Train hard oder wie war das?

Kennt ihr das? Nach einem langen Tag im Büro musst du dich überwinden, und schleppst dich in´s Dojo. Dort angekommen stellst du fest, dass du jetzt lieber auf Sofa liegen würdest, statt dich hier zu verausgaben.

Du mogelst dich also durch´s Training, sparst deine Kräfte so gut du kannst, gehst auf Grund deiner gezeigten Leistung unzufrieden nach Hause und versprichst dir dabei selber, dass es beim nächsten Training viel besser wird.

Wir alle haben solche Tage, und das ist auch ok!

Nur scheinbar haben besonders ältere Karateka viele, sehr viele von diesen Tagen! Einige von ihnen unterrichten, stehen mehr vorne als hinten auf der Matte, und unter ihrem Gürtel reift der Bauch zu einem Blopp. Ein Phänomen, dass ich gerne als B&B (Bauch und Bahnschranke) beschreibe.

Trainingscredo von Nils Scheiring

Hand auf´s Herz, wann hast du dich das letzte Mal im Training so richtig verausgabt, bis du das Gefühl hattest „jetzt geht nichts mehr“, und bist dann wieder und wieder über deine Grenzen gegangen?

Train hard or go home!

Es gibt viele Gründe, warum man nicht mehr hart trainieren kann. Neben einem harten Alltag führen die meisten Alter und Gebrechen als Grund für ihre nicht vorhandene Bereitschaft zu einem harten Training an. Dennoch reden alle von Okinawa, von den alten und meist noch fitten Meistern.

Ja, viele sind enorm fit, und das bewundere ich extrem!

Aber als ich im vergangenen Jahr bei Karate Tag in Naha anwesend war, habe ich aufgehört die älteren Meister mit ihren rot-weißen und roten Gürteln zu zählen, die ein massives Humpeln an den Tag legen. Ein unverkennbares Zeichen einer fortschreitenden Hüftartrose, Verschleiß in den Gelenken. Ein Bewegungsmuster, das ich auf Anhieb erkenne, da ich diese elegante Art der Fortbewegung auch schon seit ein paar Jahren mein Eigen nenne.

Doch ist diese Einschränkung wirklich auch der WAHRE Grund im Training nicht mehr richtig mitzumachen?

Für diese Meister offenbar nicht! Und Alter scheint ebenfalls keine Entschuldigung zu sein, wenn man sich Meister wie Toyama Sensei ansieht. Im Gegenteil! Alter bedeutet nur, dass man MEHR machen muss, wenn man in Form bleiben will. Einige haben es vorgemacht, wie z.B. Pat McCarthy Sensei, der sich im Alter von 60 noch fast „halbiert“ hat.

Shinyu Gushi Sensei

Wie ich schon oft geschrieben habe, kann Karate vieles sein. Für mich ist es das zumindest. Und ein Teil dessen, was Karate für  mich ist, ist körperliche Disziplin, das ständige Wiederholen von Bewegungsabläufen um sich selbst und seine Technik herauszufordern (Tanren).

Aber man kann nicht ständig hart trainieren“, höre ich nun schon als nächste Ausrede, und das stimmt sogar.

Als Vertreter des Goju Ryu (Go = hart / Ju = weich) verstehe ich das Konzept von hart und weich, von Spannung und Entspannung. Aber wir sollten bei diesem Konzept von der Dualität zwischen heiß und kalt sprechen, und nicht zwischen lauwarm und gar nicht. Und das ist nun mal leider das „Trainingsmuster“ von vielen Karateka.

Du bist fit? Du trainierst regelmäßig hart? Oder du willst aus dem Kreislauf der Mittelmäßigkeit endlich ausbrechen? Gut, dann hier ein kleiner „Challenge“! Wann hast du dich das letzte Mal wirklich selbst herausgefordert? Fang an!

Wie wäre es mit…

  • 1 Stunde oder mehr laufen (joggen!)
  • 100 Kniebeugen
  • 10 Runden am Sandsack
  • 100 Kata in einem Training
  • Mindestens 75 % deines Körpergewicht 10 mal über Kopf drücken
  • Dein eigenes Körpergewicht 10 mal auf der Bank drücken
  • Das 1,5-fache deines Körpergewichts im Kreuzheben bewältigen
  • 15 Minuten in Kiba oder Shiko Dachi stehen
  • 1000 Kicks in einem Training absolvieren

Es gibt 1000 Möglichkeiten sich herauszufordern.  Es gibt scheinbar ebenso viele Ausreden, aber es gibt nur wenige echte Entschuldigungen. Sei ehrlich zu dir selbst, mach dich wieder fit und du wirst nicht nur den Spaß an deinem Karate wieder finden.

Oder wollen wir noch eine Stufe weiter gehen?

Train passionate and you´ll never go home!

Train hard or go home. Ich liebe dieses Spruch. Er verkörpert so viel Kraft und zielgerichtete Einstellung. Jedoch spiegeln sich in diesem Satz auch zwei Extreme. Alles raushauen oder nichts tun. Knallhart und mega butterweich 😉

Wenn ich weiter über diese Aussage nachdenke, macht sie mir auch ein wenig Angst. Es stellt eine ungeheure Anforderung an uns selbst, nicht wahr? Wann haben wir wirklich einmal hart trainiert? Wenn wir hart trainiert haben, haben wir wirklich und ehrlich alles gegeben? Ehrlich ehrlich, meine ich? Ist unsere Zufriedenheit nach einem harten Training dann tatsächlich gerechtfertigt?

Natürlich alles quatsch. Wenn ich aus einem Training rausgehe und bin zufrieden mit meiner Leistung, dann zählt das natürlich. Ich entscheide was hart ist!

Aber trotzdem sollte man darüber mal nachgedacht haben 😉

Aber wieso gehe ich mit diesen Gedanken eine Stufe weiter. Was hat das zu bedeuten?

Härte war und ist für mich persönlich immer ein großer Indikator für ein richtig geiles Training. Vor ein paar Jahren habe ich gedanklich mit meinem Hauptdojo gebrochen (Basty). Es war einfach nicht mehr das Karate, das ich trainieren wollte. Nur Wettkampf, keine Tiefe, nur Routine. Ich habe versucht dagegen anzukämpfen und über gesteigerte Härte und stärkeren Willen mein Trianingspensum im Dojo hochzuhalten und eventuell das Plateau so zu überwinden. Doch dieser Versuch ist kläglich gescheitert. Ich war nur noch frustriert! Top fit, aber mega unglücklich…

Härte ist gut, aber nicht alles. Härte ist nicht der Beginn, sondern eine logische Konsequenz aus tiefer Leidenschaft für seine Kunst!

Härte oder Leidenschaft, die Leiden schafft?

Passion oder Leidenschaft ist in seiner Bedeutung eine sehr starke Begeisterung. Feuer, Enthusiasmus, Fieber, vollkommene Ergriffenheit.

Was heißt es von etwas ehrlich und aufrichtig begeistert zu sein? Seiner Leidenschaft zu folgen?

Mal so am Rande, weißt Du was Leidenschaft mit Leid zu tun hat? Falls Du hierzu eine Erklärung hast, würde ich sie gerne hören. Es interessiert mich wirklich und ich finde keine gute Erklärung.

Weiter im Text…

Mir fehlen gerade ein wenig die Worte. Leidenschaft ist ein großer Begriff, ein mächtiger Begriff, der sowohl Licht als auch Schatten kennt. Ich möchte hier auf einen grandiosen und sicher auch prekären Artikel verweisen.

Es ist ein Brand von solcher Art, dass ich brenne, aber nicht verbrenne. Über das Wesen der Leidenschaft.

Ich hoffe, Du hast den Weg zu mir zurückgefunden. Dieser kleine Artikel über Leidenschaft hat eine ungeheure Kraft, findest Du nicht auch?

Mit diesen Gedanken ausgestattet, können wir ganz neu über unser Training nachdenken. Empfindest Du wirklich tiefe Leidenschaft für deine Kampfkunst? Falls ja, wird „Train hard, or go home“ niemals mehr eine Bedeutung für dich spielen. Leidenschaft wohnt hartes Training inne. Es ist Aufopferung, überbordetes Begehren, bedingungslose Verschwendung. Sozusagen ein Aufgehen in der Kunst.

Falls nein, was müsste geschehen, dass Du vor Euphorie für deine Kampfkunst regelrecht überlaufen würdest?

Alles mit Vorsicht!

Wie schon gesagt, hat Leidenschaft Licht und SCHATTEN!

Leidenschaft bedeutet Aufopferung und bedingungslos Hingabe, eine Art Verschwendung von Zeit, Kraft und materiellen Mitteln an Dinge, Menschen oder höhere Ideen. In ihren stärksten Formen gleicht sie dem Laster oder auch der Sucht, zumindest ist sie aber ein verwirrendes Gefühl, gemischt aus Hoffnung, Euphorie und Gier, gespickt mit Wut, seelischem Schmerz und Angst. Das bedeutet, dass sie in der Regel nicht durch den Verstand beherrscht werden kann – und vor allem auch nicht beherrscht werden will –, sondern sich ihrerseits die Schärfe des Verstandes für ihre Zwecke unterwirft.

Wir dürfen nie Sklaven unserer Leidenschaft werden. Bedingungslosigkeit, Sucht, Wut, Angst sind Gefühle, die eine Leidenschaft begleiten. Dabei sollten wir ihnen aber nicht verfallen. Kampfkunst lehrt Kontrolle. Kontrolle über Gefühle, Kontrolle über uns selbst.

Wie immer ist es die Balance, die die Musik macht. Leidenschaft und Kontrolle sind wie Yin & Yang. Zwei Kräfte, die ohne einander nicht existieren sollten. Ausgleich, Gleichgewicht, die innere Mitte muss immer angestrebt werden. Leidenschaft mit Köpfchen eben 😉

Möchtest Du diesen Gedanken noch ein paar Weitere hinzufügen? Bitte fühl dich eingeladen!

/Respekt

By |2017-11-07T14:28:36+00:00Februar 8th, 2017|3 Comments

3 Comments

  1. Keyboard Warrior Felix 9. Februar 2017 at 01:34 - Reply

    Eine Sache, die mich ein bisschen nervt ist, wenn Trainer/Sensei harte Training von „früher“ glorifizieren, aber selber heute kein hartes Training machen.

    Zugegebenermaßen liegt das vielleicht auch an den Schülern, die keine Lust darauf haben. Aber die Trainer sollten auch zugeben, dass manche alten Trainingsmethoden nicht optimal waren und andererseits bereit sein, andere alte Trainingsmethoden wiederzubeleben, obwohl sie anstrengend sind. (Sowas wie Abhärtung, Krafttraining, mehr Wiederholungen zu Lasten von Abwechslung)

    • Basty 9. Februar 2017 at 22:00 - Reply

      Servus Felix,
      ich finde Du hast vollkommen Recht! Ein Trainer sollte authentisch sein. Wenn er hartes Training verlangt, sollte er selbst hart trainieren.

      Zudem sollte ein guter Trainer immer auf dem Laufenden sein, was Trainingsmethoden angeht. Und auch einen Wandel zulassen. Das Argument „so wurde das immer gemacht“ zählt nicht. Etwas wird gemacht weil es gute Ergebnisse bringt und einem Ziel folgt. Wenn es dann eine bessere Methode gibt, sollte er dies auch anerkennen.

      LG Basty

  2. […] zum Artikel gestern! Wenn ein Artikel „Train hard oder wie war das?“ kommt, muss auch etwas zum Relaxen kommen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass der […]

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