Reply

    Ich habe bei meiner Zeit beim Roten Kreuz zu tun gehabt. Taiji hätte bei der Symptom Linderung bestimmt helfen können.

    • Basty 18. Oktober 2016 at 11:15 - Reply

      Servus David,

      danke für deine Einschätzung! 😀

      LG Basty

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