Die 10 Grundsätze von Anko Itosu

Iain Abernethy setzt sich mit einer Übersetzung der 10 Grundsätze von Anko Itosu auseinander. Die Sicht eines alten Meisters durch die Brille eines neuen Meister. Es wird spannend!

Manchmal findet man echte Perlen im Internet. So eine Perle ist der übersetzte Text von Iain Abernethy durch Axel Siebert.

Es handelt sich um einen Brief (1908) von Anko Itosu, in dem er seine Sicht des Karate darstellte und erklärte, warum seiner Meinung nach Karate in das okinawaische Schulsystem eingeführt werden sollte.

Der Text enthält eine kleine Einführung von Ian Abernethy, die Übersetzung des Briefes und ein kleines Nachwort mit Erläuterungen von Ian Abernethy. Viel Spaß beim Lesen.

Da ich keine Aktivitäten auf der Seite von Axel Siebert erkennen konnte und nach versuchter Kontaktaufnahme keine Regung erkennbar war, habe ich den Text komplett eingefügt. So bleibt der Text auch bei Abschalten der Seite erhalten. Jedoch ist ein Besuch der Seite von Axel Siebert nur ein Klick enfernt.

Von Iain Abernethy, aus dem Englischen übersetzt von Axel Siebert: Die 10 Grundsätze von Anko Itosu – Kata Bunkai

Auch möchte ich dir nicht den Orginalartikel vorenthalten oder dir zumindest die Suche ersparen 😉

The 10 Percepts of Anko Itosu

Was wir in den Kampfkünsten „traditionell“ nennen, ist meist gar nicht traditionell. Wenn wir heutzutage von traditionellem Karate sprechen, denken die Menschen sofort an weiße Gi´s, farbige Gürtel und das in Reihen Auf – und Ab – Marschieren in Trainingshallen. Alles moderne Praxis und nichts davon würde von den Gründern der Kunst wiedererkannt.

Alle Meister der Vergangenheit waren Erneuerer und keiner von Ihnen lehrte die Kunst exakt so, wie er selbst sie beigebracht bekommen hatte. Die wirkliche Tradition war die des beständigen Wandels und es waren immer nur die Kernkonzepte, die unverändert weitergegeben werden sollten. Was waren also die Kernkonzepte, auf denen die traditionelle Kampfkunst Karate begründet war?

Es gibt nicht viele schriftliche Aufzeichnungen bezüglich der Geschichte des Karate. Dies ist begründet in der Geheimhaltung des Karate im alten Japan und im Bombardement Okinawas im zweiten Weltkrieg. Ein wichtiges Dokument, zu dem wir noch Zugang haben, ist Anko Itosus „Die 10 Grundsätze des Karate“.

Anko Itosu (1832 – 1915) war einer der wirklichen Erneuerer, er entwickelte die Pinan (Heian) Kata und war verantwortlich für die Einführung des Karate im Schulsystem Okinawas. Um Karate für Kinder geeignet zu machen, verwässerte er das Karate, das er ihnen beibrachte. Als Teil dieser Vereinfachung brachte er den Kindern Katas ohne Ihre Anwendungen bei, so dass die Kinder von den physiologischen Vorteilen des Trainings profitieren konnten, ohne Ihnen in unverantwortlicher Weise das Wissen über die gewalttätigen und brutalen Methoden zu vermitteln, für deren Weitergabe die Kata entwickelt worden waren.

Ich denke Itosu wollte 2 Arten des Karate fördern: Das ursprüngliche, kampfbezogene Karate und die neue, kindgerechte Version. Wie auch immer, wie wir heute wissen, hat die kindgerechte Version sich durchgesetzt und die weitreichenden Auswirkungen davon sind heute noch spürbar. Itosus Veränderungen ermöglichten es der Kunst ,sich auszubreiten – es ist zweifelhaft ob Karate sich, ohne seine Veränderungen, auf der Hauptinsel Japans verbreitet hätte und von dort aus in den Westen – aber sie bedeuteten auch unbestreitbar eine „entschärfte“ Version des Karate, die popularisiert wurde.

1908 schrieb Itosu einen Brief, in dem er seine Sicht des Karate darstellte und erklärte, warum seiner Meinung nach Karate in das okinawaische Schulsystem eingeführt werden sollte. Es ist dieser Brief und die darin festgehaltenen 10 Grundsätze, die das Thema dieses Artikels sind. Dieser Brief gibt uns einen Einblick in das Karate, welches aus den Schatten trat und seine Reise zu einer von Millionen ausgeübten Kampfkunst begann.

Es gibt einige englische Übersetzungen von diesem wichtigen Dokument, die sich unglücklicherweise sehr von einander unterscheiden und es ist sehr schwierig zu bestimmen, welche korrekt ist. Man erwartet leichte Unterschiede, wenn ein Text von einer Sprache in eine andere übersetzt wird, jedoch einige dieser Variationen unterscheiden sich nicht einfach nur in der Art, wie sie das gleiche mit unterschiedlichen Worten sagen, sie stellen sehr unterschiedliche Ideen dar. Die meisten dieser Übersetzungen wurden von Kampfkünstlern gemacht. Ich kann mich daher nicht des Eindruckes erwehren, dass Sie möglicherweise Ihre eigene Sicht des Karate unbeabsichtigt in Ihre Übersetzungen einfließen ließen.

Es gibt ein seltenes Buch aus dem Jahre 1938, zusammengestellt von Genwa Nakasone mit dem Titel „Karate – Do Taikan“. Dieses wichtige Buch enthält Material der Meister Funakoshi, Mabuni and Otsuka.Es beinhaltet ebenso qualitativ recht gute Fotografien von Itosus Brief aus dem Jahre 1908. Ich beschaffte mir eine Kopie des Buches aus Okinawa und schickte Scans von Itosus Brief – ohne jede Hintergrundinformation – an eines der führenden Übersetzungsbüros Englands. Als Nicht – Karateka und professionelle Übersetzer, meinte ich, würden Sie in der Lage sein eine akkurate und „unverfälschte“ Übersetzung zu machen.

Die Übersetzungsfirma informierte mich darüber, dass das Dokument in einem „sehr alten, literarischen Stil“ geschrieben wurde und infolge dessen schwer zu übersetzen war, selbst für professionelle Übersetzer. Das erklärt möglicherweise auch, warum sich die existierenden Übersetzungen so sehr voneinander unterscheiden. Die Übersetzungsfirma nahm Kontakt zu einem Spezialisten aus den USA auf, der in der Lage sein sollte, das Dokument akkurat zu übersetzen und schickte die Scans zu Ihm. Es ist diese Übersetzung, die in diesem Artikel beinhaltet ist.

Die Übersetzung wurde von Fotokopien von Itosus originalem, handgeschriebenen Brief gemacht. Diese Übersetzung wurde von einem auf diesem Gebiet führenden Übersetzungsspezialisten unabhängig erstellt. Der Übersetzer war kein Kampfkünstler und hat daher auch keine eine eigene Sichtweise, welche in die Übersetzung einfloss. Deswegen habe ich keinen Grund, die Korrektheit dieser Übersetzung anzuzweifeln. Das bedeutet nicht, dass andere Übersetzungen unbedingt falsch sind – die vorliegende Übersetzung ist in einigen Bereichen den anderen gleich, wie zu erwarten – jedoch gibt es keinen Zweifel, dass Teile der Übersetzung, die ich in Auftrag gab, sehr viel andere Ansichten darstellen als einige andere Übersetzungen. Ich möchte den Leser dazu anregen die Übersetzungen zu vergleichen und selbst zu entscheiden, welche für ihn den meisten Sinn ergibt und möglicherweise die präziseste ist.

Die Übersetzung, die ich von Itosus Brief aus dem Jahre 1908 in Auftrag gab, lautet wie folgt:

Karate wurde nicht vom Buddhismus oder Konfuzionismus entwickelt. In der Vergangenheit kamen die Schulen des Shorin-Ryu und des Shorei-Ryu von China nach Okinawa. Beide Schulen haben Ihre Vorteile, welche ich im Nachfolgenden so wie sie sind aufliste, ohne sie zu schönen:

  1. Karate wird nicht bloß für den eigenen Vorteil geübt, es kann zum Schutz der Familie oder des Herren eingesetzt werden. Es ist nicht zur Verteidigung gegen einen einzelnen Angreifer gedacht, stattdessen ist es ein Weg Verletzungen zu verhindern, indem man Hände und Füße benutzt, sollte man zufälligerweise mit einem Schurken oder Bösewicht zusammentreffen.
  2. Der Sinn von Karate ist es, die Muskeln und Knochen hart wie Stein zu machen und Hände und Beine wie Speere zu benutzen. Wenn Kinder schon in der Grundschule ganz selbstverständlich mit dem Training militärischer Fähigkeiten beginnen würden, wären sie gut auf den Militärdienst vorbereitet. Erinnert euch an die Worte, die man dem Großherzog von Wellington zuschreibt, nachdem er Napoleon geschlagen hatte: Die heutige Schlacht wurde auf den Spielplätzen unserer Schulen gewonnen!“
  3. Karate kann nicht schnell erlernt werden. Wie ein sich langsam bewegender Bulle, der letztendlich doch 1000 Meilen zurückgelegt hat. Wenn jemand fleißig ein oder zwei Stunden jeden Tag übt, wird man in drei oder vier Jahren eine Veränderung der Physis bemerken. Jene die in der Art trainieren werden die tieferen Prinzipien des Karate entdecken.
  4. Im Karate ist das Training der Hände und Füße wichtig, deshalb sollten Sie  sorgfältig mit einem „Bündel Stroh“* trainieren. Um das zu tun, halten Sie Ihre Schultern unten, weiten Sie Ihre Lungen, sammeln Sie Ihre Kraft, haften Sie mit Ihren Füßen am Boden und konzentrieren Sie Ihre Energie in Ihrem unteren Bauch. Üben Sie täglich mit jedem Arm ein – bis zweihundert mal.
  5. Wenn Sie die Karatestände trainieren, achten Sie darauf ihren unteren Rücken gerade zu halten, die Schultern tief, legen Sie ihre Kraft in die Beine, stehen Sie fest und senken Sie Ihre Energie in den unteren Bauch.
  6. Üben Sie jede Karatetechnik durch Wiederholung. Lernen Sie die Erklärungen jeder Technik genau und entscheiden Sie dann, wann und in welcher Art Sie sie anwenden können, wenn Sie sie brauchen. Eindringen, treffen, zurückziehen ist die Regel für Torite.
  7. Sie Müssen entscheiden, ob Karate Ihrer Gesundheit dient, oder der Erfüllung Ihrer Pflicht.
  8. Wenn Sie trainieren, tun Sie es als stünden Sie auf dem Schlachtfeld. Ihre Augen müssen stechen, die Schultern tief und der Körper gespannt. Sie müssen immer mit der Intensität und Haltung trainieren, als würden Sie gerade den Feind vor sich haben und auf diese Art werden Sie eine selbstverständliche Bereitschaft entwickeln.
  9. Wenn Sie Ihre Kraft im Karatetraining excessiv verbrauchen, werden Sie die Energie in Ihrem unteren Bauch verlieren und Ihren Körper schädigen. Ihr Gesicht und Ihre Augen werden rot werden. Achten Sie darauf, ihr Training zu kontrollieren.
  10. In der Vergangenheit genossen viele Meister ein langes Leben. Karate hilft bei der Entwicklung der Knochen und Muskeln. Es unterstützt die Verdauung und die Durchblutung. Wenn Karate eingeführt würde, beginnend in der Grundschule, dann würden wir viele Männer hervorbringen, von denen jeder zehn Angreifer besiegen könnte.

Wenn die Studenten der Lehrerausbildenden Hochschulen Karate in Übereinstimmung mit den oben aufgeführten Regeln lernen würden und dann, nach ihrem Abschluss, dieses an den Grundschulen in allen Regionen verbreiten, würde sich Karate innerhalb von 10 Jahren über ganz Okinawa bis zur Hauptinsel Japan verbreiten.

Karate wäre eine große Bereicherung für unser Militär.

Ich hoffe, Sie werden ernsthaft in Erwägung ziehen, was ich hier geschrieben habe – Anko Itosu, Oktober 1908.

* – Der Übersetzer war kein Kampfkünstler und übersetzte in Folge dessen das Wort „Makiwara“ in „bündel Stroh“. Das Wort unübersetzt zu lassen wäre besser gewesen.

Dieses ist offensichtlich ein sehr wichtiges Dokument und ich werde es dem Leser überlassen die Wichtigkeit eines jeden Grundsatzes für sich selbst abzuwägen. Allerdings möchte ich gerne einige der anfänglichen Punkte erörtern.

Das erste, das mir auffällt, ist, dass das Karate welches Itosu für die okinawaschen Schulen vorsah, so entschärft es auch war, offensichtlich nicht gänzlich „unkämpferisch“ gedacht war. Zweifellos preist er die Kunst nicht nur aus gesundheitlichen Gründen an, sondern auch wegen ihrer kämpferischen Anwendbarkeit und Eignung, effektiv kämpfende Männer hervorzubringen.

Vielleicht war es Itosus ursprüngliches Vorhaben den Kindern die Möglichkeit zu geben die richtige Kampfkunst zu erlernen wenn Sie das Erwachsenenalter erreicht hätten – was dann wahrscheinlich eine Ausbildung in den Anwendungen der Kata, Arbeit an der Makiwara etc beinhaltet hätte – nachdem Sie in der „Kinderversion“ das Fundament des Systems erhalten hätten. Daher würde, in Itosus Worten, Karate „viele Männer hervorbringen von denen jeder zehn Angreifer besiegen könnte“. Zweifellos läßt Grundsatz 10 darauf schließen. Traurigerweise hatten Itosus Veränderungen unvorhersehbare Konsequenzen und Kata wird nun üblicherweise ohne die Anwendungen gelehrt.

Ich finde es auch sehr interessant, dass die Anfangszeile „Karate wurde nicht vom Buddhismus oder Konfuzionismus entwickelt“ klarstellt, dass Karate nicht auf buddhistischen oder konfuzionistischen Prinzipien beruht. Itosu fand es offensichtlich wichtig gleich zu Beginn festzustellen, dass die Kampfkunst welche er praktizierte, kein Ableger dieser Religionen oder Philosophien war.

Das ist wichtig, weil viele diese Kampfkunst fälschlicher Weise vollkommen aus buddhistischen oder konfuzionistischen Blickwinkeln betrachten. Anhänger anderer Religionen werden manchmal vom Studium des Karate abgeschreckt, weil sie glauben, dass es auf religiösen Praktiken gründet die entgegen Ihrem eigenen Glauben sind. Itosu sagt uns, dass das nicht der Fall ist und Karate keine religiöse Grundlage hat.

Grundsatz 1) enthält die Zeile:“(Karate) ist nicht zur Verteidigung gegen einen einzelnen Angreifer gedacht, stattdessen ist es ein Weg Verletzungen zu vermeiden indem man Hände und Füße benutzt, sollte man zufälliger Weise mit einem Schurken oder Bösewicht zusammentreffen.“ Das verdeutlicht dass das ursprüngliche Karate nicht für einen fairen, oder in beiderseitigem Einverständnis stattfindenden Kampf gegen einen einzelnen Gegner oder einen anderen Karateka gedacht war, sondern für die zivile Selbstverteidigung. Als zeitgemäßer Kampfkünstler meine ich das es wichtig ist (und Spaß macht) für beide Milieus zu trainieren, dabei ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass ein fairer Kampf und Selbstverteidigung nicht die selben Methoden nutzen. Was in dem einen Bereich gut funktioniert muss das nicht notwendiger Weise auch in dem anderen tun. Itosu war der Unterschied zwischen den Beiden offensichtlich bewusst, da er den Unterschied in seinem ersten Grundsatz darstellt. Einige Beispiele für diese Unterschiede: Die Distanz verkürzen, hochentwickelte Fußarbeit, Schutzausrüstung, Finten und verschiedene Kombinationen sind alltäglich in einem einvernehmlichen Kampf, aber Irrelevant für zivile Selbstverteidigung; das ist der Grund, warum solche Methoden nicht in den Kata vorkommen.

Wenn wir Kata Studieren – was eine Aufzeichnung der ursprünglichen Kunst ist die Itosu beschreibt – muss gewährleistet sein, dass wir verstehen, dass Kata als Aufzeichnung von Methoden zur zivilen Selbstverteidigung gedacht war. Wenn jemand vom einvernehmlichen Kampf ausgehend Kata betrachtet, missversteht er sein Wesen und kommt infolgedessen zu falschen Schlussfolgerungen hinsichtlich dessen, wie sie angewendet werden sollen. Ein gutes Beispiel ist es, wenn Karateka wettkampfmäßige „Bunkai Demonstrationen“ machen, die mit den Gegenspielern in Sparringentfernung beginnen (z.B. jenseits der Trittdistanz) entgegen der extrem kurzen Entfernung in einem echten Kampf. Indem sie das tun versuchen Sie einen eckigen Pflock durch ein rundes Loch zu zwingen, deshalb ist es keine Überraschung, dass Kata häufig von solchen Demonstrationen abweichen.

Itosu war als Schriftgelehrter beim König Okinawas beschäftigt und hoch gebildet in den Chinesischen Klassikern. Nach dem Zerfall der okinawanischen Monarchie wurde Itosu Schullehrer. Der hochgebildete Itosu zeigt auch Wissen über die westliche Kultur, indem er dem Großherzog von Wellington Worte im Grundsatz 2 zuschreibt. Das Zitat:“Die heutige Schlacht wurde auf den Spielplätzen von Eton gewonnen“ wird sicherlich Wellington zugeschrieben, aber er sagte diese Worte nicht. In Wirklichkeit war es einige Jahre nach seinem Tod, als der französische Historiker und Propagandist , der Graf von Montalembert, Ihm erstmals diese Worte zuschrieb. Wusste Itosu das? Oder war die Wahl der Schriftzeichen, die übersetzt wurden als „zugeschrieben“ im Gegensatz zu „gesagt von“, rein zufällig? Wenn sie nicht zufällig war, heißt das möglicherweise, dass Itosu hervorragend in westlicher Militärgeschichte ausgebildet war.

Grundsatz 4) empfiehlt dringend, die ausgeprägte Nutzung von Schlagkrafttrainings – Ausrüstungen. Zu Itosus Zeit war das Makiwara alles dafür verfügbare. Allerdings, würde er heute hier sein, bin ich mir sicher das er auch Gebrauch von Boxsäcken, Handpratzen, Trittpolstern u.s.w. machen würde. Es ist nicht ungewöhnlich das heutige Karateka Schlagkrafttraining vernachlässigen, aber wie wir in Itosus Schreiben sehen ist das nicht traditionell, ebensowenig wie es einhergeht mit den wirklichen Methoden des Karate.

Grundsatz 6) empfiehlt uns das Bunkai zu studieren, oder die Anwendungen der Kata (z.B. Lernen Sie die Erklärungen jeder Technik genau…) und persönlich die richtige Benutzung von Bunkai im Kampf zu untersuchen. Viele Karateka integrieren kein Bunkai in ihr Training und trainieren folglich nicht entsprechend dieses Prinzips. Itosu stellt ebenso dar das wir selbst entscheiden müssen, wann und wie die Techniken von Karate angewendet werden sollen. Auch Menschen, die Bunkai Studieren, versagen hier oft. Zu wissen, wofür eine Karatebewegung da ist und sie effektiv anwenden zu können sind zwei sehr verschiedene Dinge.

Nach meiner Meinung ist das einzige, was uns helfen kann zu entscheiden wie die Techniken angewendet werden sollen, sie in einer wirklichkeitsnahen Umgebung zu üben. Das ist der Grund, weshalb Katabasiertes – Sparring fundamentaler Bestandteil von meiner vier Stufen Methode für Kata ist, weil es das Umsetzen der Theorie der Kata in die Praxis sicherstellt.

Der Schlussatz des 6. Grundsatzes „Eindringen, treffen, zurückziehen ist die Regel für Torite.“ ist ein weiterer, den ich sehr interessant finde. „Torite“ verweist auf Ringen/Grappling (Literarisch „fressende Hände“) und wird in Karatekreisen genutzt, um auf die ringertechnische Seite der Kampfkunst hinzuweisen. „Torite“ ist ebenso ein alter Begriff im Ju-Jutsu und wurde in dieser Art in einigen Schriften Jigaro Kanos benutzt (Kano war der Gründer von Judo). Itosus „Eindringen, treffen, zurückziehen“ klingt wie eine Anti – Ringkampf – Anweisung wie z.B. wenn Du gegriffen wirst, kannst Du nicht sofort fliehen, also geh hinein, richte Schaden an und dann verschwinde von dort. Das ist eine korrekte Anweisung für zivile Selbstverteidigung und stimmt vollkommen mit der Natur des Karate überein die in Grundsatz 1) erklärt wird.

Grundsatz 7) Rät Ihnen, selbst zu entscheiden ob Ihnen Karate zur Gesunderhaltung oder „zur Erfüllung Ihrer Pflicht dient“ (z.B. seine praktische Anwendung). Die Grundsätze 2, 3, 9 und 10 nehmen Bezug auf den physischen Nutzen des Karate. Die Grundsätze 1, 2, 6, 8 und 10 nehmen alle Bezug auf den kämpferischen Nutzen des Karate. Deswegen glaube ich nicht, dass Itosu meint, das Karatetraining ist vollkommen das Eine oder das Andere, vielmehr, dass wir uns über unsere Trainingsziele im Klaren seien sollten. Ebenso glaube ich, dass Itosu hier den Unterschied zwischen dem gesundheitsorientierten Kinderkarate und der ursprünglichen, kampforientierten Kunst verdeutlicht.

Grundsatz 8) ermahnt uns intensiv und energisch zu trainieren, so dass wir vorbereitet sind auf die ernsthafte und unnachgibige Natur des Kampfes. Diese Intensität des Trainings ist einer der Schlüssel zur wirklichen Tradition des Karate. In der Tat ist diese mentale und physische Intensität wichtiger als Technik. In dem Buch „Karate – Do: Mein Weg“ schreibt Gichin Funakoshi, der ein Student Itosus war:“Trainiere mit beidem, Herz und Seele und kümmere dich nicht um die Theorie. Sehr oft wird ein Mann, dem es an dieser grundlegenden Eigenschaft absoluter Ernsthaftigkeit mangelt, Zuflucht in der Theorie suchen.“  Wir sehen dieses „Zuflucht in der Theorie suchen“ und mangelnde Intensität in einigen der heutigen „traditionellen“ Trainingsarten. Um der wirklichen Tradition zu folgen, würden wir gut daran tun, Grundsatz 8) zu befolgen.

Itosus 10 Grundsätze ist unbestreitbarer Weise eines der wichtigsten historischen Dokumente über Karate. Um Kata zu verstehen, und die wirkliche Natur des traditionellen Karate, ist es wichtig, dass wir die Worte und Leitlinien der Leute studieren, welche die Kunst gestaltet haben. Ich hoffe das Sie diese Übersetzung von Itosus 10 Grundsätzen interessant gefunden haben und das Sie, wie Itosu empfiehlt, ernsthaft über das nachdenken was er geschrieben hat.

Wenn Du tatsächlich bis zum Ende durchgehalten hast, herzlichen Glückwunsch. Ich hoffe, Du konntest ein paar Anregungen für dich mitnehmen und deine Kampfkunst profitiert davon.

Solche Perlen sind leider sehr rar und meist nur auf unbekannten Seiten zu finden. Wenn dir auch welche bekannt sind, dann teile sie in den Kommentaren. So gehen sie nicht veloren und stiften den Nutzen für den sie bestimmt sind.

Auch sind mir deine Gedanken zum Inhalt wichtig. Was denkst Du über Ian´s und Itosu´s Gedanken?

/Respekt

Teyaku 手訳  ist die Kurzform von Te no honyaku (手の翻訳) bzw. Te honyaku (手翻訳) und bedeutet wörtlich so viel wie „Übersetzungen des Te“, wobei „Te“ hier stellvertretend für Karate stehen soll. Teyaku ist ein Projekt von Axel Heinrich (hier geht es zu seiner Seite KURO MORI DOJO) und mir, in dem wir – aus unserer Sicht – bedeutende englischsprachige Texte rund um die Kampfkünste ins Deutsche übersetzen. Warum? Wir haben festgestellt, dass es im deutschsprachigen Raum Kampfkünstler und Weggefährten gibt, die sich solche Übertragungen wünschen; welche Gründe auch immer gelten mögen. Euch möchten wir die zahlreichen Text-Schätze von Iain Abernethy, Jesse Enkamp, Andreas Quast und anderen nicht vorenthalten und haben sie, nach dem wir zuvor die Genehmigung der betroffenen Autoren eingeholt haben,  übersetzt.
By | 2017-11-07T14:22:55+00:00 Februar 17th, 2017|3 Comments

3 Comments

  1. […] Die 10 Grundsätze von Anko Itosu […]

  2. Matthias B 27. Februar 2017 at 20:18 - Reply

    Hallo Basty,

    ich habe es endlich geschafft, diesen Artikel zu lesen. Meiner Meinung nach klingen viele Punkte teilweise sehr allgemein. Z.B. der dritte Punkt „Karate kann nicht schnell erlernt werden“. Wenn man etwas wirklich können will, kann es generell nicht schnell erlernt werden. Die Grundlagen vielleicht, aber immer an die Grundlagen und Prinzipien zu denken und diese zu verinnerlichen braucht Zeit.
    Punkt 1 empfinde ich als sehr wichtig: Auch im Hinblick auf Zivilcourage o.ä. steckt dort viel Wahrheit.

    Ich werde für mich (schon wieder eine Baustelle) Punkt 8 mitnehmen. Teilweise fehlt die Konzentration oder man hatte einen anstrengen Tag oder oder oder.. Der leichte Weg führt nur leider zu oft in eine Sackgasse oder zu steile Böschung 🙂

    Ein Tipp zum Aufbau von diesem Artikel: Ich empfand ihn als relativ lang, weshalb ich ihn auf später verschoben habe, wenn ich Zeit habe. Vielleicht wäre hier eine Aufteilung z.B. 2x 5 Grundsätze besser.

    • Basty 3. März 2017 at 22:30 - Reply

      Hey Matthias,
      ja, dieser Artikel ist echt ein Monster gewesen. Ich glaube wir werden deinen Hinweis ernst nehmen. Solche Artikel müssen aufgeteilt werden. Beim nächsten Mal 😉
      Lg Basty

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