Das Technik-System des Shōtōkan-ryū

Andreas Quast beschreibt kurz die Verbindung von Funakoshi Gichin und Gima Shinkin. Zusätzlich legt er das Techniksystem des Shotokan-ryu dar mit dem Verweis auf den Anhang des 1986 erschienenen Buches „Taidan – Kindai Karate-do no Rekishi wo Kataru. Besuboru Magajin-sha„.

Aus dem Englischen von Axel Heinrich „The Technical System of Shotokan-ryu“ von Andreas Quast, (09. Juli 2016).

„Das Technik-System des Shōtōkan-ryū” wurde als Anhang des 1986 erschienenen Buches „Taidan – Kindai Karate-do no Rekishi wo Kataru. Besuboru Magajin-sha” von Gima Shinkin und Fujiwara Ryōzō  veröffentlicht. Gima Shinkin (1896-1989) wurde auf Okinawa geboren und trainierte unter Itosu Ankō und Yabu Kentsū. Nach seinem Schulabschluss ging er nach Tōkyō und lernte dort an der Tōkyō Shōka Daigaku. Später traf er Funakoshi Gichin und wurde einer seiner treuesten Schüler auf dem Festland.

Als Funakoshi im Jahr 1922 nach Tōkyō kam, war Gima Shinkin bereits ein Jūdō-Schwarzgurt. Tatsächlich könnten Funakoshis berüchtigte „neun vergessene Würfe” durchaus von Jūdō-oder Jūjutsu-Würfen abgeleitet worden sein, wie im Fall von Byōbu-daoshi (= Ō-soto-gari), Ude-wa (= Morote-gari) oder Yari-dama (= Kakae-nage). Darüber hinaus waren diese Würfe nie wirklich „vergessen“, sie wurden in Gimas Shōtōkan-ryū weitergegeben.

Als Kanō Jigorō 1922 Funakoshi einlud um das Karate im Kōdōkan vorzustellen, war Gima Funakoshis Partner. Gima, ein Jūdō-Schwarzgurt, besaß einen Jūdō-Gi und einen schwarzen Gürtel, Funakoshi hatte weder das eine noch das andere. Stattdessen hatte Funakoshi für sich UND für Gima in der Nacht zuvor einen Gi geschneidert. Und genau diesen trugen die beiden an diesem Tag. Auf Kanōs Anordnung hin erhielt Funakoshi auch einen schwarzen Gürtel. Das sollten genug Belege sein um zu zeigen, wie eng Gima mit Funakoshi verbunden war.

Ebenso war Gima in der Nachkriegszeit der 1960er Jahre, als das Karate wieder auflebte, in den wichtigsten Verbänden sehr aktiv. Aber er schloss sich nie dem Mainstream an und, tatsächlich, wandte sich ein Karate-Senior nach dem anderen von der Mainstream-„Karatebewegung“ dieser Zeit ab.

Diejenigen, die nicht nur Funakoshis neun Würfe „vergaßen” und nach Belieben neue Katas hinzufügten, ganz strichen oder neue erschufen, und nach immer mehr Medaillen und Ruhm strebten, die sogar Dai und Sho verwechselten und bis heute keine Erklärungen liefern können, ließen Millionen interessierter Karateka aus dem Westen im Ungewissen, während sie selbst herumstolzierten wie Pfauen.

Nun denn, Gimas Beschreibung seines „Technik-Systems des Shōtōkan-ryū” erlaubt uns einen simplen Vergleich. Als Beispiel sind hier die 15 Kata, wie sie von Gima und Fujiwara 1986 beschrieben worden, aufgezählt. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass diese Katas, und keine einzige mehr, von Funakoshi, gelehrt wurden. Viel Glück, wenn du also das nächste Mal deinen Sensei nach dem Ursprung von Unsu, Gojushiho (Dai und Sho), Passai Sho, Wankan fragst.

Die 15 Katas:

1.  Heian Shodan 平安初段.

2.  Heian Nidan 平安二段.

3.  Heian Sandan 平安三段.

4.  Heian Yondan 平安四段.

5.  Heian Godan 平安五段.

6.  Bassai (Passai Dai) 抜寒(パッサイ・大).

7.  Kankū (Kūsankū) 観空(クーサンクー).

8.  Enpi (Wanshū) 燕飛(ワンシュウ).

9.  Gankaku (Chintō) 岩鶴(チントウ).

10. Jitte 十手(ジッテ).

11. Hangetsu (Sēshan) 半月(セーシャン).

12. Tekki Shodan (Naihanchi) 鉄騎初段(ナイハンチ).

13. Tekki Nidan 鉄騎二段

14. Tekki Sandan 鉄騎三段.

15. Jion 慈恩 (ジオン).

Außer den Katas gibt es 6 Stellungen, 14 Handtechniken, 15 Fußtechniken, 33 Formen Basis-Kumite, 6 Formen des Iaidori, die 9 „vergessenen“ Würfe, 5 Verteidigungen gegen Messerangriffe, 3 Verteidigungen gegen Schwertangriffe, 6 Verteidigungen gegen Bo-Angriffe, 14 Selbstverteidigungstechniken für Frauen und 40 Vitalpunkte.

P.S. Ja, ich denke, wir haben uns eine Erklärung verdient.

Der Artikel von Andreas Quast ist zwar recht kurz, doch kann er uns viel geben. Neben ein paar historischen Gegebenheiten wird uns hier ein Grobkonzept eines vergangenen Shotokan-ryu dargeboten.

Ich möchte hier keine anderen Systeme und Möglichkeiten eine Kampfkunst zu trainieren in Frage stellen. Dennoch können uns diese Zeilen darüber nachdenken lassen, inwieweit Worte wie klassisch, traditionell, alt, echt oder ursprünglich tatsächlich zutreffend sind.

/Respekt

Teyaku 手訳  ist die Kurzform von Te no honyaku (手の翻訳) bzw. Te honyaku (手翻訳) und bedeutet wörtlich so viel wie „Übersetzungen des Te“, wobei „Te“ hier stellvertretend für Karate stehen soll. Teyaku ist ein Projekt von Axel Heinrich (hier geht es zu seiner Seite KURO MORI DOJO) und mir, in dem wir – aus unserer Sicht – bedeutende englischsprachige Texte rund um die Kampfkünste ins Deutsche übersetzen. Warum? Wir haben festgestellt, dass es im deutschsprachigen Raum Kampfkünstler und Weggefährten gibt, die sich solche Übertragungen wünschen; welche Gründe auch immer gelten mögen. Euch möchten wir die zahlreichen Text-Schätze von Iain AbernethyJesse EnkampAndreas Quast und anderen nicht vorenthalten und haben sie, nach dem wir zuvor die Genehmigung der betroffenen Autoren eingeholt haben,  übersetzt.
By | 2017-11-07T14:22:23+00:00 Februar 19th, 2017|4 Comments

4 Comments

  1. C...... 24. August 2016 at 17:34 - Reply

    sehr interessant, danke.

    ich darf aber anmerken, dass dies auch nicht aktuell ist. Mein Lehrer der von Harada (Schüler von Funakoshi) ausgebildet wurde, lehrt die in deinem Artikel erwähnten Dinge und folgendes, dazu noch Sai. Man darf nicht vergessen das Yoshitaka entscheidenden Einfluß auf das Shotokan hatte. Ich denke das sollte berücksichtigt werden.

    Shorin-ryu Forms

    Taikyoku – First Cause

    Shodan (1st)
    Nidan (2nd)
    Sandan (3rd)
    Heian – Peaceful Mind

    Shodan (1st)
    Nidan (2nd)
    Sandan (3rd)
    Yodan (4th)
    Godan (5th)
    Bassai – To Penetrate a Fortress

    Dai (Major)
    Sho (Minor)
    Kanku – To Look at the Sky

    Dai (Major)
    Sho (Minor)
    Empi – Flying Swallow
    Gankaku – Crane on a Rock

    Shorei-ryu Forms

    Tekki – Horse Riding

    Shodan (1st)
    Nidan (2nd)
    Sandan (3rd)
    Jutte – Ten Hands
    Hangetsu – Half Moon
    Jion – named after a Buddhist temple

    Other

    Jiin – named after a Buddhist saint
    Meikyo – Mirror of the Soul
    Nijushiho – Twenty Four Steps
    Sochin – Preserve the Peace

    Goju Kata

    Sanchin
    Tensho

    Bo Kata

    Matsukaze
    Sakugawa
    Shu Shi No Kon

  2. Felix 5. September 2016 at 11:32 - Reply

    Ich finde es nicht so schlimm, dass wir jetzt 26, statt 15 Kata haben.

    Soweit ich weiß, haben alle 26 Kata zumindest Ursprünge, die älter sind als Funakoshi.
    Zum Beispiel behauptet Wkipedia, dass die Unsu von Aragaki Seisho gelehrt wurde und Bassai Sho von Itosu Anko.

    (Warum sollten die Änderungen nach Funakoshi schlimmer sein, als die davor, z.B. von Itosu? Nur damit wir uns Shotokan nennen dürfen? Wollte Funakoshi nicht eh verhindern, dass es mehrere Stile gibt?)

    „Strebe nicht danach die Meister zu kopieren, sondern danach wonach sie gestrebt haben.“ oder so.

    Das Problem, das ich sehe ist, dass zu wenige Leute die Kata *verstehen*.

    • Basty 7. September 2016 at 06:31 - Reply

      Servus Felix,

      danke für deinen treffenden Kommentar. Besonders am Ende bringst Du es zu 100% auf den Punkt. Das Verstehen sollte immer im Vordergrund stehen, dann ist es auch egal wie viele Kata man in seinem System hat.

      LG Basty

  3. […] Das Technik-System des Shōtōkan-ryū […]

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