Das bittere Erwachen

Ich trainiere jetzt schon eine ganze Zeit lang Karate. Ich fühle mich spitze, großartig, ich bin unbesiegbar! Was ist es, das die Kampfkunst nach einer gewissen Zeit so bitter macht? Der Weg geht nie geradeaus, es gibt mehr Stolpersteine als man sich vorstellen kann. Wieso kann der Traum einfach nie enden, es wäre so schön!

Ich erinnere mich noch gut an meine Anfangszeit im Karate. Die ersten Techniken habe ich schnell gelernt. Die ersten Kata hatte ich innerhalb kürzester Zeit gemeistert und mein bester Freund und ich waren den anderen Anfängern im Kumite weit überlegen. Damals dachte ich, Karate werde ich im Handumdrehen lernen und dann schnell zur nächsten Sportart wechseln. Das bittere Erwachen folgte dann doch recht zügig.

Es ist noch gar nicht so lange her, da begleitete ich eine meiner Schülerinnen zum Bus. Sie ist wirklich talentiert und nicht minder ehrgeizig. Eine Gruppe Menschen kam uns entgegen. Es war schon dunkel. Als die Menschen an uns vorbei waren, meinte sie, dass es cool wäre, wenn wir angegriffen worden wären. Sie würde ihre Techniken gerne ausprobieren.

Ich musste schmunzeln. In meiner Anfangszeit ging es mir genauso. Sich erproben. Du lernst eine Kunst um Dich zu verteidigen, zu kämpfen. Dieser Gedanke hat etwas machtvolles, vielleicht auch etwas erhabenes. Man fühlt sich unbesiegbar.

Ich glaube, viele Kampfkunst und Kampfsport Anfänger machen diese Phase der geglaubten Unbesiegbarkeit durch. Was folgt, ist jedoch nicht der direkte Aufstieg zum Meister der Kampfkünste.

Es kommt das bittere Erwachen!

Auf meinen bisherigen Weg haben mich tolle Trainer begleitet. Sie haben mich abheben lassen um mich dann wieder auf den Boden zurück zu holen. Als ich die ersten Kata zu 100% beherrschte, zeigten sie mir, dass aus 100% ganz schnell wieder 1% werden kann.

Das macht das Erwachen auch so bitter. Wir glauben etwas zu beherrschen, doch eigentlich kratzen wir nur an der Oberfläche. Vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Komplexen. Bis das Komplexe wieder einfach wird und trotzdem immer weiter. Man könnte beinahe behaupten ein Kampfkünstler benötigt eine große Frustrationstoleranz. 😉

Wenn der bittere Geschmack verschwindet

Zu behaupten Kampfkunst ist nur mit Frust verbunden weil das Ziel mit Voranschreiten sich eher zu entfernen scheint als näher zu kommen, sollte noch einmal über die Thematik nachdenken.

Damals dachte ich, Karate werde ich im Handumdrehen lernen und dann schnell zur nächsten Sportart wechseln.

So war das damals. Ich bin aber immer noch dabei. Das Gefühl immer weitergehen zu können. Noch mehr zu lernen, noch mehr Tiefe zu schaffen, ist anfangs vielleicht bitter, doch dieser Bitterkeit folgt irgendwann eine unglaubliche Süße.

Zu gehen, einfach auf seinem Weg zu gehen, zu trainieren, Menschen zu treffen, Familie finden, macht das Erwachen unglaublich süß.

Hast Du dein Erwachen als bitter oder süß empfunden? Nimmt es irgendwann ein Ende?

/Respekt

By |2017-11-07T14:20:53+00:00Februar 23rd, 2017|4 Comments

4 Comments

  1. Michael Siemers 12. Mai 2016 at 11:30 - Reply

    Ist mir ähnlich gegangen. Als ich mich damals von meinem Sensei zum ersten Dan hab gratulieren lassen, sagte er mir im gleichem Atemzug, dass der Erste Dan der Weißgurt im Karate ist. Mein erster Gedanke war, zehn Jahre Maloche um als Anfänger da zu stehen. Jetzt, nach dreißig Jahren Karate weiß ich, dass ich immer noch nichts weiß und ich nur einen Teil des Karateeisberges kenne der unter der Wasseroberfläche ist. Tja, wer glaubt etwas zu sein hat aufgehört etwas zu werden. Ich beschreite immer noch den Weg. Allerdings setze ich mich nicht mehr unter Leistungsdruck. Ich muss weder mir noch der Welt etwas beweisen.

    Gruß und Oss
    Michael Siemers

    • Basty 12. Mai 2016 at 12:00 - Reply

      Hey Michael,

      danke für dein Kommentar. Es ist irgendwie beruhigend zu sehen, dass es anderen ähnlich ergeht. Dabei auch nicht nur Kampfkunst-Neulingen, sondern auch jahrzehnte Praktizierenden. Natürlich ist es auch schade, weil man ja hofft, dass es irgendwann aufhört aber am Ende dreht man sich im Kreis.

      Deinen Satz; wer glaubt etwas zu sein hat aufgehört etwas zu werden, finde ich unglaublich toll. Es beschreibt so schön den Weg des ewigen Werdens.

      Was den Leistungsdruck in der Kampfkunst angeht. Es ist schrecklich. Leistungsdruck hat in der Kampfkunst nichts verloren. Beim Kampf um Pokale und Anerkennung ist das natürlich anders aber in der reinen Kampfkunst hat er nichts verloren. Auch danke dafür 🙂

      /Respekt

    • Thomas.Kuclo 16. Mai 2016 at 13:09 - Reply

      Hallo Herr Siemers.
      Ich habe Ihr Buch mit dem oben zitierten Titel „wer glaubt…“ gelesen und befand dort beschriebene Thematik mehr als zutreffend. Leider gibt es solche „Meister und Trainer“ zu genüge. Persönlich sind mir auch mehrere solcher Individuen bekannt. Es geht gar so weit, dass gute Kampfsportler sich dem Sport abgewendet haben: mit oberflächlichen Aussagen der selbsternannten „Cheftrainer“ sowie deren mangelndes Wissen war ihnen schnell klar, das ein Forankommen nicht möglich ist.

      Ob allerdings folgender Zusatz die Selbstverherrlichung solcher „Meister“ mildert:?
      „… denn sie wissen nicht was sie tun“

      OSS

      Thomas Kuclo

      • Michael Siemers 29. November 2017 at 19:07 - Reply

        Hallo Herr Kuclo
        „…denn sie wissen nicht was sie tun“ liegt wohl eher daran, dass sie vergessen wer sie waren und was sie sind. Arrogantes Gebaren und Selbstbeweihräucherung kann nur eine Ursache haben: Minderwertigkeitskomplexe. Mit Steigen von Wissen und Können sollte auch die Bescheidenheit wachsen. Ich trainiere auch Dan Träger, die Jahrzehnte lang die gleichen Fehler machen und statt mit einem OSS die Kritik annehmen schweifen sie mit anbrüchigen Rechtfertigungen aus. Lernresistent.

        Einen schönen Abend
        Michael Siemers

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